Deutsches Nationalteam:Hrubesch schlägt die Hände vors Gesicht

Deutsches Nationalteam: Wieder nix: Islands Torhüterin Telma Ivarsdottir (rechts) fängt den Ball vor Lea Schüller (links) ab.

Wieder nix: Islands Torhüterin Telma Ivarsdottir (rechts) fängt den Ball vor Lea Schüller (links) ab.

(Foto: Brynjar Gunnarsson/dpa)

Die deutschen Fußballerinnen liefern einen "ziemlichen Krampf", holen aber die wichtigen drei Punkte auf Island. Der Bundestrainer sieht: So wird es gegen stärkere Teams sehr schwer.

Von Anna Dreher

Ein paar deutsche Fußballfans hatten sich im Laugardalsvöllur-Stadion von Reykjavik unter die 2500 Zuschauer gemischt, deshalb verschwand das DFB-Team nach seinem 2:0-Sieg nicht direkt in die Kabine, sondern applaudierte erst noch jenen, die zuvor ihnen applaudiert hatten. Lena Oberdorf und Lea Schüller unterhielten sich dabei gerade, als jemand Oberdorf von hinten am Anorak packte und sie nach hinten zog. Der Blick der 21-Jährigen drückte halb Überraschung, halb Sorge aus, sie drehte sich - und siehe da: Der feste Griff kam von Horst Hrubesch.

Es dauerte nur kurz, bis sich ihre Gesichtszüge wieder entspannten. Der Trainer ließ keine Schimpftirade los, aber er wollte offensichtlich keine Zeit verlieren, um nach seinen unmittelbar gesammelten Eindrücken in den Austausch zu gehen. Gesprächsstoff gab es jede Menge. Die Kritik betraf freilich nicht allein diese beiden Spielerinnen, aber sie liefen nun mal so praktisch nebeneinander her. Und dem deutschen Nationalteam Effizienz vorzuleben, ist im Moment keine schlechte Idee, denn die war im vierten Gruppenspiel der Nations League wieder mal vermisst worden.

Die Deutschen kontrollierten die Partie, sie kreierten Chancen und ließen kaum Konter zu, schafften es aber nicht, ihre Dominanz in ein entsprechendes Ergebnis umzuwandeln. Anstatt sich durch frühe Treffer zu entlasten, stieg ihre Anspannung. "Wir haben uns das Leben wieder selber schwer gemacht", sagte Hrubesch im ZDF, das Gesicht leicht gerötet von der Kälte: "Wir haben die Sicherheit nicht und mussten bangen. Wir haben nicht so routiniert oder clever gespielt, wie wir das können."

Für ihre Olympiachance müssen sie Dänemark vom ersten Platz verdrängen

Die drei Punkte sicherte sich sein Team erst spät, durch einen Elfmeter von Giulia Gwinn (64. Minute) und einen Patzer von Torhüterin Telma Ivarsdottir nach einem Schuss von Klara Bühl (90.+4). Wie schon nach dem 5:1 am Freitag gegen Wales schwang auch bei diesem 2:0 gegen Island mit: Diesmal ging es gut, aber gegen stärkere Gegner reicht so eine Leistung eher nicht. Und die werden kommen, sollten die DFB-Frauen in die Endrunde der Nations League einziehen - was das erklärte Ziel ist. Nur dann wahren sie ihre Chance auf Olympia 2024. Dafür müssen sie jedoch noch Dänemark vom ersten Gruppenplatz verdrängen, am 1. Dezember kommt es in Rostock zum direkten Duell, das Hinspiel verloren die Deutschen 0:2. "Zu Hause", kündigte Bühl an, "können wir schon ein Feuerwerk abfackeln."

Deutsches Nationalteam: Wirklich zufrieden war er nicht: Horst Hrubesch hätte gerne mehr gejubelt gegen Island.

Wirklich zufrieden war er nicht: Horst Hrubesch hätte gerne mehr gejubelt gegen Island.

(Foto: Hulda Margret/Getty Images)

Sicherlich auch wegen der Notwendigkeit eines solchen Feuerwerks hätte Hrubesch gerne schon mal eine Leistungssteigerung gesehen und eine Fortsetzung der jüngsten Fortschritte. Mit ihm als Interimslösung war in den vergangenen Tagen vor allem die Lockerheit zurückgekehrt. Das war der erste Schritt raus aus der Krise, die sich schon seit Jahresbeginn angekündigt hatte und in der das Nationalteam nach dem Aus bei der Weltmeisterschaft in Australien und der darauffolgenden Krankschreibung von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg dann definitiv steckte. Mit Assistentin Britta Carlson als Vertretung war im September der Auftakt in die Nations League gelungen. Aber erst mit Hrubesch wirkten die Spielerinnen befreit.

Diejenigen, die schon bei seiner Premiere als Interimsbundestrainer der Frauen 2018 zum Kader gehörten, wussten, da kommt einer, mit dem die Spielerinnen gut können und der mit ihnen gut kann. Diejenigen, die diese Phase zwischen Steffi Jones und Voss-Tecklenburg nur vom Hörensagen kannten, merkten bald: Das stimmt. Die Atmosphäre war auch bei der Neuauflage unter Hrubesch und dem ebenfalls beliebten Co-Trainer Thomas Nörenberg erklärtermaßen gut, der Spaßfaktor hoch - aber das galt und gilt eben auch unverändert für den Druck. Und nun bleibt die Frage, ob es den Trainern und dem Team gelingt, bei der nächsten Maßnahme besser zu machen, was zu verbessern ist.

"Du musst es wollen!", appelliert Horst Hrubesch

Besonders gilt das für die Effizienz. Hrubesch schlug bisweilen die Hände vors Gesicht, weil der Abschluss seines Auftrags "Tore, Tore, Tore!" aus teils bester Position nicht gelang. Was er sah, waren frühe Chancen, am Ende auch davon zu wenig bei immer wieder unsauber ausgeführten Eckbällen und Flanken. Ihm fehlten die letzten, entscheidenden Prozente Entschlossenheit. "Wir müssen diese Chancen einfach nur verwandeln. Du musst es wollen!", entfuhr es Hrubesch. Dass das nicht gelang, nährte Unruhe, die schließlich in Hektik umschlug. In der Schlussphase hätte Island fast noch ausgeglichen. Dann wäre die gerade zart aufblühende Euphorie direkt wieder zertrampelt worden. "Das Spiel war sehr schwierig. Wir sind gottfroh, dass wir die drei Punkte mitnehmen!", sagte Bühl. Gwinn fand: "Das war ein ziemlicher Krampf."

Vor nicht allzu langer Zeit strotzte das deutsche Nationalteam noch vor Selbstbewusstsein, mit dem Höhepunkt des EM-Finales 2022 in Wembley. Nun sucht es Wege, um wieder weniger Fehler zu machen, mehr Sicherheit, Ruhe und Präzision in seine Aktionen zu bekommen. Hrubesch hat nun reingehört in das verunsicherte Ensemble, die schwierige Situation um Voss-Tecklenburg konnte, so wirkte es zumindest, weitgehend ausgeblendet werden. Und womöglich ist diese bis zum nächsten Wiedersehen ohnehin geklärt: In den kommenden Tagen wollen sich die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes dem Vernehmen nach mit der Bundestrainerin zusammensetzen. Dann soll geklärt werden, wie es weitergeht. Vielleicht setzt auch das beim Nationalteam die nötige Energie frei.

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