Süddeutsche Zeitung

Missbrauchsvorwürfe in Österreichs Skisport:"Er ist auf einmal ins dunkle Zimmer gekommen"

In Österreich sollen Skitrainer und Funktionäre jahrelang Sportlerinnen sexuell missbraucht haben. Auch minderjährige Mädchen. Im Fokus: die größten Helden der Ski-Nation.

Von Johannes Knuth, Thomas Kistner, Claudio Catuogno und Ralf Wiegand

Die Skination Österreich ist hochnervös in diesen Tagen. Der alpine Skisport ist ein Nationalheiligtum, und die passenden Heiligen werden bevorzugt bei Olympia gemacht. Sechs bis elf Medaillen, so die Schätzungen in Österreich, könnten allein die alpinen Athletinnen und Athleten in Südkorea gewinnen. Perfekte Bilder von perfekten Spielen als Illustration einer perfekten Wintersportnation: Das ist der Plan, so war es immer.

Doch hinter der Kulisse eines modernen, erfolgreichen Skifahrer-Landes toben seit geraumer Zeit die Geister der Vergangenheit. Es geht um schwere sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, in Ski-Internaten, in Leistungskadern, durch Trainer, Serviceleute, Funktionäre. Die Anschuldigen reichen zwar zum Teil 50 Jahre zurück, aber sie betreffen Säulenheilige dieses Sports, Namen, auf denen die Ski-Nation ihren Ruhm aufgebaut hat.

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Österreich bebt, seitdem im November 2017 erste Enthüllungen öffentlich wurden. Der Süddeutschen Zeitung liegen nun neue Erklärungen von früheren Leistungssportlerinnen vor, in denen eine der prominentesten Figuren überhaupt aus dem alpenländischen Skizirkus als Beschuldigter auftaucht: Karl "Charly" Kahr, einer der erfolgreichsten Trainer des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV). Und in seinem Dunstkreis fällt auch erneut der Name der Ski-Legende Toni Sailer.

Die Vorwürfe gegen den heute 85-jährigen früheren Coach Kahr, der von 1966 bis 1970 die österreichischen Alpinfrauen trainierte und später, dann als Trainer des Männerteams, Franz Klammer zum Olympiasieg 1976 in Innsbruck führte, reichen von sexueller Nötigung bis zu Vergewaltigung. Die SZ hat Kahr mit Details zu drei konkreten Vorwürfen konfrontiert, erhoben von zwei Frauen, gestützt von einer weiteren. Über einen Anwalt ließ der frühere Star-Trainer mitteilen: "Namens und auftrags meines Mandanten habe ich Ihnen mitzuteilen, dass die gegen meinen Mandanten erhobenen Vorwürfe samt und sonders aus der Luft gegriffen sind und kein einziger der von Ihnen genannten Vorfälle jemals stattgefunden hat."

Christiane Egger, die in Wahrheit anders heißt, ist Ende der 1960er-Jahre ins Nationalteam des ÖSV hineingewachsen. Mit 16 Jahren war sie schon im Weltcup eingesetzt worden, Charly Kahr trainierte damals das Frauenteam. Egger sagt, ihr Verhältnis zu ihm sei gut gewesen - bis zu einem Vorfall im Winter, der sich so ereignet habe, wie sie ihn der SZ, untermauert mit einer eidesstattlichen Erklärung, schildert:

"Ich habe schon geschlafen, da ist Kahr auf einmal ins dunkle Zimmer gekommen und hat mich vergewaltigt. Ich habe ihn erst bemerkt, als er schon auf mir lag. Er war ganz sicher nicht betrunken. Ich hätte mich wehren sollen. Aber das traust du dich in dem Moment nicht. Er war mein Trainer, du hast zu ihm aufgeschaut als 16-jähriges Mädchen. Der Trainer hat ja immer eine besondere Rolle für die Jugend. Ich war jedenfalls total geschockt, da kannst du nicht um Hilfe rufen. Ich bin einfach dagelegen, habe keine Reaktion gezeigt. Er hat auch nichts gesagt, es hat sich alles im Dunkeln abgespielt. Ich hatte zum Glück keine Verletzungen. Aber ich habe die ganze Nacht geweint. Ich war ein junges Mädchen, ein bisschen dumm und unerfahren, da hat er diese Situation natürlich ausgenutzt."

