Karl-Theodor zu Guttenberg In der CSU nagt der Neid

Karl-Theodor zu Guttenberg trat auf dem Gillamoos auf. Viele Leute jubeln - einige aber reiben sich staunend die Augen.

(Foto: Getty Images)
  • Seit zwei Jahren arbeitet Horst Seehofer an der Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg. Der CSU-Chef glaubt, die Partei könne auf dessen Strahlkraft nicht verzichten.
  • Das verstört viele in der CSU, die ihren Aufstieg auf dem normalen Dienstweg anzutreten versuchen.
  • In der Partei wächst nicht nur die Skepsis gegenüber Guttenberg, auch der Missmut über Seehofer nimmt zu.
Von Roman Deininger und Wolfgang Wittl

Bayern und Bier, diese Verbindung funktioniert immer, so viel weiß Karl-Theodor zu Guttenberg auch nach sechseinhalb Jahren im amerikanischen Exil. Also reckt er bei seiner Rede am Gillamoos einen Steinkrug in die Höhe. Dass kein Bier darin ist, sondern nur Wasser? Umso besser. Andere hätten einfach getrunken. Guttenberg zelebriert eine Verbrüderung mit dem Publikum. Er ruft: "Sind wir hier im Adelholzener-Pavillon oder im Bierzelt?" Prompt bekommt er eine Mass Festbier gereicht. Dass er den Krug "Haferl" nennt, geht irgendwie unter.

Ein Prosit, ein Schluck, "ah, das hat wirklich gefehlt". Noch rasch ein Witzchen über die USA, wo man ja einen Mann gewählt habe, "der Bier nicht mal richtig buchstabieren kann", und weiter geht's. Viele Leute jubeln - einige aber reiben sich staunend die Augen.

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Auch ein paar CSU-Landtagsabgeordnete waren am Montag ins Bierzelt nach Abensberg gekommen, um das Phänomen Guttenberg zu ergründen. Da tritt einer wegen einer gefälschten Doktorarbeit zurück, klinkt sich jahrelang aus dem politischen Betrieb aus, fliegt zu neun Wahlkampfauftritten nach Bayern ein und zieht die Massen sofort wieder in seinen Bann. Allerdings, auch das gehört zu diesem Phänomen: Je mehr der Beifall an der Basis anschwillt, desto lauter wird das Grummeln in den höheren Partei-Etagen. "Die CSU-Offiziere sehen Guttenberg deutlich kritischer als die kleinen Leute", sagt ein Abgeordneter. Sie bezweifeln, dass Guttenbergs politische Substanz mit seiner rhetorischen Kraft mitzuhalten vermag. Auch der Missmut über Horst Seehofer wächst.

Seit zwei Jahren arbeitet der Parteichef an Guttenbergs Rückkehr. Er glaubt, die CSU könne auf dessen Strahlkraft nicht verzichten. Inzwischen forciert Seehofer das Thema fast täglich. "Wirklich gut" sei der Guttenberg, flötete er am Wochenende auf dem Karpfhamer Volksfest, "der kann was". In der Passauer Neuen Presse legte Seehofer dann am Montag nach, er könne sich Guttenberg, 45, "überall" vorstellen, als Minister in Bayern wie in Berlin. So viel Lob für einen, der sich wegen seines eigenen Versagens, wie er es selbst nennt, vermeintlich schon aus der Politik verabschiedet hat? Das verstört viele in der CSU, die ihren Aufstieg auf dem normalen Dienstweg anzutreten versuchen.

Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat als Selbstdarsteller plötzlich Konkurrenz bekommen.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)

Selbst treuen Seehofer-Gefolgsleuten wie Alexander Dobrindt wird nachgesagt, sie betrachteten eine Rückkehr Guttenbergs aus dem politischen Exil wenig wohlwollend. Dobrindt ist Bundesverkehrsminister, sein nächstes Büro wird er wohl als Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag beziehen. Er wäre somit einer, der mit Guttenberg oft zu tun hätte. Denn dass der Ex-Minister im Falle eines Comebacks wieder die Berliner Bühne bespielen würde und nicht die in München, gilt trotz Seehofers Spekulationen um einen bayerischen Kabinettsposten als wahrscheinlich.

