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Luftverschmutzung:Fossile Brennstoffe sind für deutlich mehr Todesfälle verantwortlich als bislang angenommen

Verkehr in China

Smog trübt die Sicht über einer sechsspurigen Straße im morgendlichen Berufsverkehr in Peking (Archivbild).

(Foto: Adrian Bradshaw/dpa)

Einer Studie zufolge stehen acht Millionen Todesfälle weltweit in Zusammenhang mit dem Verbrennen von Kohle, Benzin und Diesel.

Von Silvia Liebrich und Marlene Weiß

Einer von fünf Todesfällen weltweit geht laut einer Studie auf die Luftverschmutzung durch Kohle, Benzin oder Diesel zurück. Im Jahr 2018 starben demnach mehr als acht Millionen Menschen an Krankheiten, die auf die besonders kleinen Feinstaubpartikel mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern (PM 2,5) zurückgeführt werden, die beim Verbrennen fossiler Energieträger entstehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Dienstag im Fachjournal Environmental Research veröffentlichte Studie eines Teams um Karn Vohra von der University of Birmingham. Beteiligt waren auch Forscher von der University of Harvard, der University of Leicester und dem University College London.

Die höchsten Todesraten durch Luftverschmutzung gibt es den Angaben zufolge in Indien und China. Aber auch im Osten Nordamerikas und in Europa war der Anteil höher als im globalen Durchschnitt. Für Deutschland schätzen die Forscher, dass jährlich knapp 200 000 Menschen vorzeitig aufgrund von Feinstaub sterben - rund 22 Prozent aller Todesfälle. Besonders belastet sei die Luft demnach im Ruhrgebiet, in Berlin, Frankfurt und Hamburg.

Die in der Studie genannten Zahlen liegen deutlich höher als bisherige Schätzungen zur Sterblichkeit durch Luftverschmutzung. So gibt zum Beispiel die "Global Burden of Disease"-Studie die Anzahl der weltweiten Todesfälle mit 4,2 Millionen an. Für Europa war zuletzt ein Bericht der EU-Umweltagentur EEA zum Ergebnis gekommen, dass jährlich etwa 400 000 EU-Bürger vorzeitig aufgrund von Luftverschmutzung sterben, das wäre nur rund jeder zwölfte Todesfall.

Dreckige Luft schädigt die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System

Feinstaub-Konzentrationen in der Luft werden häufig anhand von Satellitendaten geschätzt. Für ihre Untersuchung haben die Wissenschaftler um Vohra jedoch ein Simulationsmodell namens GEOS-Chem verwendet und damit versucht, präziser zu ermitteln, wie sich der Feinstaub aus fossilen Quellen verteilt und wo sich Menschen aufhalten, die die Partikel einatmen. "Mit Satellitendaten sieht man nur Teile des Puzzles", sagt Co-Autorin Loretta Mickley von der Harvard University. "Es ist für Satelliten schwierig, zwischen verschiedenen Partikeltypen zu unterscheiden, und in den Daten kann es Lücken geben."

Auch wenn die Zahlen sich zwischen verschiedenen Arbeiten deutlich unterscheiden, stark von den getroffenen Annahmen abhängen und dadurch mit großen Unsicherheiten behaftet sind, herrscht unter Wissenschaftlern im Grundsatz Einigkeit, dass Feinstaub - insbesondere die feineren Partikel - selbst in geringer Konzentration Lebenszeit kostet. Belastete Luft schädigt vor allem die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System. Sie kann zu Schlaganfällen, Herzinfarkten, Lungenkrebs und weiteren Krankheiten beitragen.

"Wenn wir über die Gefahren der Verbrennung fossiler Brennstoffe diskutieren, geschieht das oft im Kontext des Klimawandels", sagt Co-Autor und Epidemiologe Joel Schwartz von der Harvard University. "Indem wir die gesundheitlichen Auswirkungen der Nutzung fossiler Brennstoffe quantifizieren, hoffen wir, eine klare Botschaft über die Vorteile des Übergangs zu alternativen Energiequellen an Politiker und andere Gruppen zu senden."

Die Autoren fordern die Politik auf, "weitere Anreize für den Umstieg auf saubere Energiequellen zu schaffen". Tatsächlich ist die Luft zumindest in Europa bereits viel sauberer geworden; die EEA schätzte in ihrem jüngsten Bericht, dass 1990 in Europa noch mehr als doppelt so viele Menschen vorzeitig an Feinstaubbelastung gestorben seien wie heute.

© SZ/saul
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