Sie habe sich fürchterlich geschämt, sagt Christiane Egger, erst ein halbes Jahr später habe sie dann einer Teamkollegin davon erzählt. Diese Frau versichert der SZ ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass sie damals von Egger informiert worden sei. Nach dem Vorfall, sagt Egger, habe sie stets das Weite gesucht, wenn Kahr aufgetaucht sei. Heute sagt sie: "Ich weiß, dass ich nicht die Einzige war."

Christiane Egger habe die Erinnerung lange verdrängt, sagt sie; wenn ihr Mann das Gespräch darauf brachte, habe sie es abgewürgt. Erst, als mit der #MeToo-Debatte immer mehr Frauen über sexuellen Missbrauch durch Männer in Machtpositionen berichteten und bald auch von Missbrauch und Vergewaltigungen im österreichischen Alpinsport die Rede war, habe sie die eigene Erinnerung zugelassen. Ihre Kinder hätten bemerkt, wie die Enthüllungen sie beschäftigten, sie hätten nachgehakt. Da habe sie beschlossen, sagt Christiane Egger, nicht mehr zu verdrängen.

In Österreich war es die heute 59 Jahre alte Nicola Werdenigg, unter ihrem Mädchennamen Nicola Spieß in den 1970er-Jahren Weltcup-Fahrerin und Olympia-Teilnehmerin, die im November 2017 als Erste das Schweigen überwunden hatte. Sie selbst sei Opfer einer Vergewaltigung geworden, erzählte sie der Tageszeitung Standard, sie habe ein "Klima des Missbrauchs" während ihrer aktiven Zeit und danach gespürt. Das Thema war gesetzt: Aus österreichischen Ski-Internaten wurden zuletzt fast jede Woche neue Verdachtsfälle von Missbrauch und Erniedrigung an die Öffentlichkeit getragen, und neue Details eines alten Skandals um das Idol Toni Sailer erschütterten Österreich.

Laut Standard hat die österreichische Regierung die mutmaßliche Vergewaltigung einer Frau im polnischen Zakopane durch Sailer im März 1974 vertuscht. Der in Kitzbühel geborene und 2009 im Alter von 73 Jahren gestorbene Sailer war eine Lichtgestalt des österreichischen Sports, vergleichbar mit dem Fußballer Franz Beckenbauer hierzulande. Der "Blitz von Kitz" gewann 1956 in Cortina drei Mal olympisches Gold, später lernten ihn seine Landsleute auch als Schauspieler und Sänger kennen, 18 Platten nahm er auf.

Im Gerede war Sailer freilich auch damals schon. Im Magazin Stern erschien 1976 eine wenig schmeichelhafte Bestandsaufnahme des zu jener Zeit mäßig erfolgreichen österreichischen Skisports, in der es unter anderem hieß: "Da gibt es einen verantwortlichen Cheftrainer namens Toni Sailer, der als sportlicher Leiter bei weitem nicht so durchschlagskräftig war wie in Hotelbars oder in polnischen Betten" - eine Anspielung auf den Vergewaltigungsvorwurf von 1974. Der Artikel aus jener Zeit beschreibt das anscheinend hemmungslose Après-Ski-Klima im damaligen Alpinsport, in das wohl auch Charly Kahr gut passte - als laut Stern "nachweislich überdurchschnittlich geselliger Mann, der mit seinem Freund Toni Sailer auch dann feierte, wenn es - wie so oft - eigentlich nichts zu feiern gab". Immerhin, konstatierte ein Funktionär, habe sich "der Charly" in seinem Wesen "grundlegend verändert. Er sauft nicht mehr so wie früher und ist auch neuen Ideen viel aufgeschlossener".

Kahr war 1972 als Abfahrtstrainer der Männer zum ÖSV zurückgekehrt und 1976 zum Cheftrainer aufgestiegen, nachdem er von 1970 bis '72 die alpine englische Frauennationalmannschaft betreut hatte. "Downhill-Charly" nannte ihn die Öffentlichkeit, vor allem wegen der Erfolge seines Schülers Franz Klammer. Sein Typ aber lag auch nicht allen Männern, der Slalomfahrer Klaus Heidegger etwa moserte einmal in Richtung Kahr: "Wir brauchen Helfer und keinen Offizier."

