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Streitgespräch der Kanzlerkandidaten:Kräftemessen über Eck

Beim WDR-Europaforum traten erstmals die drei Kanzlerkandidaten zum Streitgespräch gegeneinander an. Über ein schwieriges Format, an das man sich im Wahlkampf wird gewöhnen müssen.

Von Nico Fried, Berlin

Die Frau redet am interessantesten. Sie berichtete über das Temperament von Emmanuel Macron, der Spannungen auch mal explodieren lasse. Sie sprach über Krisentests für das Schengen-System und den Euro, sie erklärte ihre Gedanken zu China und zu vier Jahren US-Außenpolitik mit Donald Trump. Am Ende wurde sie gefragt, was nicht im Geschichtsbuch über sie stehen solle. Die Kanzlerin antwortete: "Dass ich faul war."

Doch Angela Merkel stand nicht unbedingt im Mittelpunkt des WDR-Europaforums, jedenfalls nicht alleine. Eine gute Stunde nach ihrem Auftritt saßen erstmals die drei aussichtsreichsten Kandidaten für ihre Nachfolge zusammen - auch wenn der Kandidat der Union, Armin Laschet, aus Termingründen von Düsseldorf aus den Kontrahenten Annalena Baerbock und Olaf Scholz in Berlin zugeschaltet wurde. Triell heißt diese Form des Kräftemessens, ein Begriff, an den man sich im Wahlkampf 2021 wird gewöhnen müssen.

Eine Erkenntnis aus dieser Premiere bestand darin, dass Trielle nicht leicht zu beherrschen sind. Nachdem alle drei Positionen zu einem Thema abgefragt wurden, gibt es immer einen oder eine, die noch jemandem widersprechen will. Wenn die Zeit - eine Stunde - knapp bemessen ist, nicht aber die Zahl der Themen, die sich die Moderatorin - WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni - vorgenommen hat, wirkt die Diskussion schnell überladen und hektisch.

Unterschiede in der Außen-und Europapolitik sollten erkennbar werden, kündigte Ehni an. Erster Versuch: Die Partnerschaft mit den USA und das in der Nato vereinbarte Ziel, die Militärausgaben auf zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Laschet bekannte sich klar zu diesem Ziel. Scholz verwies darauf, dass er als Finanzminister jedes Jahr den Verteidigungsetat erhöht habe, was er mit einem typischen Olaf-Scholz-Satz abrundete: "Was wir real tun, muss sich ganz pragmatisch fortbewegen." Baerbock hingegen nannte das Nato-Ziel absurd und will mit US-Präsident Joe Biden darüber neu verhandeln. Das veranlasste Laschet zu der Intervention, er verstehe nicht, wie jemand Kanzler werden, sich aber nicht an die internationalen Vereinbarungen der Vorgängerregierung halten wolle.

Laschet piesackt die grüne Konkurrentin

Nächstes Thema: Entscheidungen in der Europäischen Union. Olaf Scholz plädierte dafür, das Einstimmigkeitsprinzip in wichtigen Bereichen wie der Außenpolitik zugunsten von Mehrheitsentscheidungen zu kippen, um leichter zu gemeinsamen Positionen und besserer europäischer Handlungsfähigkeit zu kommen. Das sieht auch Baerbock so, die am liebsten gleich alle Beschlüsse dem Mehrheitsprinzip unterwerfen will, auch wenn dann mal gegen die Interessen Deutschlands entschieden werde. Dann, so piesackte Laschet die grüne Konkurrentin, müsse sie aber zum Beispiel auch die Anschaffung einer bewaffneten Drohne umsetzen, wenn sich die europäischen Partner mehrheitlich für entschieden.

Das Verhältnis zu Russland handelte die Dreier-Runde plus Moderatorin am Beispiel der Gas-Pipeline Nordstream 2 ab. Laschet und Scholz stehen zu dem Projekt, auch wenn der Kandidat der Union nicht als glühender Verfechter charakterisiert werden will. Olaf Scholz ging nicht in die Falle der Moderatorin, die Rücknahme von Sanktionsdrohungen der neuen US-Regierung als persönlichen Erfolg in Anspruch zu nehmen, wozu er bei anderen Themen gelegentlich neigt. Baerbock lehnte die Pipeline ab und hielt den beiden Konkurrenten vor, sie verließen sich zu sehr auf kurzlebige russische Zusagen zur Versorgung der Ukraine. Das wollte dann - Stichwort: einer findet sich immer, der noch was sagen möchte - Scholz so nicht stehen lassen. Die jetzige Bundesregierung habe den Schutz der Ukraine überhaupt erst erkämpft, sagte der Vizekanzler.

Beim Klimaschutz antworteten Scholz und Laschet wortgleich

Beim Klimaschutz antworteten Scholz und Laschet auf die Frage, ob es erst des Urteils aus Karlsruhe bedurft habe, das Klimaschutzgesetz zu verschärfen, absolut wortgleich: "Nein." Und selbst der leicht pikierte Unterton ähnelte sich bei beiden Großkoalitionären. Als Baerbock zu ihren Ausführungen ansetzte, zeigten sich dann erste Ermüdungserscheinungen der Moderatorin, die den sehr ausführlichen Redebeitrag der Grünen nicht ausbremste. Auch Laschet übte sich nur noch in punktueller Gegenwehr, als er dazwischen rief, auch er setze sich "schon lange" für Klimaschutz ein.

Eine Stunde und drei Minuten dauerte das erste Triell. Ehnis Fazit, es sei eine "spannende Diskussion" gewesen, muss man nicht uneingeschränkt teilen.

© SZ/nvh
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