Missbrauchsvorwürfe in Österreichs Skisport:"Die Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt"

Den jungen Frauen, die Kahr zuvor traininert hatte, dürfte nach den Schilderungen von mutmaßlichen Opfern weitaus schlimmeres passiert sein als Ansagen im Kasernenton. Etwa der ehemaligen ÖSV-Athletin Michaela Raisinger, eine erfolgreiche Weltcup-Fahrerin, die in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt. Anonym hat sie bereits davon erzählt, wie sie Mitte der 1970er-Jahre von einem Trainer belästigt worden sei. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung nennt sie jetzt erstmals den Namen des Mannes, dem sie nach einem gemeinsamen Weltcup der Frauen und Männer im kanadischen Mont Saint-Anne nur knapp entkommen sei: Charly Kahr. Und den Namen desjenigen, der alles mitbekommen haben könnte: Toni Sailer.

Sie sei damals, im Winter 1976, über den Gang des Teamhotels in Québec gelaufen, als Kahr sie plötzlich in sein Hotelzimmer gezerrt und auf sein Bett geworfen habe, mit den Worten: "So, heut' kommst du dran!" Michaela Raisinger berichtet:

"Neben ihm war noch ein Bett, da lag der Toni Sailer drin, relativ besoffen, zwei leere Whiskeyflaschen neben ihm. Beide Flaschen von der Marke Red Label. Auf dem Nachttisch vom Kahr stand auch eine leere Flasche, auch Red Label. Ich glaube, Sailer hatte den Oberkörper frei, er hat auf jeden Fall gegrinst (...) Kahr hat mich am rechten Handgelenk festgehalten, er hat mir fast die Hand gebrochen. Irgendwie habe ich Kahr von mir runtergewälzt und mich losgerissen, ich hatte ja Gott sei Dank etwas Kraft."

Dann sei sie ins Bad geflüchtet, habe panisch die Tür verriegelt und diese erst nach 15 oder 20 Minuten vorsichtig wieder geöffnet: "Sailer und Kahr lagen jetzt beide auf dem Bett, die waren ja total besoffen, am helllichten Nachmittag. Da bin ich sofort raus." Auch Raisinger hat der SZ eine eidesstattliche Erklärung vorgelegt. Nicola Werdenigg versichert ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass Raisinger ihr von der versuchten Vergewaltigung noch im Teamquartier in Québec erzählt habe.

Werdenigg war zu dieser Zeit selbst in der Nationalmannschaft aktiv. Mit dem Auftauchen von Kahr und Sailer im ÖSV, sagt sie im Gespräch mit der SZ, habe spürbar eine "Verrohung" eingesetzt: "Die zwei haben in den Betrieb der Serviceleute und der anderen Trainer Sodom und Gomorrha reingebracht. Es gab keine Grenzen mehr. Da war nichts mehr so, wie es in einem Umfeld im Sport sein sollte."

Nichts davon sei wahr, lässt Charly Kahr seinen Anwalt mitteilen, es handle sich um "verleumderische Behauptungen".

Einen anderen Vorfall hat Michaela Raisinger bisher noch nicht öffentlich gemacht; er soll sich schon im Winter 1968/'69 abgespielt haben. Raisinger war damals noch minderjährig. Passiert sei es nach einem Rennen in Frankreich auf der Zugfahrt von Genf nach Innsbruck:

"Wir Mädchen waren in einem Abteil, und Charly Kahr hat mich irgendwann in sein Abteil geholt und die Tür geschlossen. Er müsse etwas mit mir besprechen. Wir saßen nebeneinander entgegen der Fahrtrichtung, in der Nähe zum Gang, zwei oder drei Fremde saßen ebenfalls im Abteil, am Fenster. Es war schon am Abend und ziemlich dunkel, im Abteil hat nur noch eine kleine Lampe gebrannt. Ich weiß nicht, ob die Fremden von all dem etwas mitgekriegt haben. Kann sein, dass die schon geschlafen oder gedöst haben. Kahr hat jedenfalls auf einmal meinen Kopf gepackt, hat ihn unter seine Skijacke gezerrt, die auf seinem Schoß lag. Darunter lag sein entblößter Penis. Er hat mich richtig gepackt mit seinen Händen, richtig darauf gedrückt, vermutlich sollte ich das Glied in den Mund nehmen. Ich habe kaum Luft gekriegt und mich so geekelt (...). Ich konnte mich losreißen, bin aus dem Abteil raus und in unser Abteil zurück. Ich habe nichts gesagt, ich war ja noch schockiert."