"Die Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt"

Den jungen Frauen, die Kahr zuvor traininert hatte, dürfte nach den Schilderungen von mutmaßlichen Opfern weitaus schlimmeres passiert sein als Ansagen im Kasernenton. Etwa der ehemaligen ÖSV-Athletin Michaela Raisinger, eine erfolgreiche Weltcup-Fahrerin, die in Wirklichkeit ebenfalls anders heißt. Anonym hat sie bereits davon erzählt, wie sie Mitte der 1970er-Jahre von einem Trainer belästigt worden sei. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung nennt sie jetzt erstmals den Namen des Mannes, dem sie nach einem gemeinsamen Weltcup der Frauen und Männer im kanadischen Mont Saint-Anne nur knapp entkommen sei: Charly Kahr. Und den Namen desjenigen, der alles mitbekommen haben könnte: Toni Sailer.

Sie sei damals, im Winter 1976, über den Gang des Teamhotels in Québec gelaufen, als Kahr sie plötzlich in sein Hotelzimmer gezerrt und auf sein Bett geworfen habe, mit den Worten: "So, heut' kommst du dran!" Michaela Raisinger berichtet:

"Neben ihm war noch ein Bett, da lag der Toni Sailer drin, relativ besoffen, zwei leere Whiskeyflaschen neben ihm. Beide Flaschen von der Marke Red Label. Auf dem Nachttisch vom Kahr stand auch eine leere Flasche, auch Red Label. Ich glaube, Sailer hatte den Oberkörper frei, er hat auf jeden Fall gegrinst (...) Kahr hat mich am rechten Handgelenk festgehalten, er hat mir fast die Hand gebrochen. Irgendwie habe ich Kahr von mir runtergewälzt und mich losgerissen, ich hatte ja Gott sei Dank etwas Kraft."

Dann sei sie ins Bad geflüchtet, habe panisch die Tür verriegelt und diese erst nach 15 oder 20 Minuten vorsichtig wieder geöffnet: "Sailer und Kahr lagen jetzt beide auf dem Bett, die waren ja total besoffen, am helllichten Nachmittag. Da bin ich sofort raus." Auch Raisinger hat der SZ eine eidesstattliche Erklärung vorgelegt. Nicola Werdenigg versichert ebenfalls per eidesstattlicher Erklärung, dass Raisinger ihr von der versuchten Vergewaltigung noch im Teamquartier in Québec erzählt habe.

Werdenigg war zu dieser Zeit selbst in der Nationalmannschaft aktiv. Mit dem Auftauchen von Kahr und Sailer im ÖSV, sagt sie im Gespräch mit der SZ, habe spürbar eine "Verrohung" eingesetzt: "Die zwei haben in den Betrieb der Serviceleute und der anderen Trainer Sodom und Gomorrha reingebracht. Es gab keine Grenzen mehr. Da war nichts mehr so, wie es in einem Umfeld im Sport sein sollte."

Nichts davon sei wahr, lässt Charly Kahr seinen Anwalt mitteilen, es handle sich um "verleumderische Behauptungen".

Einen anderen Vorfall hat Michaela Raisinger bisher noch nicht öffentlich gemacht; er soll sich schon im Winter 1968/'69 abgespielt haben. Raisinger war damals noch minderjährig. Passiert sei es nach einem Rennen in Frankreich auf der Zugfahrt von Genf nach Innsbruck:

"Wir Mädchen waren in einem Abteil, und Charly Kahr hat mich irgendwann in sein Abteil geholt und die Tür geschlossen. Er müsse etwas mit mir besprechen. Wir saßen nebeneinander entgegen der Fahrtrichtung, in der Nähe zum Gang, zwei oder drei Fremde saßen ebenfalls im Abteil, am Fenster. Es war schon am Abend und ziemlich dunkel, im Abteil hat nur noch eine kleine Lampe gebrannt. Ich weiß nicht, ob die Fremden von all dem etwas mitgekriegt haben. Kann sein, dass die schon geschlafen oder gedöst haben. Kahr hat jedenfalls auf einmal meinen Kopf gepackt, hat ihn unter seine Skijacke gezerrt, die auf seinem Schoß lag. Darunter lag sein entblößter Penis. Er hat mich richtig gepackt mit seinen Händen, richtig darauf gedrückt, vermutlich sollte ich das Glied in den Mund nehmen. Ich habe kaum Luft gekriegt und mich so geekelt (...). Ich konnte mich losreißen, bin aus dem Abteil raus und in unser Abteil zurück. Ich habe nichts gesagt, ich war ja noch schockiert."

