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Unternehmen:Dax-Konzerne sind so erfolgreich wie nie

FILE PHOTO: Ola Kaellenius, CEO of German luxury car manufacturer Daimler AG, speaks at the annual results news conference

Der Mercedes-Stern bei der digitalen Jahrespressekonferenz von Daimler: Der Gewinn des Autobauers ist sehr deutlich gestiegen.

(Foto: Andreas Gebert/Reuters)

Der Gewinn aller Dax-Konzerne zusammen hat sich im ersten Quartal mehr als verdoppelt, die Geschäfte laufen bestens. Dabei bekommen einige noch Unterstützung. Das finden nicht alle gut.

Von Caspar Busse, Elisabeth Dostert, Max Hägler und Benedikt Müller-Arnold

Es ist ein derartiger Gewinnsprung, dass sie in Stuttgart offensichtlich gar nicht recht darüber reden wollen, jedenfalls schiebt Daimler das Plus in der Quartalsmitteilung nicht nach vorne: Um 832 Prozent ist der operative Gewinn im ersten Quartal dieses Jahres gestiegen. 5,8 Milliarden Euro verdiente der Autobauer in den ersten drei Monaten des Jahres, mehr als 60 Millionen Euro am Tag. Und das, obwohl die Corona-Seuche das Land immer noch im Griff hält. Gut, es gibt Sondereffekte bei Daimler, aber selbst wenn man die abzieht, ist man immer noch bei einer Gewinnsteigerung um Faktor sieben. Es läuft in Schwaben. Und Daimler ist kein Einzelfall.

Viele deutsche Unternehmen melden für das Jahr 2021 wieder gute Geschäfte - und vor allem überraschend stark steigende Gewinne. Von Adidas über Daimler, VW, Deutsche Post bis zu Siemens - alle berichten über Milliardengewinne, erhebliche Steigerungen des Profits und bessere Aussichten. Das addierte operative Ergebnis der 30 Dax-Unternehmen liegt von Januar bis März 2021 bei 41,8 Milliarden Euro, gegenüber dem ersten Quartal 2020 eine Verdoppelung. Der Umsatz legte in dem Zeitraum nur um durchschnittlich 9,6 Prozent zu.

Mehr noch: Der kumulierte Gewinn vor Zinsen und Steuern der Dax-Unternehmen erreichte im ersten Quartal 2021 den "höchsten in einem ersten Quartal jemals erzielten Wert", stellt die Beratungsfirma EY fest. Die positive Entwicklung sei auch deshalb bemerkenswert, da die Vorjahreszahlen - bis auf das China-Geschäft - noch kaum negativ durch die Pandemie beeinflusst waren. "Das erste Quartal war bärenstark", sagt Mathieu Meyer, Mitglied der EY-Geschäftsführung. Die Nachfrage sei in vielen Branchen außerordentlich hoch, zum Teil übertreffe das Wachstum noch die Erwartungen der Unternehmen, auch dank eines gut laufenden Exportgeschäfts, vor allem nach China.

Ganz anders bei kleineren und mittleren Firmen in Branchen wie der Gastronomie, dem Tourismus oder im Einzelhandel, die nach dem langen Lockdown mit existenziellen Krisen kämpfen. Diese Ungleichheit und das überproportionale starke Gewinnwachstum der Großen mitten in der Corona-Krise sorgt auch für Kritik. Denn einige der nun gut verdienenden Konzerne haben in der Pandemie lautstark staatliche Unterstützung gefordert, wie etwa die Autoindustrie. Viele nutzen zudem das Instrument des Kurzarbeitergelds, teilweise auch jetzt noch. Einige Konzerne haben im Corona-Jahr strikt Kosten reduziert und Jobs abgebaut. Das sei nicht nur aufgrundpandemiebedingter Umsatzausfälle erfolgt, "sondern vor allem, um die eigene Flexibilität und Zukunftsfähigkeit zu erhöhen", sagt EY-Mann Meyer. Im Klartext: Gerade größere Unternehmen könnten die Krise genutzt haben, um schlanker und damit auch ertragsstärker zu werden.

"Warum die Regierung nicht alle Hilfen an strenge Auflagen knüpft, ist absolut unverständlich."

"Einige Dax-Konzerne profitieren immer noch von staatlichen Krisenhilfen - trotz hoher Gewinne", kritisiert Lena Blanken von der Berliner Bürgerbewegung Finanzwende, die 2018 vom ehemaligen Grünen-Politiker Gerhard Schick gegründet wurde. Daimler beispielsweise hat im April eine Dividende in Milliardenhöhe ausgeschüttet und fährt derzeit hohe Gewinne ein - trotzdem erhalte das Unternehmen staatliche Unterstützung. Der Autobauer hat etwa wegen des Mangels an Halbleitern und elektronischer Bauteile die Produktion unterbrochen und Tausende Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. "Das sind Hilfen für die Falschen. Warum die Regierung nicht alle Hilfen an strenge Auflagen knüpft, ist absolut unverständlich", sagt Blanken. Viele Kleinunternehmen, die nur schwerlich an Hilfen kommen, würden da nur mit dem Kopf schütteln können. Blanken: "Eine solche Krisenpolitik untergräbt die Solidarität unserer Gesellschaft und stärkt zugleich das Ungerechtigkeitsempfinden."

