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Wahlkampf:Schulz ist quasi ein politisch korrekter Populist

Schulz, der über soziale Gerechtigkeit bis in die Formulierungen dasselbe sagt wie Gabriel, unterscheidet sich an einem wichtigen Punkt: Er steht bislang eisern zu Merkels Flüchtlingspolitik, auch wenn er sich unter Sozialdemokraten damit längst in der Minderheit befindet. Offenbar macht ihn aber diese klare Haltung glaubwürdiger, wenn er sich der niedrigen Rente widmet, der teuren Pflege, dem Bus, der nicht fährt, und was sonst noch schiefläuft. Schulz ist quasi ein politisch korrekter Populist.

Die Kanzlerin hat dem einstweilen wenig entgegenzusetzen. Sie kann darauf verweisen, dass der Herausforderer Sprüche macht - und sie Politik. Sie kann darauf setzen, dass erst in sieben Monaten gewählt wird. Und niemand kann erfahrungsgesättigter berichten, wie am Ende ein Amtsbonus wirkt, als Merkel, die 2005 schon wochenlang an der absoluten Mehrheit schnuppern durfte, ehe sie Schröder beinahe doch noch unterlegen wäre.

Dennoch liegt eine Ambivalenz über dieser Kanzlerschaft: Die Merkel, die mehr erreicht hat, als ihr die meisten zugetraut haben, darf sich heute vieles erlauben. Aber die Merkel, die nicht mehr unschlagbar erscheint, kann sich manches nicht mehr leisten. Die Wahl des Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten an diesem Wochenende ist eine lästige Niederlage, schadet ihr aber nicht wirklich.

Ihre trostlose Kür zur Kanzlerkandidatin der CSU war hingegen ein verlorener Tag. So demonstrativ unfroh wie mit Horst Seehofer erlebt man Merkel sonst nur neben russischen oder türkischen Präsidenten. Man sah ihr das Wissen an, dass eine so missglückte Inszenierung angeblicher Eintracht nur besonders geeignet ist, den Riss zwischen CDU und CSU noch einmal herauszustellen.

Merkel 2017 ist nicht Kohl 1998. Die Kanzlerin und die Deutschen sind noch nicht fertig miteinander. Von Merkel und Seehofer lässt sich das nicht sagen. Es ist unverkennbar, wie genervt die Kanzlerin ist. Aus dem Auftritt in München hat sie so viel Schwung mitgenommen wie eine Radlerin, die mit plattem Hinterreifen in eine Steigung fährt. Der CSU-Chef ist einstweilen der gefährlichere Gegner als der SPD-Kandidat. Und Merkels unübersehbare Erschöpfung gegenüber Seehofer gefährdet ihre Kanzlerschaft mehr als die angebliche Merkel-Müdigkeit der Deutschen.

© SZ vom 11.02.2017/dit
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