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Fußball in Italien:Noch gibt es keinen Vollzug bei Rangnick

Dieser Tage titelte die Mailänder Gazzetta dello Sport mal wieder mit ihrer ganz eigenen Überzeugung auf der ersten Seite: "È fatta." - Es ist vollbracht! Milan hole den "Professore" von Red Bull definitiv für drei Jahre, und zwar als Technischen Direktor und Cheftrainer in Personalunion. Das ist zwar, Stand jetzt, eine falsche Behauptung, aber die große Zeitung glaubt dennoch, der Deal sei sicher. Als erste Dementi eintrafen, legte die Gazzetta trotzig nach: "Rangnick al lavoro." Er arbeite schon - an Staff und Kader. Einige Namen stellte das Blatt schon mal vor. Ob etwas dran ist an den Namen, ist aktuell gar nicht so wichtig.

Wäre Gazidis häufiger in Mailand, bekäme er mit, wie sich das Klima noch etwas stärker gegen seine Pläne wendet. Ein Wetterumsturz. Vor Juve hatte Milan schon den Zweiten, Lazio, geschlagen, auswärts, 3:0. Plötzlich findet man in Italien, dass der Coach Stefano Pioli, ein klassischer Wandertrainer der Mittelklasse, einen tollen Job mache. Als Pioli vorigen Herbst übernahm, stand der Traditionsklub trotz Großinvestitionen auf Platz 14, mit angerissenem Stolz, ein trauriges Relikt verflossener Glorie. Jetzt ist plötzlich die Europa League drin, "la piccola Europa", wie die Italiener die Schwester der Champions League nennen - das kleine Europa.

Pioli selbst sagt: "Das ist mein Milan." Er meint damit, dass seine Elf, in der auch der frühere Frankfurter Ante Rebic inzwischen Tore schießt, nun endlich so spiele, wie er sich das vorstelle. Brauche halt alles seine Zeit. Man kann das Zitat aber auch anders verstehen, direkter. Und nun soll bald alles aus sein - wegen RR von RB?

Auch "Ibra", der Routinier mit dem Touch von Glamour, wäre wohl weg, wenn Rangnick käme, und das ist trotz seines Alters keine Petitesse. Das Publikum liebt Ibrahimovic, sein prominenter Name entspricht dem Anspruch eines großen Vereins. "Ob ich in Mailand bleibe?", sagte er nach dem Sieg gegen Juve: "Ich habe noch einen Monat, um Spaß zu haben, danach geschehen Dinge, die man nicht kontrollieren kann." Alter sei nur eine Zahl, tönt der Stürmer: "Unsere Rivalen haben Glück. Wenn ich vom ersten Tag an gespielt hätte, hätte Milan den Scudetto gewonnen." Nun ja, seit Ibrahimovic weiß, wie gut die Masche der überdrehten Selbstverklärung in seinem Fall funktioniert, kokettiert er damit bei jedem Auftritt.

Doch mehr noch: Käme Rangnick, dann wäre wahrscheinlich auch Paolo Maldini weg, der amtierende technische Direktor, und das schmerzt die Seele der Milanisti vielleicht noch mehr als alle anderen drohenden Verwerfungen. Der Begriff Legende wird schnell bemüht im Fußball, Maldini aber ist tatsächlich Legende und Verkörperung des Milanismo. Sein Vater Cesare spielte für Milan und wurde später Trainer, er selbst spielte bis 40 immer für Milan, einer seiner Söhne spielt jetzt für Milan. Als man Paolo Maldini nun fragte, was aus ihm werde, sagte er: "Ich weiß nicht, ob es im Milan der Zukunft Platz gibt für mich. An meiner Verbindung zum Verein wird aber niemand zweifeln können."

Wahrscheinlich ist auch den Besitzern klar, dass Legenden die Banden zum Volk stärken, wie Identitätsstifter. Von Maldini aber heißt es, er wolle künftig nicht nur Botschafter sein, sondern Manager - keine Topfpflanze des Vereins, die man hinstellt, damit es schön aussieht. Er will etwas zu sagen haben dürfen. Doch wie soll das gehen, wenn der Neue, so der denn auch kommt, die zentrale Macht bei sich sammeln möchte? Es gehe ihm nicht ums Geld, hat Rangnick neulich gesagt - aber es gehe zentral um die Frage, ob er bei einer Aufgabe "gewissen Einfluss" habe, also nicht bloß aufs Coaching, sondern auch auf alle Transfers.

Maldini sagte von Rangnick einmal: "Er ist nicht der richtige Mann." Das hörte sich abschließend an: Er oder ich! Die Gazzetta glaubt bereits: "Mit Maldini ist es aus!"

© SZ vom 09.07.2020/jki
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