US Open:Die nächsten Großen nach den großen Drei

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US Open: Ein Kandidat, der in Zukunft die Herzen der New Yorker erobern könnte: Carlos Alcaraz.

Ein Kandidat, der in Zukunft die Herzen der New Yorker erobern könnte: Carlos Alcaraz.

(Foto: Sarah Stier/AFP)

Wird Tennis langweilig, wenn eines Tages Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic ihre Karrieren beenden? Die US Open zeigen, dass die Furcht unbegründet ist: Der Sport produziert Persönlichkeiten.

Von Jürgen Schmieder, New York

Zum Beispiel Serena Williams: "Furchtlos und furchteinflößend, beim Aufschlag und beim Kampf gegen Rassismus und Sexismus gleichermaßen; als Mutter tapfer in der Sache, milde in der Art." So ähnlich dürfte die Inschrift auf der bronzenen Plakette lauten, die sie fünf Jahre nach dem Karriereende im Court of Champions kriegen wird, eine Art Walhalla dieses Sports am Südeingang der Tennisanlage von Flushing Meadows.

Nur die Allergrößten sind dort verewigt; mit Foto und mit blumigen Worten, dass es eine wahre Freude ist, ein paar Minuten zwischen Inschriften zu flanieren. Über Helen Wills, sieben Titel: "Zu gleichen Teilen Kraft und Grazie war 'Little Miss Poker Face' immerwährende Kühle." Oder auch Maureen Connolly, die in New York von 1951 bis 1953 gewann: "Little Mo, benannt nach den unermüdlichen Seeleuten von 'Big Mo', dem Kriegsschiff Missouri, spielte mit kanonenartigen Grundschlägen."

Williams hat ihr Image durchaus gepflegt; so wie Roger Federer das des Gentleman pflegt, Rafael Nadal das des Schmerzensmannes und Novak Djokovic - Moment, dazu ein bisschen später mehr.

Wenn Legenden einer Disziplin aufhören, dann heißt es oft, dass ein schwarzes Loch entstehen könnte, in dem ein Sport für immer verschwindet. Man begeistert sich ja aus zweierlei Gründen für Sport: weil Leute etwas tun, das man nicht für möglich hielt (und vielleicht selbst gerne könnte), und weil man mit den Protagonisten fiebert. Weil sie einen berühren, irgendwie.

US Open: Ikonen bei der Arbeit: Serena Williams, Rafael Nadal, Roger Federer auf einem Foto von 2013.

Ikonen bei der Arbeit: Serena Williams, Rafael Nadal, Roger Federer auf einem Foto von 2013.

(Foto: Charles Sykes/AP)

Hier eine Theorie, nach zwei Wochen US Open im Court of Champions, angelehnt an die alte Rockstar-Weisheit (Man wird nicht verrückt, wenn man reich und berühmt wird. Man wird reich und berühmt, weil man verrückt ist): In keinem anderen Sport wird die Persönlichkeit derart sichtbar wie beim Tennis, und das führt dazu, dass Tennis eigenartige Typen nicht nur zulässt, sondern vielleicht sogar erschafft.

Da ist die Zählweise, die Partien strukturiert, als wären sie Theaterstücke; je nach Verlauf Komödie, Tragödie, Drama. Da ist die Unterteilung in Aufschlagspiele (Szenen) und Sätze (Akte), die Partien zuspitzt. Da sind die einzelnen Ballwechsel, die Mini-Dramen für sich sein können, und mindestens so spannend ist, was dazwischen passiert.

Im epischen Männer-Viertelfinale zum Beispiel, Jannik Sinner gegen Carlos Alcaraz: Wer beide während der US Open abseits der Plätze beobachtete, im Spielergarten etwa, der kam zur Überzeugung: Das sind zwei nette Jungs, fast ein bisschen langweilig, und daran ist überhaupt nichts auszusetzen. Zu Typen wurden sie im Arthur Ashe Stadium, oder besser: Sie machten sich gegenseitig zu Typen.

Alcaraz verweigerte die Kapitulation gegen den überragenden Sinner. 382 Ballwechsel waren es nach 315 Minuten Spielzeit um 2.50 Uhr morgens. Und auch wenn es viele wahnwitzige Momente gab, zwei von Alcaraz werden unvergesslich bleiben: der Hinter-dem-Rücken-Schlag, der sich in der Rangliste grandioser US-Open-Shots einreiht zwischen Federer-Tweener (2009) und Serena-Spagat (2011). Und die fünf Sekunden nach Satz vier, in denen er Sinner einfach nur anstarrte. Jeder wusste, was Alcaraz dachte, und vielleicht starrte man, wenn man ihm die Daumen drückte, den Fernseher genauso an.

Von Sinner unvergesslich: die durchgezogene Volley-Vorhand; und alles vom verpassten Matchball im vierten Satz an. Wie er verzweifelte, weil er immer wieder wie der Sieger wirkte, aber zu begreifen schien, dass er diese Partie nicht gewinnen würde. Man litt mit dem Italiener, weil sein Gesicht nach jedem der 60 Ballwechsel im fünften Satz in Großaufnahme zu sehen war. Jedes Zucken der Augen, jede Bewegung der Mundwinkel. Und die Sinner-Fans starrten ihre Bildschirme wohl genauso an, wie er einen daraus zurück anstarrte.

Es gibt für jeden Fan eine Situation oder Person, mit der man sich identifizieren kann

In welcher Sportart gibt es das? Die Entfremdung beim Fußball zwischen Protagonisten und Publikum ist beim inszenierten Torjubel zu sehen. Beim Tennis gibt es so viele kleine Pausen, dass Choreografie nicht möglich ist. Man sieht, in Großaufnahme und alle 20 Sekunden, was in den Akteuren vorgeht; und es gibt alle Emotionen, die man sich vorstellen kann.

