Kinder entdecken nicht die Welt:Verkrampftes Verhältnis zur Natur

Sie können die Folgen des Klimawandels referieren, aber sie fürchten sich vor Käfern, benehmen sich im Grünen wie im Museum und verlieren ihre Neugier auf echte Pflanzen und Tiere. Etwas läuft falsch im Verhältnis zwischen Kind und Natur.

Katrin Blawat

Der Baum ist eine Einladung. Sein fast ein Meter dicker Stamm hat tief ansetzende Äste, die auch für Kinderfüße gut zu erreichen sind. Also hochklettern? Wenn Axel Schreiner seinen Besuchern des Naturschutz- und Jugendzentrums im oberbayerischen Wartaweil am Ammersee diese Frage stellt, bekommt er immer die gleichen Reaktionen.

Spätsommer im Allgäu, 2006

Ist das nicht gefährlich? Oder schädlich für den See? Dass wir Menschen Teil der Natur sind und nicht nur ihr Besucher, lernen Kinder heute oft nicht mehr.

(Foto: dpa)

Darf man das, einfach so auf einen Baum klettern? Schadet das nicht der Natur? "Die Hälfte der Kinder glaubt, dass Baumklettern verboten sei", sagt Schreiner. Der Forstwirt wundert sich nicht mehr darüber, wie sich Kinder der Natur heute nähern - sofern sie es überhaupt noch tun. Stattdessen bietet der Bund Naturschutz in Bayern, der das Jugendzentrum betreibt, unter anderem Kurse im Baumklettern an. "Sie sind unser beliebtestes Programm", sagt Schreiner.

Wenn Kinder Bäume für verbotene Zonen halten, sie aber gleichzeitig die Folgen des Klimawandels referieren können, wenn sich zwei Drittel der Kinder vor einem Käfer auf der Hand fürchten und Ruhe im Wald für das höchste Gut halten - dann läuft etwas falsch im Verhältnis zwischen Kind und Natur.

Tümpel, Wald, Wiesen und die verwilderte Industriebrache sind für die meisten Kinder heute nicht mehr selbstverständlicher Teil ihrer Welt, sondern allenfalls ein Ausflugsziel für das Wochenende.

Natur ist nicht mehr Lebensraum, sondern sie wird besucht, so wie ein fremdes Haus, der Zoo oder ein Kindertheater: Bei Regen geht es in ein Museum, bei gutem Wetter für einen Nachmittag in den Wald, pädagogische Erläuterungen eingeschlossen.

Diese Entwicklung könne Kinder sogar krank machen, warnt Richard Louv in seinem viel beachteten Buch "Last Child in The Woods", das Ende August auf Deutsch erscheint ("Das letzte Kind im Wald", Beltz). Dass Kinder einfachste Zusammenhänge in der Natur nicht mehr kennen, ist nach Ansicht vieler Experten aber nicht die gravierendste Folge fehlender Naturerfahrungen.

"Das wird schon seit einem Jahrhundert beklagt", sagt Rainer Brämer von der Universität Marburg, Autor des jährlich wiederholten "Jugendreports Natur", für den Brämer mehr als 3000 Sechst- und Neuntklässler befragt. Im vergangenen Jahr wusste nur die Hälfte von ihnen, wie die Sonne tagsüber am Himmel wandert; zwölf von 100 Heranwachsenden konnten ein Lindenblatt identifizieren. Stadt- und Landkinder waren gleichermaßen ahnungslos.

Die Neugier geht verloren

Für besorgniserregender als diese Ergebnisse halten Experten, dass Kinder die Neugier verlieren, mehr über die Natur zu erfahren. Um die intuitive Lust auf Natur ausbilden zu können, müssten Heranwachsende frei draußen spielen dürfen, ohne dass Erwachsene ihre Erfahrungen zu lenken versuchen, sagt der Erziehungswissenschaftler Ulrich Gebhard von der Universität Hamburg und Autor des Buches "Kind und Natur". Daran jedoch hapert es.