Es sei ein offenes Geheimnis gewesen, dass Kahr "jede wollte und mit fast jeder geschlafen hat", sagt Michaela Reisiniger. "Es ist immer so ein bissel gesprochen worden, in Andeutungen, versteckt. Er war der Platzhirsch, wir waren seine Mädchen. Das war eine reine Machtfrage."

Charly Kahr blieb bis 1985 Cheftrainer der Alpin-Männer, später wurde er Hotelier. Seine Homepage liefert fotografische Zeugnisse zahlloser Begegnungen mit prominenten Größen Österreichs und darüber hinaus: mit Arnold Schwarzenegger und Niki Lauda, mit Roberto Blanco und Karl Moik, mit Politikern, Wirtschaftsvertretern, Sportlern. Allein 21 Ehrungen zählt Kahr selbst auf, darunter die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Schladming und das silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Sein Bild: makellos. "Dem ÖSV sind keine Übergriffe von Karl Kahr bekannt", lässt der Verband, der seinem ehemaligen Chefcoach ebenfalls die goldene Ehrennadel ans Revers heftete, auf SZ-Anfrage mitteilen.

Das Bild, das Betroffene und Zeugen in Gesprächen mit der SZ zusammengesetzt haben, zeigt allerdings nicht nur Charly Kahr. Es zeigt ein Leistungssportsystem, in dem offenbar nicht so genau hingeschaut wurde. Der Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen hatte demnach viele Varianten, über den die Betroffenen erst jetzt, im #MeToo-Klima neuer Offenheit, sprechen können. Auch wenn vieles wegen Verjährung womöglich nicht mehr juristisch verfolgt werden kann.

Über die österreichischen Verhältnisse wurde damals auch in anderen Verbänden getuschelt. Die ehemalige Rennläuferin Helen Scott-Smith, heute 59, fuhr für England, trainierte aber in den Alpen. Sie sagt im Gespräch mit der SZ: "Die Trainer haben sich die 15- bis 20-jährigen Mädchen aufgeteilt, sie haben sie als Objekte betrachtet, mit denen sie ihre Beziehungsspiele spielten. Das war eine österreichische Kultur, eine Unkultur." Scott-Smith arbeitet bis heute als Reporterin unter anderem im Skizirkus. Anfang Dezember erklärte sie, 1993 von einem österreichischen Servicemann vergewaltigt worden zu sein. Nun berichtet sie von einem weiteren, bislang unbekannten Übergriff: Bei einem Weltcup, über den sie in den 1990er-Jahren als Journalistin berichtete, habe jemand aus dem österreichischen Tross ihre Kopfschmerzen behandeln wollen:

"Ich war angezogen, auf einer Liege. Ich hatte die Augen zu. Nach einigen Minuten fühlte ich etwas über mich kommen, ich dachte, es sei eine Decke. Aber da war plötzlich der nackte Mann, der sich auf mich legte. Ich war völlig perplex, ich sah ihn böse an. Da zog er sich zurück, und ich lief davon."

Die Frauen reden heute vor allem deshalb über ihre Erlebnisse, weil Nicola Werdenigg den Anfang gemacht hat. In ihrer Wohnung in einem Wiener Arbeiterviertel, dritter Stock, hängen im Eingang Startnummern von alten Skirennen an der Decke: schwarze Ziffern auf gelbem, verblichenem Stoff. Ein paar Ski lehnen an der Wand, alte Modelle. Es sei ihr nicht darum gegangen, irgendwen anzuschwärzen, sagt sie, "sondern das System zu zeigen".

Wer nicht mitgespielt habe, habe verwachste Ski bekommen

Auch Nicola Werdenigg wuchs früh in dieses System hinein. Ihre Mutter war Olympia-Dritte 1948, der Vater brachte es als ÖSV-Funktionär bis zum Rennsportchef der Frauen. Die Familie und das System, für sie war das eins.