Noch ein Beispiel: Das Frauen-Halbfinale, Caroline Garcia, die sich so mutig durchs Turnier gespielt und währenddessen erklärt hatte, wie sie mit Zweifeln und Zweiflern umgeht, kriegte von Ons Jabeur auf die Mütze, 1:6, 3:6. Man sah regelrecht, wie die Zweifel bei Garcia zurückkehrten, just im bislang größten Spiel ihrer Karriere, auf der größtmöglichen Bühne. Man konnte ahnen, wie sie sich fühlte, der Mensch verbringt ja einen erheblichen Teil seines Lebens damit, selbst voll auf die Mütze zu kriegen.

Es gibt für jeden Fan eine Situation oder Person, mit der man sich identifizieren kann, bisweilen gestützt von dem einen oder anderen Klischee. Halbfinalist Karen Chatschanow aus Russland ist der schachspielende Stratege; Frances Tiafoe die optimistische Wohlfühl-Cinderella-Story, die sie so gerne erzählen in den USA; Alcaraz wird zum Musterschüler-Houdini aufgebaut, der nie aufgibt wie Landsmann Nadal. Wer ihn wohl zuerst Schmerzensmann nennen wird?

Kurzer Blick auf die Weltkarte: Die je 20 topgesetzen Spieler kommen aus 20 verschiedenen Ländern, und es wären noch mehr, wären Alexander Zverev (verletzt) und Djokovic (kein Visum wegen fehlender Covid-Impfung) dabei. Die 60 Halbfinalisten der vergangenen 15 Jahre bei den Männern kamen aus 18 Ländern, bei den Frauen sind es sogar 23 Nationen. Die Halbfinal-Länder heuer: Tunesien, Frankreich, Polen, Belarus, Russland, Norwegen, Spanien, USA.

Es hat bei diesen US Open aufregende Partien gegeben, die auch künftig atemberaubend sein dürften

Und wie das auch im echten Leben ist: Es ist schwer, sich aus Schubladen zu befreien. Stefanos Tsitsipas wurde während der US Open im vergangenen Jahr vom coolen Newcomer zum pöbelnden Toiletten-Dauergast und diesmal frostig empfangen. Nick Kyrgios kann noch so oft betonen, dass er Tennis mit 27 Jahren richtig ernst nimmt - bei jedem Interview wird er gefragt, in welcher Bar er später anzutreffen sei. Coco Gauff muss die neue Serena sein, obwohl sie gerne einfach Coco Gauff wäre.

Diese dauernden Gegenschnitte zwischen aufregenden Ballwechseln und den großen Gefühlen dazwischen führen zu einer Kombination aus Respekt und Zuneigung - oder Respekt und Abneigung. Und das führt nun endlich zu Djokovic und der Frage: Wann wurde aus dem Djoker, der Kollegen parodierte und jeden Scherz mitmachte, dieser scheinbar verbissene Titeljäger?

US Open: Liebt New York, sagt sein T-Shirt: Novak Djokovic.

Liebt New York, sagt sein T-Shirt: Novak Djokovic.

(Foto: BPI/Shutterstock/Imago)

Rückblende zum US-Open-Finale 2015, Djokovic gegen gegen Federer. Der Serbe hatte sich in den zwei Wochen davor schwer um die Gunst des Publikums bemüht, ausgiebig Autogramme geschrieben, mit einem ausgeflippten Fan getanzt, sich ein T-Shirt mit der Aufschrift "I Heart New York" übergestreift - und dennoch rülpsten die New Yorker, um seine Konzentration beim Aufschlag zu stören. Wer die Partie noch einmal ansieht, sieht Djokovic, wie er äußerlich gelassen bleibt, sein Blick jedoch irgendwann ausdrückt: Wenn ihr mich verschmäht, weil ihr den da drüben so sehr liebt, dann werdet ihr mich gefälligst respektieren, weil ich das hier gewinne! Er siegte, deutlich. Als er im vergangenen Jahr geliebt wurde, weil er das Finale gegen Medwedew verlor, weinte er, noch bevor es vorbei war. Tennis eben.

Djokovic und Federer verbindet eine Rivalität, von denen es so viele gab in der Geschichte des Tennis, dass man ein Buch bräuchte, um sie nur aufzuzählen. Das ist ein weiterer Aspekt dieser Sportart, man schaut immer: Wann könnte die gegen die spielen und der gegen den? Und wenn dann vor dem Männer-Viertelfinale ein Tweet von Chatschanow an Kyrgios rausgekramt wird - "Lies mal ein paar Bücher, statt immer nur Videospiele zu zocken" - dann können die Zuschauer entscheiden, zu wem sie halten: Bücherwurm oder Zocker?

Es gab bei diesen US Open aufregende Partien, die auch künftig atemberaubend sein dürften. Bei den Männern: Kyrgios gegen Medwedew, Sinner gegen Alcaraz, Ruud gegen Chatschanow. Bei den Frauen: Zheng gegen Niemeier, Garcia gegen Gauff, Pliskova gegen Asarenka und natürlich das zweite Halbfinale, in dem Iga Swiatek nach einer Weile alles erlief, was Aryna Sabalenka ihr entgegen schleuderte - verbunden mit Sabalenkas Blick, der an eine andere Rivalität erinnerte: Wie gut muss ich denn noch spielen, um das hier zu gewinnen? Auch das kennt man von sich selbst.

Man muss sich also keine Sorgen machen ums Tennis. 26 Leute sind verewigt im Court of Champions, und selbst wenn Federer, Nadal und Djokovic ihre Würdigungen schon reserviert haben: Es ist noch genug Platz.

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