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Einzelhandel:Händler setzen Werbe- und Rabattaktionen aus

Milliardenhilfen gegen Wirtschaftsabsturz

Manche Einzelhändler stoppen ihre Sonderangebote, weil die Lage sich durch das Virus völlig verändert hat.

(Foto: Martin Gerten/dpa)
  • Große Einzelhandelsunternehmen setzen fürs erste Werbe- und Rabattaktionen aus.
  • Grund dafür sind die zum Teil deutlich gestiegenen Umsätze aufgrund von corona-bedingten Hamsterkäufen.

Eigentlich sind Rabattaktionen das beste Mittel, die Kunden in die Läden zu locken. Viele Verbraucher richten sich nach den Angeboten auf den wöchentlichen Handzetteln etwa von Aldi oder Lidl, um zu entscheiden, wo sie einkaufen gehen. Die Händler reagieren normalerweise auch auf die Rabatte der Konkurrenz. Doch was ist in diesen Corona-Zeiten schon normal?

Wer jetzt auf die Internetseite des Globus Baumarkt schaut, liest da in fetten Buchstaben: "Werbeangebote nicht mehr gültig!" Soll heißen: Liebe Kunden, Rabatte gibt es jetzt erst mal nicht mehr. In Radiospots weist Globus auch darauf hin. Nein, der Baumarkt ist nicht verrückt geworden. Der Hinweis soll nicht bedeuten: Leute, geht doch woanders einkaufen. Er weiß vielmehr: Die Leute kaufen trotzdem.

Die Drogeriemarktkette Rossmann hat Ähnliches vor. Allerdings will die zweitgrößte Drogerie die Verbraucher eher dazu animieren, weniger zu hamstern. Raoul Roßmann, Chef des Unternehmens, hat jedenfalls die Lieferanten von Rossmann, darunter große international tätige Konzerne wie Procter&Gamble oder Unilever, in einem Brief über den Stopp der Werbeangebote informiert. Danach soll die Printwerbung in den Kalenderwochen 14 und 15 gestrichen werden, kündigt Roßmann in einem emotional aufgeladenen Schreiben an, das der SZ vorliegt und über das die Lebensmittelzeitung zuerst berichtete.

In vielen Märkten arbeiten die Mitarbeiter am Limit

"Die Hamsterkäufe der vergangenen Wochen haben uns alle auf eine harte Probe gestellt", schreibt Raoul Roßmann, der Sohn des Unternehmensgründers, darin. Für viele Verbraucher sei die Situation "beängstigend". Er begründet den vorübergehenden Stopp mit "den unerwarteten Umsatzentwicklungen", die den Mitarbeitern im Vertrieb einiges in den vergangenen Wochen und Tagen abverlangt hätten. Schulschließungen und daraus resultierende Personalengpässe hätten die Situation zusätzlich verschärft. Auch bei Rossmann arbeiten derzeit alle am Limit. Deswegen ist das Interesse groß, "den Geschäftsbetrieb so normal wie möglich aufrecht zu erhalten." Dazu soll unter anderem der Rabatt-Verzicht dienen.

Angeblich hat auch Drogerie Müller alle Werbemaßnahmen gestoppt, was ein Sprecher allerdings dementiert. Lediglich werde das "Zwei-Prozent-Rabatt-Anhängsel" am Bon vorübergehend nicht mehr eingelöst, behalte aber für die Zeit nach der Corona-Krise seine Gültigkeit.

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Noch sind diese Beispiele Einzelfälle. Ursache für die Maßnahme sei auch das veränderte Kaufverhalten der Verbraucher, sagt eine Rossmann-Sprecherin. Derzeit deutet allerdings nichts darauf hin, dass das Ende der Rabatte gängige Praxis wird. Klar ist allerdings auch, dass alle Händler, die noch geöffnet haben, von der Kauflust der Bundesbürger zwar einerseits gestresst sind, aber andererseits auch erheblich davon profitieren - etwa dank höherer Margen bei vielen Artikeln. Die Verbraucher stehen teils Schlange vor den Läden und achten Beobachtern zufolge weit weniger als früher üblich auf den Preis. Wobei die Situation in teuren Bioläden wiederum weit weniger dramatisch sein soll. Ob das Streichen der Rabatte daher ein Mittel sein kann, den Hamstertrieb zu bremsen, muss sich erst noch zeigen.

In einigen Städten gibt es inzwischen scharfe Restriktionen

Einige Städte haben ihrerseits beschlossen, dagegen vorzugehen, etwa indem sie strenge Auflagen erteilen. In Frankfurt oder Hanau beispielsweise soll fortan nur noch bedarfsgerecht eingekauft werden. Striktere Vorschriften haben auch die Supermarktketten und Discounter in Nordrhein-Westfalen auf Erlass der Landesregierung eingeführt. Dort ist lediglich nur noch ein Kunde pro zehn Quadratmeter Ladenfläche zugelassen, um die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus zu verringern. Das bedeutet vielerorts Schlangestehen vor den Eingängen zum Supermarkt und nur noch eine begrenzte Anzahl von Kunden in diesen Läden. Rewe und Penny kündigten an, den Zugang, wenn nötig, zu beschränken. Aldi will Einlasskontrollen und -beschränkungen einführen, wenn es zu viele Kunden werden. In Berlin musste ein Supermarkt vorübergehend am Montag sogar schließen, weil die Polizei einen Verstoß gegen die Abstandsregeln festgestellt hatte.

Was vor Kurzem noch undenkbar erschien, ist in Belgien bereits Realität. Dort ist genau das verboten, was seit Jahrzehnten eine der wichtigsten Werbemaßnahmen für Händler ist: Rabatte. Der nationale belgische Sicherheitsrat hat bereits in der vergangenen Woche Sonderangebote untersagt. Damit soll vermieden werden, dass zu viele Menschen gleichzeitig in die Geschäfte drängen. Aldi Nord in Belgien hat das Rabatt-Verbot prominent auf seine Website gestellt.

© SZ vom 25.03.2020/mxh
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