"Viele Kinder haben keine Erfahrung mehr damit, draußen zu toben", sagt Axel Schreiner. "Ihnen fehlt es an der Möglichkeit, ihre Muskeln zu erproben." So wie es die zwölfjährige Hannah beim Kletterkurs am Ammersee tut. Gesichert mit Seilen und Helm hangelt sie sich den Baumstamm hinauf, zwei Meter hoch ist sie schon gekommen. Sie klettere auch sonst ab und zu, hat die Schülerin vorher gesagt. Aber nicht im Wald auf Bäume, sondern im Klettergarten.

Natur ist nur noch interessant, wenn sie aufgepeppt wird, das erlebt auch Axel Schreiner in Wartaweil immer wieder. Durch das Gelände fließt ein kleines Gewässer, das in den Ammersee mündet. "Früher hat dort nie ein Kind gespielt", erzählt der Forstwirt, obwohl ein Schild ausdrücklich anzeigt: "Betreten erlaubt". Dann baute Schreiner die Wasserbaustelle: nichts weiter als Holzplanken rund um den Bach. Seither kommen Eltern mit ihrem Nachwuchs aus 20 Kilometer Entfernung angefahren, auch aus Orten, die selbst direkt am See liegen - damit das Kind die Natur kennenlernt.

Kann es auf diese Weise lernen, unverkrampft mit ihr umzugehen? Eltern und Lehrer sind dafür keine guten Vorbilder. Viele Erwachsene verklären die Natur; alles Natürliche gilt als gut - gefährliche Parasiten und der Löwe, der das Zebra brutal niederbeißt, werden ausgeblendet. Als Bambi-Syndrom bezeichnet Brämer diese Haltung und sagt: "Darin zeigt sich die Naturentfremdung weit deutlicher als in den Defiziten an elementaren Naturkenntnissen."

Ebenso wie viele Erwachsene die Natur als eine Art museale Einrichtung betrachten, wird sie zu einem Subjekt, das wegen seiner vielen Leiden und Anfälligkeiten geschützt und gepflegt werden muss. Die Natur gilt als Sorgenkind, bedroht durch Klimawandel, Lebensraum-zerstörung - und vor allem durch die Anwesenheit des Menschen. Zu einer heilen Natur gehören Gras, Bäume, Vogel und Schmetterling.

Das zumindest malen Lehrer in Befragungen, wenn sie Bilder zu dem Begriff Natur erzeugen sollen. Menschen finden sich kaum in den bunten Kritzeleien. Fast meint man, jene Kordeln zu erkennen, die in Schlössern antike Möbelstücke vor aufdringlichen Besuchern schützen sollen. Der Mensch gilt als der größte Feind der Natur; Brämer spricht von einer "moralischen Selbstaussperrung". "Dabei sind wir doch selbst durch und durch ein Stück Natur."

Den Mythos, dass wahre Natur menschenleer sein müsse, haben offenbar schon viele Kinder verinnerlicht. "Sie erleben Natur vor allem mit schlechtem Gewissen", sagt Schreiner. Er hat Elfjährige erlebt, die problemlos Wörter wie Kiotoprotokoll oder Treibhausgasemissionen aussprechen und auch wissen, was sich dahinter verbirgt. Umweltschäden sind ihnen vertrauter als das klebrige Gefühl, wenn sich die Hand in einem Spinnennetz verfängt.

Für so verletzlich halten Kinder die Natur, dass sie sich leiser verhalten als im eigenen Klassenzimmer, Verbotsschilder beachten und das Aufräumen für selbstverständliche Pflichten in Wald und Wiesen halten, wie die Jugendreporte der Uni Marburg gezeigt haben. Vor allem der Wunsch nach Ordnung ist derart ausgeprägt, dass Brämer sagt: "Die vielbeschworene Sehnsucht nach Wildnis kann man bestenfalls einer Minderheit unterstellen."

"Die Kinder trampeln alles kaputt"

Wenn schon Erwachsene Natur entweder romantisch verklären oder als Projektionsfläche für Zukunftsängste sehen, von wem können Kinder dann lernen, dass Unruhe und Unordnung an sich Merkmale der Natur selbst sind? Auch Schreiner diskutiert mit seinen Kollegen, ob sie ihren Besuchern zeigen sollen, wo seltene Orchideen wachsen. "Die Kinder trampeln alles kaputt", hört er dann als Begründung, warum Natur und Mensch in getrennten Welten zu belassen seien. "Wie aber sollen sie denn schützen, was sie nicht kennen?", erwidert er.