Das erste Ski-Internat, das sie als junge Sportlerin besuchte, sei fürchterlich gewesen, erinnert sie sich. Ein Mitschüler habe versucht, sie sexuell zu nötigen, da sei sie 13 Jahre alt gewesen. Als sie gerade 16 geworden sei, hätten zwei Rennfahrer-Kollegen sie bei einer Zusammenkunft des Ski-Teams unter Alkohol gesetzt, einer habe sie schließlich vergewaltigt. "Da ist man so gelähmt, dass man nicht mal Mau oder Muh sagt." Die Scham, die Angst vor einer Schwangerschaft, fräßen alles auf. "Hätte ich mit meinen Eltern gesprochen, wäre meine Rennkarriere zu Ende gewesen", sagt Werdenigg. Sie habe weitere Vorfälle erlebt, Jungen hätten etwa in der Wohnung des Heimleiters vor dessen Augen masturbieren sollen. Erst als sie die Schule gewechselt habe, sei es besser geworden.

1975 wurde sie österreichische Abfahrtsmeisterin, die Reporter riefen sie "Niki". Ein Jahr später fehlten bei der olympischen Abfahrt in Innsbruck 21 Hundertstel zu Bronze.

Im Nationalteam aber sei das Klima ähnlich gewesen wie an ihrem ersten Internat. Grenzen habe es nicht gegeben, das hätten Sailer und Kahr so vorgelebt. Manches sei einvernehmlich geschehen, sagt Werdenigg heute, "es waren die Siebziger, da ist gerade alles aufgebrochen an sexueller Freiheit. Aber die Rollen und die Machtverhältnisse sind halt oft ausgenutzt worden." Ein Ski-Fabrikant, der sie auf seine Knie gezogen habe, Service-Leute außer Rand und Band, die "mit den Läuferinnen Sex gesucht, Sex gehabt" hätten: Wer als Athletin nicht mitgespielt habe, habe seinen Startplatz gefährdet - oder am nächsten Morgen verwachste Ski bekommen.

Diese Praxis habe erst Peter Schröcksnadel eingedämmt, seit 1990 Präsident im ÖSV. Aber Übergriffe habe es weiter gegeben. Werdenigg sagt, sie wisse von sexualisiertem Machtmissbrauch im ÖSV-Team noch um das Jahr 2005 herum. Der Verband sei informiert worden - ohne Folgen. Werdenigg hat inzwischen alles der Staatsanwaltschaft Innsbruck erzählt: "Ich hatte nicht vor, den ÖSV aufzumischen. Ich wollte das Bewusstsein schaffen, dass im Sport Präventivmaßnahmen notwendig sind gegen sexualisierte Gewalt." Denn wenn auch "vom System 1968 heute gar nichts mehr existiert", wie der ÖSV feststellt, kommt es vereinzelt immer noch zu Übergriffen. Im November vergangenen Jahres war etwa ein mutmaßlicher Fall aus dem Ski-Internat Schladming zur Anzeige gebracht worden, die Eltern eines Schülers gaben an, ein Lehrer habe ihr Kind unsittlich zu berühren versucht. Die Ermittlungen laufen. "Von wegen 'alles lange her'", kommentierte die größte österreichische Gratis-Zeitung Heute.

Der ÖSV hat im Zuge der Enthüllungen eine Kommission eingerichtet und eine Hotline, bei der sich Opfer melden können. Bisher melden sich Betroffene aber eher bei anderen Stellen: Medien haben einiges dokumentiert, rund 20 Hinweise aus dem Sport hat die Opferorganisation Weißer Ring bekommen; Werdenigg sagt, sie habe bereits rund 50 Fälle protokolliert, von Jungen wie Mädchen: "Wir reden von vielen Sportarten, aber die Schwerpunkte liegen bei Ski und Fußball, von der Pubertät aufwärts."

So häuften sich nach Beginn der Welle in österreichischen Medien die Erfahrungsberichte von ehemaligen Schülern von Ski-Internaten. Sexualisierte Rituale wie das "Pastern", bei dem aufmüpfigen Schülern von älteren Mitschülern Dinge anal eingeführt wurden, hätten sich bis Ende der 1990er-Jahre gehalten, in Schladming, Neustift, Stams. Allesamt renommierte Schulen, in denen Weltcupgewinner und Olympiasieger geformt wurden.