Es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass Kahr "jede wollte und mit fast jeder geschlafen hat", sagt Michaela Reisiniger. "Es ist immer so ein bissel gesprochen worden, in Andeutungen, versteckt. Er war der Platzhirsch, wir waren seine Mädchen. Das war eine reine Machtfrage."

Charly Kahr blieb bis 1985 Cheftrainer der Alpin-Männer, später wurde er Hotelier. Seine Homepage liefert fotografische Zeugnisse zahlloser Begegnungen mit prominenten Größen Österreichs und darüber hinaus: mit Arnold Schwarzenegger und Niki Lauda, mit Roberto Blanco und Karl Moik, mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, Sportlern. Allein 21 Ehrungen zählt Kahr selbst auf, darunter die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Schladming und das silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Sein Bild: makellos. "Dem ÖSV sind keine Übergriffe von Karl Kahr bekannt", lässt der Verband, der seinem ehemaligen Chefcoach ebenfalls die goldene Ehrennadel ans Revers heftete, auf SZ-Anfrage mitteilen.

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(Foto: SZ Photo/Werek, SZ-Grafik)

Das Bild, das Betroffene und Zeugen in Gesprächen mit der SZ zusammengesetzt haben, zeigt allerdings nicht nur Charly Kahr. Es zeigt ein Leistungssportsystem, in dem offenbar nicht so genau hingeschaut wurde. Der Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen hatte demnach viele Varianten, über den die Betroffenen erst jetzt, im #MeToo-Klima neuer Offenheit, sprechen können. Auch wenn vieles wegen Verjährung womöglich nicht mehr juristisch verfolgt werden kann.

Über die österreichischen Verhältnisse wurde damals auch in anderen Verbänden getuschelt. Die ehemalige Rennläuferin Helen Scott-Smith, heute 59, fuhr für England, trainierte aber in den Alpen. Sie sagt im Gespräch mit der SZ: "Die Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt, sie haben sie als Objekte betrachtet, mit denen sie ihre Beziehungsspiele spielten. Das war eine österreichische Kultur, eine Unkultur." Scott-Smith arbeitet bis heute als Reporterin unter anderem im Skizirkus. Anfang Dezember erklärte sie, 1993 von einem österreichischen Servicemann vergewaltigt worden zu sein. Nun berichtet sie von einem weiteren, bislang unbekannten Übergriff: Bei einem Weltcup, über den sie in den 1990er-Jahren als Journalistin berichtete, habe jemand aus dem österreichischen Tross ihre Kopfschmerzen behandeln wollen:

"Ich war angezogen, auf einer Liege. Ich hatte die Augen zu. Nach einigen Minuten fühlte ich etwas über mich kommen, ich dachte, es sei eine Decke. Aber da war plötzlich der nackte Mann, der sich auf mich legte. Ich war völlig perplex, ich sah ihn böse an. Da zog er sich zurück, und ich lief davon."

Die Frauen reden heute vor allem deshalb über ihre Erlebnisse, weil Nicola Werdenigg den Anfang gemacht hat. In ihrer Wohnung in einem Wiener Arbeiterviertel, dritter Stock, hängen im Eingang Startnummern von alten Skirennen an der Decke: schwarze Ziffern auf gelbem, verblichenem Stoff. Ein paar Ski lehnen an der Wand, alte Modelle. Es sei ihr nicht darum gegangen, irgendwen anzuschwärzen, sagt sie, "sondern das System zu zeigen".

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