Wegen Ukraine-Krieg:Wintershall Dea legt Russland-Pläne auf Eis

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Wegen Ukraine-Krieg: Fünf europäische Energiekonzerne haben sich die Hälfte der 9,5 Milliarden Euro Baukosten geteilt.

Fünf europäische Energiekonzerne haben sich die Hälfte der 9,5 Milliarden Euro Baukosten geteilt.

(Foto: Stefan Sauer/picture alliance)

Der Öl- und Gaskonzern schreibt auch die Beteiligung an Nord Stream 2 ab - um ein Zeichen zu setzen, heißt es aus dem Konzern. Auch andere Firmen müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, das Geld buchstäblich versenkt zu haben.

Von Michael Bauchmüller, Berlin, Benedikt Müller-Arnold, Düsseldorf, und Isabel Pfaff, Bern

Wintershall Dea hat lange, tiefe Wurzeln in Russland. Seit 30 Jahren ist das Unternehmen dort aktiv, zusammen mit einer Gazprom-Tochter fördert sie in Sibirien Gas. Auch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 hat Wintershall Dea mitfinanziert, zusammen mit Gazprom betreibt man Gasleitungen in Deutschland. Doch am Mittwoch reicht es dem Unternehmen.

Schon am Morgen wird eine Erklärung fertig, dahinter stehen die Gesamtbetriebsräte, der Vorstand, Vertreter der Führungskräfte. "Um es ganz klar zu sagen", schreiben sie: "Bomben, Kugeln und Kampfstiefel sind unter keinen Umständen geeignete Mittel, um Probleme zu lösen." Der russische Präsident Wladimir Putin allein habe den Frieden aufgekündigt, darunter leiden nun Beschäftigte in Russland wie auch in der Ukraine. "Für sie, aber auch für uns alle, ist dieser Krieg gegen die Ukraine ein harter Schlag."

Doch der härtere Schlag kommt am Nachmittag. Da verkündet der Kasseler Konzern, eine Beteiligung des Chemiekonzerns BASF, in einer knappen Erklärung einen Schnitt im Russland-Geschäft. Man werde keine zusätzlichen Projekte zur Gas- und Ölförderung in Russland verfolgen, alle Planungen für neue Projekte würden gestoppt. Zwar soll die Förderung in den sibirischen Gasfeldern offenbar weitergehen. Zahlungen nach Russland werde man "grundsätzlich" mit sofortiger Wirkung einstellen. Die Finanzierung von Nord Stream 2 wolle Wintershall abschreiben.

Insgesamt haben fünf Energiekonzerne aus Europa Nord Stream 2 als Finanzinvestoren unterstützt: Neben Wintershall Dea sind das die frühere Eon-Tochter Uniper sowie Engie aus Frankreich, OMV aus Österreich und Shell aus Großbritannien. Zusammen haben die Unternehmen die Hälfte der Baukosten getragen, die sich auf etwa 9,5 Milliarden Euro belaufen. Mit Krediten von jeweils etwa 950 Millionen Euro hatten die Konzerne den Bau des Milliardenprojekts mitfinanziert - in Zeiten, in denen zwar alle möglichen Behörden in Polen, Dänemark oder Brüssel Bedenken anmeldeten, aber kaum jemand an der Umsetzung zweifelte. Die Bundesregierung stand fest hinter dem Projekt, Bauherr Gazprom versprach eine gute Verzinsung. Und das selbst für Zeiten, in denen kein Gas floss.

Wintershall Dea steht also nicht allein. Von der Firma Uniper hieß es zuletzt, dass sie den Wert ihrer Finanzbeteiligung an Nord Stream 2 "bisher nicht" nach unten korrigiert habe. Man prüfe aber, ob Abschreibungen nötig seien, sagte Vorstandschef Klaus-Dieter Maubach bei der jüngsten Bilanzvorlage. Im Geschäftsbericht weist Uniper auf ein "Ausfallrisiko der Forderungen" gegenüber Nord Stream 2 hin, falls das Projekt nicht erfolgreich abgeschlossen werden sollte - worauf gerade tatsächlich nichts hindeutet. An diesem Donnerstag legt der finnische Mutterkonzern Fortum Zahlen vor, dann könnte es mehr Klarheit geben.

Gerüchte, man habe Insolvenz anmelden müssen, weist die Nord Stream 2 AG zurück

Der OMV-Konzern hat am Dienstag mitgeteilt, dass er seine Beteiligung an Nord Stream 2 überprüfen wolle. Die Wiener kappen derzeit mehrere Geschäftsbeziehungen nach Russland. Auch eine mögliche Beteiligung an einem Gazprom-Gasfeld haben sie aufgegeben. Der Shell-Konzern hat bereits am Montag angekündigt, dass er seine Partnerschaft mit Gazprom aus Russland beendet habe, einschließlich der Beteiligung an Nord Stream 2. Dies werde auch Abschreibungen zur Folge haben.

Zuvor waren Gerüchte laut geworden, die Nord Stream 2 AG habe Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen hatte seinen Beschäftigten quasi über Nacht gekündigt, telefonisch war es nicht mehr zu erreichen. Aber insolvent? Das könne man nicht bestätigen, teilte das Unternehmen am Mittwoch mit. Die lokalen Behörden habe man lediglich darüber informiert, dass man wegen der "jüngsten geopolitischen Entwicklungen" und der damit verbundenen Sanktionen Verträge mit Mitarbeitern habe beenden müssen.

Es ist allein diese Erklärung, die sich am Mittwochnachmittag noch auf der Homepage der Nord Stream 2 AG findet, mehr nicht. Wegen "ernster und fortgesetzter Attacken von außen" habe man die Webseite aus dem Netz genommen, heißt es dort. Und leider seien die eigenen Mobil- und Festnetznummern nicht zu erreichen. "Zumindest fürs Erste." Die Hoffnung stirbt offenbar zuletzt.

Dabei gilt eine Insolvenz des Unternehmens manchen Beobachtern nur als eine Frage der Zeit. Eine Firma wie Nord Stream 2 habe als Gazprom-Tochter keinen Zugriff mehr auf ihre Konten, heißt es, da sich die Banken in der Schweiz an den US-Sanktionen gegen Russland orientiert hätten.

Wirtschaftsfachleute sprechen von versunkenen Kosten, wenn Unternehmen viel Geld in etwas investiert haben, das dann nichts abwirft. In diesem Fall sind sie versunken auf dem Grund der Ostsee.

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