Wolfgang Baumeister war von 1972 bis 1976 Schüler in Neustift. Er sitzt in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Alpenrand, Kapuzenpulli, rauchige Stimme. Er hat manchen Schmerz von damals im Alkohol versenkt. Sein heutiger Arbeitgeber, ein ausländischer Ski-Verband, rät ihm derzeit davon ab, seinen echten Namen zu nennen. Auch Baumeister hat bei der Staatsanwaltschaft ausgesagt. Was er zu berichten hat, konnte die SZ mit Dokumenten abgleichen, in die sie Einblick hatte:

"In Neustift hat damals ein pädophiler Heimleiter geherrscht. Wenn der aufgetaucht ist, hat jeder nur noch gezuckt. Es gab nur zwei Optionen: Streicheln oder prügeln. Die gestreichelt wurden, hatten kein Problem. Das betraf Buben, die waren so 13, 14 Jahre und schon in der pubertären Phase. Ich war damals eher unterentwickelt. Ich bin grundsätzlich verschont worden. Aber dann kam ich auch einmal dran. Dieses eine Mal war, als ich Rückenbeschwerden hatte und zur Massage ging. Massiert hat immer der Heimleiter. Und er stand schon da im Bademantel. Also ich ziehe mein Pyjamahemd aus. Der massiert, berührt mich dann, liegt dann irgendwann nackt auf mir und fängt an, mit seinem Ding umeinander zu reiben. Ich habe mich gewehrt, aber es hat massiven Nachdruck gebraucht. Ich hab meinen Pyjama geschnappt und bin einfach weg."

Erst durch die Intervention eines einflussreichen Vaters musste der Leiter seinen Posten räumen. Auch der Wiener Standard hat über Neustift berichtet, der damalige Heimleiter sagte im Gespräch mit der Zeitung, die Vorwürfe stimmten alle nicht, es handle sich um "Vorverurteilungen".

Wolfgang Baumeister kehrte 1989 nach Neustift zurück, nun selbst als Lehrer. Er sagt, er habe den Kindern etwas geben wollen, was er dort nie gehabt habe: "Hege und Pflege."

Aus vielen Missbrauchs-Skandalen, in Kirchen, Kinderchören oder Waisenhäusern, weiß man, was Opfern wichtig ist: Gehör finden, nicht allein sein. Nicola Werdenigg schwebt eine Studie vor ähnlich der deutschen Untersuchung "Safe Sport", in der die Sporthochschule Köln festgestellt hat, dass 37 Prozent von 1800 befragten Kaderathleten schon einmal "eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport" erlebt haben. Die Mehrheit der Athleten war bei der ersten Gewalterfahrung minderjährig.

Das Problem lässt sich nicht kleinreden, auch nicht in der heilen Bergwelt des Wintersports. Die Betroffenen sind erschüttert, dass Teamkolleginnen von früher abwiegeln, manche Medien negativ über die Erfahrungsberichte schreiben.

In der aktiven Zeit der jungen Egger, Raisinger oder Werdenigg war etwa eine gewisse Annemarie Pröll bereits im Begriff, eine Ära zu prägen. Als Annemarie Moser-Pröll steht die heute 64-Jährige mit 62 Weltcup-Siegen noch immer als erfolgreichste ÖSV-Athletin der Geschichte in den Annalen. Sie war die Fahrerin schlechthin jener Zeit, in der viele gewusst haben müssen, wie Männer Macht ausnutzten. Moser-Pröll ließ sich nach Werdeniggs Offenbarung bei Servus TV indes zu der Aussage herab: "Da gehören immer zwei dazu." Es tue ihr für alle Trainer und Betreuer leid, die in ein schlechtes Licht gerückt würden.

Wie das für wahre Opfer klingen muss? Wie sich das anhören mag für Menschen, die mit ihnen leben und ihre Geschichte kennen: für Kinder, Geschwister, Ehemänner? Auch sie müssen das aushalten. Michaela Raisinger, die ihrem ehemaligen Trainer schwere Übergriffe vorwirft, kann nicht in abgedunkelten Räumen schlafen. Und sie lässt die Türen in ihrem Haus bis heute immer einen Spalt auf. Sie könne diesen Reflex nicht vertreiben, "dass ich immer einen Fluchtweg habe". Auch 40 Jahre später. In ihrem eigenen Haus.

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Quelle:
SZ vom 09.02.2018
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