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Fußball in Spanien:Barça wittert eine Verschwörung

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Gerard Piqué (r.) hat schon vor Wochen thematisiert, dass der Videoschiedsrichter angeblich Real Madrid bevorzugen würde.

(Foto: imago images / Chai v.d. Laage)

Wird Real Madrid vom Videoschiedsrichter bevorzugt? Das vermutet der FC Barcelona - doch die Debatte kommt auch gelegen, weil die Vertragsverhandlungen mit Messi stocken.

Von Javier Cáceres

Es kommt nicht allzu oft vor, dass der Präsident des FC Barcelona, Josep María Bartomeu, nach Spielen seines Teams das Mikrofon des übertragenden Fernsehsenders sucht. Sonntagnacht aber, nach Barças 4:1-Sieg beim FC Villarreal, stand er parat, um mit der Starinterviewerin von Movistar Plus zu plaudern. Sie war freundlich genug, ihn nicht mit der Peinlichkeit zu behelligen, dass eine Kompanie der katalanischen Polizei in der Woche zuvor die Vereinszentrale und die Unternehmensberatung PWC aufgesucht hatte, um Unterlagen zu "Barçagate" zu beschlagnahmen - eine Affäre, die um eine skurrile Schmutzkampagne gegen frühere und aktuelle Spieler des Klubs in sozialen Netzwerken kreist. Dafür hatte Bartomeu unter anderem Gelegenheit, endlich das in der Stadt zunehmend als dröhnend empfundene Schweigen zu den Schiedsrichtern zu beenden. Und Bartomeu wurde deutlich: "Der Videoschiedsrichter bevorteilt immer die gleiche Mannschaft ...", sagte er.

Gemeint war natürlich: Barças Erzrivale Real Madrid. Am Sonntag, Stunden vor dem Barça-Sieg in Villarreal, hatte Spaniens Rekordmeister durch ein 1:0 bei Athletic Bilbao die Tabellenführung verteidigt und damit die wohl schwerste Hürde auf dem Weg zum ersten Meistertitel seit 2017 genommen. Zu den kuriosen Umständen des Madrider Sieges zählte, dass er durch einen Foulelfmeter zustande kam, angeordnet vom Videoschiedsrichter (VAR). Ein Verteidiger Athletics hatte Reals Linksverteidiger Marcelo im Strafraum auf den Fuß getreten, der Schiedsrichter hatte das Spiel weiterlaufen lassen. Aber die Bilder belegten, dass tatsächlich ein ungebührlicher Kontakt vorgelegen hatte, Sergio Ramos verwandelte seinen 20. Elfmeter nacheinander.

Zum Diskussionsstoff wurde die Angelegenheit, weil kurz nach der Führung im Strafraum von Real Madrid eine ähnliche Situation zu beobachten war: Sergio Ramos trat Raúl García deutlich ins Sprunggelenk. Diesmal aber sah der Videoschiedsrichter von einer Intervention ab. Die Experten wiesen auf einen Unterschied hin: Anders als bei der Szene mit Marcelo befand sich der Ball fernab des Geschehens, als Ramos zutrat; und überhaupt sah die Szene nach einem Unfall aus. Andererseits: Ramos ist Ramos, ein Verteidiger mit großem Talent dazu, schurkenhafte Aktionen wie einen dummen Zufall aussehen zu lassen. Und dennoch: In den Augen der Barça-Verantwortlichen brachte der Fall bloß das Fass zum Überlaufen.

"Der VAR ist nicht gerecht", zeterte Bartomeu, Bilbaos Mittelfeldspieler Iker Muniain pflichtete ihm bei. "Wir sehen die Tendenz der letzten Spieltage - und welches Team die Elfmeter immer bekommt", sagte der Baske. Derlei hatte Barças Gerard Piqué schon vor Wochen thematisiert, als er kurz nach dem Ende der Corona-Pause erklärt hatte: "Es wird schwer, diese Meisterschaft zu gewinnen." Am Sonntag wandte sich Piqué mit einer Geste an den Referee: Er ließ die Finger tanzen, als hielte er die Strippen einer Marionette in den Händen.

