Sieben Kurven der Formel 1:"Du betest nur, dass es einfach zu Ende ist"

Lesezeit: 5 min

Sieben Kurven der Formel 1: Nach hartem Kampf diesmal auf Rang vier: Mercedes-Pilot Lewis Hamilton.

Nach hartem Kampf diesmal auf Rang vier: Mercedes-Pilot Lewis Hamilton.

(Foto: Hamad I Mohammed/Reuters)

Lewis Hamilton leidet in seinem Auto, Mick Schumacher hat Zuspruch nötig - und Max Verstappen scherzt im Boxenfunk. Die Höhepunkte des Formel-1-Wochenendes.

Von Elmar Brümmer

Lewis Hamilton

Es wirkt wie in Super-Zeitlupe, als sich Lewis Hamilton an den Sicherheitsbügel über ihm klammert, um sich aus dem Cockpit seines Autos zu ziehen. Sieht so ein "Fahrer des Tages" aus? Der 37-Jährige wirkt wie 67, und das hat mit den Schmerzen zu tun, die ihm sein Silberpfeil bereitet. Nicht die im übertragenen Sinn technischen Sorgen bei Mercedes, sondern die realen, tief drin in seinem Rücken. Dennoch hat das eine mit dem anderen zu tun. Das ehemalige Weltmeisterauto hat einen Schwerpunkt so niedrig wie kein anderes, und auf unebenen Pisten wie in Baku setzt es zusätzlich auf. Das verstärkt die "Porpoising" genannten Hüpfbewegungen bis ins Unerträgliche.

"Du betest nur, dass es einfach zu Ende ist", bilanziert der Rekordweltmeister seinen vierten Platz. Nur das Adrenalin und die Massagen seiner Physiotherapeutin Angela Cullen würden ihn gerade über die Runden bringen. Rivale Max Verstappen hatte ihm auf die Schulter geklopft: "Verlier die Hoffnung nicht." Tut der Brite nicht. Wenn die Techniker das Auto beruhigen können, soll die Sekunde Rückstand dahin sein. Hamilton: "Dann sind wir wieder im Rennen."

Günther Steiner

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(Foto: Hamad I Mohammed/Reuters)

Zum ersten Mal, seit er zum heimlichen Star der Netflix-Serie "Drive to Survive" aufgestiegen ist, sieht sich der Teamchef von Haas-Ferrari mit Kritik konfrontiert. Und was macht jemand, der sonst so gern das F-Wort benutzt? Er poltert natürlich zurück. Sanfter in der Wortwahl, aber nicht in der Aussage. Auf die Kritik des zunehmend auch vom eigenen Team genervten Mick Schumacher sagt der Südtiroler vor dem Sky-Mikrofon: "Wir zweifeln nicht an Micks Potenzial. Aber wir brauchen Erfolge." Im Moment würden die Medien versuchen, seinen Rennstall in zwei Lager zu spalten: "Das ist nicht gut für Mick."

Der schaffte es fehlerfrei vom letzten auf den 14. Platz, allerdings kam Teamkollege Kevin Magnussen einmal mehr besser mit dem Auto zurecht. Haas hat seinen anfänglichen Schwung verloren, hat bislang keine signifikanten Upgrades für den Kunden-Ferrari gebracht, ist von Pech geplagt. Rennstall wie Fahrer stagnieren, in diesem Umfeld kämpft der 23 Jahre alte Weltmeister-Sohn um seine Karriere. "Ich brauch' Mick, Mick braucht uns", erklärt Steiner kurz und bündig zu den verhärteten Fronten - und gesteht, dass Ferrari über eine Vertragsverlängerung entscheidet. Ändern werde er sich sicher nicht: "Da müssen stärkere Jungs her."

Charles Leclerc

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(Foto: Hamad Mohammed/AP)

Wenn Mick Schumacher verkündet, dass der Große Preis von Kanada am kommenden Wochenende in Montreal ein "Neustart" für ihn sein soll, dann gilt das mit Sicherheit auch für Charles Leclerc. Dreimal in drei Rennen hat ihn die Scuderia im Stich gelassen: technische Pannen in Barcelona und Baku, dazwischen das Strategiedesaster in Monte-Carlo. Auch in Aserbaidschan zickte die rote Boxenstopp-Crew, als der Monegasse noch im Rennen war. Mittlerweile kann er die Rücklauftaste drücken, wenn der Titelanwärter auf seine Gefühle angesprochen wird: "Es tut weh. Einfach nur weh."

Öffentliche Kritik an seinem Team zu äußern, das ist verpönt und wird außerdem genüsslich von den italienischen Medien übernommen. Aber aus sechs Pole-Positionen ganze zwei Siege gemacht zu haben, das greift irgendwann auch jene mentale Stärke an, die Leclerc schon immer ausgemacht hat. Er muss ahnen, dass die vergangenen vier Wochen seinen Titeltraum erheblich torpediert haben, zumal ihm in der Endphase der Saison jetzt auch noch Startplatzstrafen für den hohen Motorenverschleiß drohen.

