Kinder entdecken nicht die Welt:Die Neugier geht verloren

Für besorgniserregender als diese Ergebnisse halten Experten, dass Kinder die Neugier verlieren, mehr über die Natur zu erfahren. Um die intuitive Lust auf Natur ausbilden zu können, müssten Heranwachsende frei draußen spielen dürfen, ohne dass Erwachsene ihre Erfahrungen zu lenken versuchen, sagt der Erziehungswissenschaftler Ulrich Gebhard von der Universität Hamburg und Autor des Buches "Kind und Natur". Daran jedoch hapert es.

"Viele Kinder haben keine Erfahrung mehr damit, draußen zu toben", sagt Axel Schreiner. "Ihnen fehlt es an der Möglichkeit, ihre Muskeln zu erproben." So wie es die zwölfjährige Hannah beim Kletterkurs am Ammersee tut. Gesichert mit Seilen und Helm hangelt sie sich den Baumstamm hinauf, zwei Meter hoch ist sie schon gekommen. Sie klettere auch sonst ab und zu, hat die Schülerin vorher gesagt. Aber nicht im Wald auf Bäume, sondern im Klettergarten.

Natur ist nur noch interessant, wenn sie aufgepeppt wird, das erlebt auch Axel Schreiner in Wartaweil immer wieder. Durch das Gelände fließt ein kleines Gewässer, das in den Ammersee mündet. "Früher hat dort nie ein Kind gespielt", erzählt der Forstwirt, obwohl ein Schild ausdrücklich anzeigt: "Betreten erlaubt". Dann baute Schreiner die Wasserbaustelle: nichts weiter als Holzplanken rund um den Bach. Seither kommen Eltern mit ihrem Nachwuchs aus 20 Kilometer Entfernung angefahren, auch aus Orten, die selbst direkt am See liegen - damit das Kind die Natur kennenlernt.

Kann es auf diese Weise lernen, unverkrampft mit ihr umzugehen? Eltern und Lehrer sind dafür keine guten Vorbilder. Viele Erwachsene verklären die Natur; alles Natürliche gilt als gut - gefährliche Parasiten und der Löwe, der das Zebra brutal niederbeißt, werden ausgeblendet. Als Bambi-Syndrom bezeichnet Brämer diese Haltung und sagt: "Darin zeigt sich die Naturentfremdung weit deutlicher als in den Defiziten an elementaren Naturkenntnissen."

Ebenso wie viele Erwachsene die Natur als eine Art museale Einrichtung betrachten, wird sie zu einem Subjekt, das wegen seiner vielen Leiden und Anfälligkeiten geschützt und gepflegt werden muss. Die Natur gilt als Sorgenkind, bedroht durch Klimawandel, Lebensraum-zerstörung - und vor allem durch die Anwesenheit des Menschen. Zu einer heilen Natur gehören Gras, Bäume, Vogel und Schmetterling.

Das zumindest malen Lehrer in Befragungen, wenn sie Bilder zu dem Begriff Natur erzeugen sollen. Menschen finden sich kaum in den bunten Kritzeleien. Fast meint man, jene Kordeln zu erkennen, die in Schlössern antike Möbelstücke vor aufdringlichen Besuchern schützen sollen. Der Mensch gilt als der größte Feind der Natur; Brämer spricht von einer "moralischen Selbstaussperrung". "Dabei sind wir doch selbst durch und durch ein Stück Natur."

Den Mythos, dass wahre Natur menschenleer sein müsse, haben offenbar schon viele Kinder verinnerlicht. "Sie erleben Natur vor allem mit schlechtem Gewissen", sagt Schreiner. Er hat Elfjährige erlebt, die problemlos Wörter wie Kiotoprotokoll oder Treibhausgasemissionen aussprechen und auch wissen, was sich dahinter verbirgt. Umweltschäden sind ihnen vertrauter als das klebrige Gefühl, wenn sich die Hand in einem Spinnennetz verfängt.

Für so verletzlich halten Kinder die Natur, dass sie sich leiser verhalten als im eigenen Klassenzimmer, Verbotsschilder beachten und das Aufräumen für selbstverständliche Pflichten in Wald und Wiesen halten, wie die Jugendreporte der Uni Marburg gezeigt haben. Vor allem der Wunsch nach Ordnung ist derart ausgeprägt, dass Brämer sagt: "Die vielbeschworene Sehnsucht nach Wildnis kann man bestenfalls einer Minderheit unterstellen."

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