Vielleicht liegt es also weniger an den Verlockungen von Playstation und Wii-Konsole, wenn Kinder sich nicht für die Natur interessieren, als vielmehr an falsch verstandener Umweltpädagogik. Als in Wartaweil einmal drei Grundschüler in eine Pfütze spuckten, schimpfte die Lehrerin mit ihnen. Dabei wollten die Jungen eine naturwissenschaftliche Frage lösen: Kann die Raupe, die, halb von Wasser bedeckt, in der Pfütze sitzt, schwimmen? Um das herauszufinden, versuchten die Kinder den Wasserspiegel zu erhöhen - mithilfe ihrer Spucke. Vielleicht hätte die Raupe tatsächlich wenig Freude an dem Experiment gehabt. Doch Brämer sagt: "Damit es Spaß macht, die natürliche Umwelt zu entdecken, bedarf es kindlicher Bewegungsfreiheit ohne belehrenden Zeigefinger."

Dies zu ermöglichen, ist das Ziel der mehr als 1400 Naturkindergarten-Gruppen in Deutschland, in denen Kinder bei jedem Wetter draußen spielen - nur mit Stöcken, Steinen und Zapfen, die zufällig herumliegen. Untersuchungen zufolge sind diese Kinder kreativer und sozial verträglicher als Altersgenossen aus gewöhnlichen Kindergärten. Diese sind allerdings in manchen feinmotorischen Fähigkeiten überlegen.

Es gebe derzeit einen spürbaren Trend hin zu Naturkindergärten, sagt die Vorsitzende des Bundesverbands der Natur- und Waldkindergärten, Ute Schulte-Ostermann. Doch immer wenn vermehrt Berichte über Zecken oder den Fuchsbandwurm kursieren, gingen die Anfragen zurück. Auch fürchten viele Eltern Unfälle beim Spielen in unkontrollierter Umgebung. "Dabei passiert dort weniger als auf DIN-genormten Spielplätzen", sagt der Erziehungswissenschaftler Gebhard. "Offenbar üben Kinder draußen im freien Spiel selbstverantwortliches Verhalten." Dürfen die in der Natur unerfahrenen Kinder dann doch einmal lostoben, kennen sie ihre Grenzen nicht und klettern höher den Baum hinauf, als sie aus eigener Kraft wieder herunterkommen.

Andere Verfechter des freien Spiels in der Natur befürchten wie der Autor Richard Louv gar eine Generation von Angst- und ADHS-Patienten. Louv zufolge müsse ADHS eigentlich "Naturdefizitstörung" heißen: Kinder würden krankhaft zappelig, weil sie nicht mehr in Wald und Wiese spielen. Dabei seien Naturerfahrungen für die kindliche Entwicklung ebenso essentiell wie soziale Kontakte, gute Ernährung und ausreichend Schlaf. Konsequenterweise empfiehlt er freies Spielen in der Natur als Therapie für ADHS-Patienten. Auch der Biologe und Philosoph Andreas Weber konstatiert in seinem Buch "Mehr Matsch!": "Natur heilt ADHS."

So schlüssig diese Behauptungen klingen, noch fehlen wissenschaftliche Belege dafür. "Ich halte das für übertrieben", sagt der Erziehungswissenschaftler Gebhard. "Naturerfahrungen machen Spaß - sie sind aber kein Notprogramm, um Schäden zu vermeiden." Allerdings bestätigen mehrere Studien, dass Natur der Psyche guttun kann. "Der Kopf wird besonders schnell wieder klar", sagt Brämer, "Stressgefühle nehmen ab."

Zumindest die der Menschen. Die Schnecke, die Axel Schreiner im Wald des Naturschutz- und Jugendzentrums Wartaweil gefunden hat, empfindet das möglicherweise anders. Rote, mit Filzstift gemalte Streifen zieren ihr Gehäuse, außerdem ein schwarz-weißes Karomuster, wie man es von Formel-1-Flaggen kennt. "Eine Schnecke ferrariensis. Die gibt es nur hier", erklärt Schreiner seinen Besuchern.

© SZ vom 11.08.2011/mcs
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