Barça-Paranoia? Könnte man meinen - hätte Real-Präsident Pérez nicht Druck gemacht ...

Es hatten sich zuletzt in der Tat einige kontroverse Entscheidungen zugunsten von Real Madrid gehäuft. Mal wurde ein Abseitstor von Real Madrid (gegen Eibar) anerkannt, ein Treffer von Valencia beim Spielstand von 0:0 aber wieder annulliert. Bei Real Madrids Visite im Stadion von San Sebastián gab es dann eine Kaskade an strittigen Entscheidungen: Dort ging Real durch einen diskutablen Elfmeter in Führung; ein Ellenbogenstoß von Mittelfeldspieler Casemiro wurde nur mit Gelb geahndet; ein Tor der Basken wurde wegen passiven Abseits aberkannt; ein Treffer von Karim Benzema hingegen fand Anerkennung, obwohl der Franzose den Ball mit dem Oberarm mitgenommen hatte. Pure Barça-Paranoia? Zufällige Entscheidungen zugunsten Madrids? Könnte man meinen. Gäbe es nicht die Äußerungen des Chefs des spanischen Ligaverbandes LFP, Javier Tebas, der im Januar daran erinnert hatte, dass Real Madrids Präsident Florentino Pérez im Vorjahr hinter den Kulissen gehörig Druck gemacht hat.

Die Wellen, die die Debatte schlägt, helfen Barcelonas Führung gerade enorm

In Sachen Videoschiedsrichter habe es "nach dem Anruf von Florentino bei (Fußballverbandspräsident Luis) Rubiales ein Vorher und Nachher" gegeben, sagte Tebas. Pérez hatte sich im Januar 2019 bei Rubiales beschwert, nach einem nicht gegebenen (Nicht-)Elfmeter in einer Partie gegen Real Sociedad an Vinícius. Seitdem hat es tatsächlich den Anschein, dass im Zweifel zugunsten des Rekordmeisters gepfiffen wird: in dubio pro Real. Bei Real Madrid werden solche Erörterungen nur mäßig freundlich aufgenommen. "Man könnte meinen, wir würden wegen der Schiedsrichter gewinnen. Aber das ist nicht so", zürnte Madrids Trainer Zinédine Zidane. Auch Ramos forderte "Respekt" ein.

Ein Teil der Wahrheit ist auch: Die Wellen, die die Debatte schlägt, helfen Barcelonas Führung gerade enorm. Nicht nur "Barçagate" sorgt für Wirbel, auch um die Eignung von Trainer Quique Setién wird diskutiert. Für richtigen Alarm sorgt freilich die Angst, Kapitän Lionel Messi könne den Klub verlassen. Ein Radiosender machte publik, dass Messi die Vertragsverlängerungsgespräche auf Eis gelegt hat. Er sei es unter anderem satt, hieß es, immer als derjenige zu gelten, der den Trainer absägt oder einen Spieler wie Antoine Griezmann nicht in der Kabine haben will. "Messi wird seine Karriere hier beenden", sagte Bartomeu am Sonntag. Aber er dementierte nicht, dass der Argentinier die Verhandlungen vorerst abgebrochen hat.

Der zuletzt kritisierte Griezmann erzielte gegen Villarreal übrigens ebenso ein Traumtor (45.) wie Luis Suárez (20.). Die anderen Barça-Treffer kamen durch ein Eigentor von Pau Torres (3.) und durch Ansu Fati (86.) zustande. Doch das interessierte - wie die wirklich gute Leistung Barças oder der Umstand, das Suárez nach Toren mit Barça-Legende László Kubala gleichzog (194 Tore) - am Sonntag nur am Rande.

© SZ vom 07.07.2020/tbr
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