Mattia Binotto

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(Foto: Hamad I Mohammed/Reuters)

Die Sache mit der (mangelnden) Zuverlässigkeit kann selbst der stets zur Beruhigung mahnende und zur Relativierung neigende Ferrari-Teamchef nach dem Fiasko von Baku nicht mehr schönreden. Vorbehaltlich der technischen Analyse erklärt der Ingenieur nach den Ausfällen von Carlos Sainz und Charles Leclerc: "Die Zuverlässigkeit ist tatsächlich unsere Sorge, denn sie ist ein Schlüsselfaktor im Kampf mit Red Bull, wie die Leistungsfähigkeit auch." Genau das scheint nicht zusammenzupassen bei der Scuderia. Die anfängliche Überlegenheit ist nicht nur weg, vielmehr scheint die Standfestigkeit auf der Strecke geblieben zu sein.

In Baku erwischte es neben den beiden Werkswagen auch jeweils ein Kundenauto von Haas und Alfa Romeo. Von einem Konstruktionsfehler will Binotto nichts wissen, jeder Schadensgrund sei ein anderer gewesen. Richtig beruhigend ist das allerdings nicht, spricht es doch eher für ein grundsätzliches Qualitätsproblem. "Es macht mir Sorgen, auch deshalb, weil ich nicht genau weiß, wo genau unser Problem liegt", gesteht der Chef.

Max Verstappen

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(Foto: Natalia Kolesnikova/AFP)

Relativ früh aller Gegenspieler beraubt, den immer stärker werdenden internen Gegenspieler Sergio Pérez durch die bessere Reifenstrategie leicht auf der Strecke aufgeschnupft, kann sich der einsame Spitzenreiter Max Verstappen kurz vor Schluss sogar den Spaß leisten, seinem Team über nachlassende Bremsen zu klagen - um dann fast noch die schnellste Runde zu fahren. Lachend fragt er über Boxenfunk dann bei der Zieldurchfahrt nach, ob das jetzt ein gutes Rennen gewesen sei. Er kennt die Antwort, der Doppelausfall von Ferrari vervielfacht die eigenen Punkte noch.

Verstappens fünfter Sieg der Saison ist der 25. seiner Karriere, und das bringt ihn auf eine Stufe mit Niki Lauda und Jim Clark. Auch hat er jetzt mehr Podiumsplatzierungen als jeder andere Red-Bull-Fahrer, übertrumpft damit auch Sebastian Vettel. "Ein unglaubliches Resultat", sagt auch Teamchef Christian Horner: "Baku überrascht einen immer wieder."

Sebastian Vettel

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(Foto: Ozan Kose/AFP)

Dem Gesichtsausdruck nach dürfte es Sebastian Vettel gefallen haben, endlich mal nicht vor den Kameras mangels anderer veritabler Themen über seine Frisur, seine T-Shirt-Aufschriften oder seine Karriereaussichten zu sprechen, sondern über ein ordentliches Rennergebnis. Sechster werden vom neunten Startplatz aus, trotz eines spektakulären Verbremsers mit Dreher, das ist ein Grad von Zufriedenheit, den er in der bisherigen Saison im Aston Martin nicht erreichen konnte.

Ein Resultat der B-Version des grünen Rennwagens, an der die Techniker in Silverstone in Rekordzeit gewerkelt hatten. "Wir haben das Limit des Autos nach oben verschoben, und das beginnt sich jetzt auszuzahlen", sagt Vettel und gewinnt im Mittelfeld dadurch neue Stärke: "Das Spiel läuft jetzt mehr zu unseren Gunsten." Selbst einen geschwächten Lewis Hamilton überholt man im Rennverlauf ja nicht einfach so.

Mohammed bin Sulayem

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(Foto: Mandoga Media/Imago)

Deutlich zu viel über Politik statt über Rennsport werde ihm gerade im Fahrerlager gesprochen, beklagte Mohammed bin Sulayem, der seit Dezember Präsident des Automobil-Weltverbandes Fia und damit eine Art oberster Gesetzeshüter der Formel 1 ist. In einem Gespräch mit einem Fachportal hatte der Funktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gefragt, "ob wir dem Sport ständig unsere Überzeugungen aufzwingen sollten". Der Aktivismus von Lewis Hamilton, Sebastian Vettel oder Lando Norris, die sich für Menschenrechte, den Klimaschutz und für mehr Diversität einsetzen, gefällt vielen im Profi-Rennsport nicht.

Vettel, auch in Baku wieder mit Schweißbändern in den ukrainischen Farben ausgerüstet, kontert: "Diese Themen sind wichtiger als wir, wichtiger als der Sport." Mercedes fuhr im autoritär geführten Aserbaidschan demonstrativ mit einem Stern in Regenbogenfarben. Sulayem lenkte ein, und seine Fia verkündete sicher nicht ganz zufällig am Freitag die Berufung der in der Ukraine geborenen Tanya Kutsenko zur ersten offiziellen Beraterin des Verbandes für Gleichstellung, Diversität und Inklusion.

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