Seehofers Kurs gegen Stromtrassen Energiepolitik paradox

Ganz so harmonisch dürfte sich der Anblick der geplanten Stromtrasse in der Realität nicht gestalten

Der Süden braucht dringend Alternativen zum Atomstrom. Doch Bayerns Ministerpräsident Seehofer macht gegen Windenergie und neue Leitungen Stimmung. So verschärft die Staatsregierung die Versorgungslücke, vor der sie doch so große Angst hat.

Ein Kommentar von Michael Bauchmüller, Berlin

In Bayern tickt die Uhr. Knapp 22 Monate noch, dann wird in Grafenrheinfeld bei Würzburg das nächste Atomkraftwerk abgeschaltet. Eine neue Stromleitung quer durch Thüringen soll fortan zusätzlichen Strom nach Unterfranken bringen. Was aber, wenn sie nicht fertig wird? Uralt-Kraftwerke müssen dann die AKW-Lücke stopfen. Um zu begreifen, wie wichtig neue Leitungen in Zeiten des Atomausstiegs sind, müsste Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer nicht weit reisen.

Stattdessen wirbt er allen Ernstes für ein Moratorium beim Netzausbau, offensichtlich mit Rücksicht auf lokale Proteste so kurz vor Kommunalwahlen. Zusehends wird Bayern zum energiepolitischen Vakuum der Republik: Nichts passt mehr zusammen. Zuletzt hatte es die Staatskanzlei vor allem auf die Windenergie abgesehen.

Erst einen Monat ist es her, da verteufelte das Kabinett die "ausufernde Verspargelung" Bayerns, die "Reiz" und "Zauber" des Freistaates zerstöre. Die Botschaft an Windpark-Investoren ist klar: Vergesst Bayern. Jetzt macht Seehofer auch noch Front gegen Stromleitungen, die den Süden besser mit dem Rest Deutschlands verbinden könnten. Woher der Strom stattdessen kommen soll, das verrät er nicht.

Bayern verschärft die Versorgungslücke, vor der es Angst hat

Seehofer spielt mit dem Feuer. Nirgends braucht es so dringend Alternativen zum Atomstrom wie im Süden. Sechs der neun verbliebenen AKWs gehen hier peu à peu vom Netz, das letzte davon 2022. Gerade mal acht Jahre ist das noch hin. Doch während im Norden schon jetzt Windräder zunehmend die Lücken füllen, setzt Bayern vor allem auf Sonnenstrom und Biomasse. Beides aber wird für die Versorgung nicht ausreichen - mal ganz abgesehen davon, dass auch Mais-Monokulturen Reiz und Zauber Bayerns trüben könnten.

Blieben Windenergie und neue Leitungen - jene Auswege, gegen die Seehofer nach Kräften Stimmung macht. Besonderes Engagement für sparsameren, effizienteren Umgang mit Energie, noch so eine Alternative, lässt das Land auch nicht erkennen. So verschärft die Staatsregierung jene Versorgungslücke, vor der sie doch so große Angst hat - Energiepolitik paradox.

Das heißt nicht, dass einzelne Leitungen nicht hinterfragt werden dürfen; namentlich jene Südost-Trasse, die künftig ostdeutsche Braunkohlereviere mit dem Süden verbinden soll. Aber auf Leitungen kann Süddeutschland nur in dem Maße verzichten, in dem dort eine verlässliche, dezentrale Energieversorgung entsteht. Dazu aber bräuchte es jene Strategie, die es in Bayern ganz offensichtlich derzeit nicht gibt.

Stattdessen ruft die CSU nun nach Gaskraftwerken. Die sind als Puffer gar nicht mal schlecht - jedenfalls, wenn sie der Ergänzung schwankender erneuerbarer Energien dienen. Werden diese aber kaum mehr ausgebaut, und fehlen zugleich Leitungen für Windstrom aus dem Norden, dann übernehmen Gaskraftwerke zunehmend die Versorgung. Das ist dann keine Energiewende mehr, sondern ein Weiter-so mit anderem Brennstoff. Der aber kommt garantiert nicht aus Bayern, sondern aus Russland oder sonstwo her.