Guttenberg verstand sich stets als Bundes- und Weltpolitiker, auch im Gillamoos-Bierzeltdunst spricht er fast nur über Außenpolitik. So jemand soll sich plötzlich für bayerische Bio-Höfe oder Kindergartenimpfungen interessieren? Ilse Aigner hat sich in der CSU einen Ruf als warnendes Beispiel erworben, was es bedeuten kann, wenn man vom Bund ins Land wechselt. Sie musste lernen: In der selbstbewusst-robusten Landtagsfraktion sind andere Qualitäten gefragt als in Berlin.

Auch die gut sortierten Bataillone von Finanzminister Markus Söder dürften auf Guttenberg wenig einladend wirken. Eine Mehrheit in der CSU-Fraktion, die Guttenberg statt Söder zum Ministerpräsidenten wählt? Schwer vorstellbar.

Innenminister Joachim Herrmann ist CSU-Spitzenkandidat. Doch ein anderer stiehlt ihm die Show.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Sogar die Fans in seiner Heimat Kulmbach wünschen sich zwar eine Rückkehr Guttenbergs, aber den Franken Söder finden die meisten auch nicht schlecht. Einen Konflikt der beiden wünscht sich niemand, eher friedliche Koexistenz auf verschiedenem Terrain. Söder hat sich unmissverständlich für die Landespolitik entschieden; Guttenberg hat Berlin schon immer umarmt. Diese Selbstverortung dürfte sich trotz folkloristischer Einlagen wie auf dem Gillamoos nicht geändert haben.

Seehofer hat erklärt, es gebe "keine Vorhersage", dass Guttenberg "das Amt eines Bundesministers anstrebt oder bekommt". Gleichwohl bräuchte er eine Plattform, soll er in der CSU künftig eine tragende Rolle spielen. Der Schwabe Gerd Müller gilt als gesetzt in einem unionsgeführten Bundeskabinett, ebenso Spitzenkandidat Joachim Herrmann, sollte die CSU das Innenministerium bekommen. Generalsekretär Andreas Scheuer darf auf einen Ministerposten hoffen, könnte aber für Guttenberg weichen müssen. Am einfachsten wäre es für die CSU, sie bekäme vier Ministerien. Das aber gelingt nur in einer schwarz-gelben Koalition und mit viel Verhandlungsgeschick. Und dann ist da ja noch die Frage, welches Ressort Guttenberg selbst überhaupt angemessen findet.

Seehofer hat sich auf nichts festgelegt, doch seine Spielchen verunsichern die Partei. Die Landesleitung hofiere Guttenberg momentan mehr als den eigenen Spitzenkandidaten Joachim Herrmann, wird etwa gemault. Altgediente Abgeordnete fragen, was Guttenberg eigentlich in der Sacharbeit vorzuweisen habe. "Guttenberg wird von vielen eher als Schaumschläger und Paradiesvogel gesehen, und nicht als politischer Anführer", sagt ein CSU-Mann. Allerdings spiele bei dieser Beurteilung wohl auch viel Neid mit. "Der Glanz von Guttenberg lässt alle schwach aussehen."

Alle? Manche in der CSU erinnern an die Zeit, als der junge Guttenberg der kommende Mann der CSU war und der alte Parteichef Seehofer nur sein "Platzhalter", so stand das damals im Münchner Merkur. Auf Parteitagen drängten sich die Kameras um Guttenberg, Seehofer saß unbeachtet in der ersten Reihe.

Seehofer, der Sohn eines Lastwagenfahrers aus Ingolstadt, hat sich alles erarbeiten müssen. Guttenberg, der Spross derer von und zu, bekam viel geschenkt. Seehofer wies deshalb seinerzeit gern darauf hin, dass er es war, der Guttenberg "erfunden" habe. Nach dieser Lesart ist er heute im Begriff, ihn ein zweites Mal zu erfinden. Die Frage ist nur: Wird er diesmal glücklich mit seinem Werk?

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