Aktivisten der Buergerbewegung Finanzwende demonstrieren auf dem Potsdamer Platz gegen die Ausschuettung der geplanten

Erst Staatshilfen zurückzahlen, dann den Aktionären geben: Im März protestierten Aktivisten in Berlin gegen die Dividendenpolitik von Daimler.

(Foto: Jens Schicke /imago)

In Stuttgart rechtfertigt man sich - ähnlich wie andere deutsche Autohersteller auch, die ebenfalls deutlich in der Gewinnzone liegen: "Die oft zitierte Kurzarbeit fällt praktisch nicht ins Gewicht: Wir mussten in den vergangenen Wochen wegen der Halbleiterkrise zwar Kurzarbeit anmelden, aber das waren nur ein paar Arbeitstage", sagt Steffen Hoffmann, der die Investor Relations verantwortet. Tatsächlich habe man weiterhin viel eingespart im Vergleich zum Vorjahr, ob beim Marketing oder dem Personal. Den größten Effekt bei der Gewinnverbesserung habe man durch höhere Umsätze erzielt. Das sei das Ergebnis der eigenen Arbeit, da man mehr Fahrzeuge zu besseren Preisen absetzen konnte. "Die Produkte - die neue S-Klasse, der GLE, der GLS, sind frisch, laufen gut", sagt Hoffmann. Vor allem in China, wie bei den Premiumherstellern BMW und Audi auch.

21 Dax-Unternehmen steigerten den Quartalsgewinn, mindestens im zweitstelligen Prozentbereich, auch die Deutsche Post DHL. Der Konzern hat allein von Januar bis März gut 1,9 Milliarden Euro vor Zinsen und Steuern verdient - ein Plus von 223 Prozent. "Es war mit Abstand unser stärkstes Auftaktquartal aller Zeiten", sagte Finanzvorstand Melanie Kreis kürzlich. Eine Ursache ist, dass viele Menschen deutlich mehr im Internet bestellen, seitdem "echte" Läden nur noch mit Maskenpflicht und Abstandsregeln öffnen dürfen - wenn überhaupt. In der Folge hat die Post alleine hierzulande gut 41 Prozent mehr Pakete ausgetragen als im Vorjahresquartal. Die Branche geht davon aus, dass die Zahl der Bestellungen auf hohem Niveau bleiben dürfte.

Die Kosten sinken, die Umsätze steigen, das ist gut für den Profit

Zudem lassen Unternehmen wieder mehr Güter durch die Welt schicken, je mehr sich Volkswirtschaften von der Krise erholen. Daher hat DHL auch deutlich mehr internationale Express-Sendungen, Luft- und Seefracht transportiert - und das zu höheren Preisen. "Die Kapazität ist knapp", erklärte Kreis. Normalerweise nehmen Passagierflugzeuge viel Fracht in ihren Bäuchen mit, doch sind weltweit nicht so viele Flieger unterwegs wie vor der Pandemie. In der Zwischenzeit profitiert die Post von ihren eigenen Frachtflugzeugen.

Nicht ganz so rosig sieht es bei den Hersteller von Maschinen und Anlagen aus, einer der wichtigsten Exportbranchen in Deutschland. Deren Auftragsbücher füllen sich gerade auch wieder, nach einem gewaltigen Absturz im vergangenen Jahr. Für das laufende Jahr hat der Branchenverband VDMA seine Prognose schon zwei Mal angehoben. Doch auf die Ertragslage schlägt das nicht so durch. "Wir können nicht bestätigen, dass die Gewinne im Maschinen- und Anlagenbau jetzt so hoch sind wie lange nicht mehr", sagt VDMA-Präsident Karl Haeusgen. Die durchschnittliche Bruttoumsatzrendite habe zuletzt zwischen vier und fünf Prozent gelegen, die meisten Mittelständler und Familienunternehmen geben keine Gewinnzahlen preis. "Richtig ist, dass im Jahr 2020 die Kostenbasis in vielen Unternehmen gesenkt wurde. Wenn die Umsätze jetzt wieder anziehen, steigt auch die Chance auf Gewinnzuwächse", sagt aber der Miteigentümer der Hawe Hydraulik SE. Und er fügt an: "Der Aufschwung der Industrie hat nahezu weltweit Fahrt aufgenommen, er ist kein zartes Pflänzchen mehr."

© SZ
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