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Energiewende nach der Wahl:Die Atombranche wehrt sich

Nach der Wahl kommt der politische Druck - doch die Stromkonzerne machen deutlich, dass sie nicht kampflos aufgeben werden: "Ab jetzt haben Juristen das Sagen", kündigt ein führender Atommanager an.

Die Tübinger Altstadt ist eigentlich kein Ort für Revolten. Vergangene Woche aber krachte es mächtig in der beschaulichen Hirschgasse. Pflastersteine flogen in die Schaufensterscheibe des EnBW-Verkaufsraums, an der Fassade landete ein gelber Farbbeutel. Die Täter flüchteten per Fahrrad. Von Atommafia war im Bekennerschreiben die Rede.

Sieben Atomkraftwerke werden voruebergehend stillgelegt

Düstere Stimmung bei den deutschen Kernkraftwerksbetreibern: Sie befürchten, dass die ältesten Meiler nicht nur während des Moratoriums abgeschaltet bleiben, sondern für immer vom Netz gehen müssen. Aus Sicht der Manager könnte es sogar noch schlimmer kommen.

(Foto: dapd)

Seit 25 Jahren ist der Chef des Atomkonzerns EnBW, Hans-Peter Villis, in der Energiebranche. So etwas habe er noch nie erlebt, klagt Villis. Man wolle den Laden so schnell wie möglich wieder herrichten, so der Konzern. Doch immer mehr führende Atommanager in Deutschland fragen sich, was eigentlich noch zu retten ist, seit die Atomkatastrophe aus dem Norden Japans mit großer Wucht in Deutschland angekommen ist.

Nach dem politischen Beben in Baden-Württemberg befürchten die Chef-Etagen der vier AKW-Betreiber RWE, EnBW, Vattenfall und Eon, dass die Abkehr von der einst so einflussreichen Branche drastischer ausfallen könnte als gedacht. "Es wird nicht beim Moratorium bleiben", sagt ein Spitzenmanager am Montag. Die Betreiber der 17 Anlagen in Deutschland rechnen damit, dass die Politik bis zu acht Meiler aus dem Verkehr zieht. Doch sie befürchten, dass es noch schlimmer kommt zwischen Krümmel und Neckarwestheim.

Zum Gesicht der Wende wird für die Konzerne Winfried Kretschmann. Der designierte grüne Ministerpräsident Baden-Württembergs machte schon am Morgen nach dem Wahlsieg klar, wo er seine wichtigsten Aufgaben sieht: Es gelte jetzt den Umbau des Energiekonzerns EnBW, der fast zur Hälfte im Besitz des Landes ist, in Richtung regenerative Energien voranzutreiben.

Noch bezieht der Energieriese 51 Prozent seines Stroms aus den eigenen Kernkraftwerken. Bei den erneuerbaren Energien sind es nur zehn - zu wenig für den neuen Eigentümer. Den Aufsichtsrat will die grün-rote Regierung so schnell wie möglich mit eigenen Leuten besetzen. Es soll zügig vorangehen mit der Energiewende. "Wir werden uns auf eine neue Situation einstellen müssen", heißt es in der EnBW-Spitze. Allerdings habe auch die neue Regierung wohl kaum Interesse, den Konzern zu zerlegen, so ein Spitzenmanager.

Der Druck in der Politik wächst

Doch nach dem schwarz-gelben Wahldebakel wächst in der Politik der Druck, sich als Vorkämpfer des Atomausstiegs zu profilieren. "Jetzt gilt es zu zeigen, dass man schnell aus der Kernenergie raus kann und dass die Energiewende machbar ist", sagte etwa Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Man müsse das Thema Energieversorgung dafür "aus der politischen Kampfzone herausholen". Und CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe forderte Konsequenzen aus der Wahlniederlage. Es sei "ganz unwahrscheinlich, dass die vorläufig abgeschalteten Alt-AKW nach Ablauf des dreimonatigen Moratoriums noch einmal ans Netz gehen."