bedeckt München 18°

Kanzlerkandidatur:"Was ist Erfahrung?"

Annalena Baerbock und Olaf Scholz

Olaf Scholz, Kanzlerkandidat der SPD und Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin für die Grünen, beim Politiktalk von RBB und Süddeutscher Zeitung.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Grünen-Chefin Baerbock und Finanzminister Scholz von der SPD treten gegeneinander bei der Bundestagswahl an. Im "Polittalk" des RBB-Inforadios und der SZ lieferten sie sich ein erstes Streitgespräch

Von Jens Schneider, Potsdam

Wer ist Außenseiter? Wer muss sich verteidigen? Der "Politiktalk" zweier Kanzlerkandidaten am Montagabend ist noch keine zehn Minuten alt, Annalena Baerbock und Olaf Scholz wollen auf Einladung des RBB-Inforadios und der Süddeutschen Zeitung diskutieren. Da räumt der SPD-Politiker Scholz eine Sache ab, die seit Tagen für Unruhe um die Grünen-Chefin gesorgt hat. Viel wurde geschrieben über Baerbocks Studienabschluss als Völkerrechtlerin. Das Geraune ließ auch nicht nach, als klar war, dass alles seine Ordnung haben dürfte mit ihrem Master von der London School of Economics and Political Science (LSE). "Was da in den letzten Tagen an Vorwürfen gegen Annalena Baerbock im Netz zu lesen war, finde ich völlig unmöglich", sagt Scholz. "Das gehört sich nicht."

Er spricht das aus mit der Autorität eines erfahrenen Politikers, der seit Jahren in diesem Land eine tragende Rolle spielt. Und sofort stecken die Kontrahenten mittendrin in der bizarren Konstellation dieses Bundestagswahlkampfs. Als Favoritin aufs Kanzleramt geht, mit einem deutlichen Vorsprung in Umfragen, Grünen-Chefin Baerbock in den Wettbewerb. Eine junge Oppositionspolitikerin aus einer kleinen Bundestagsfraktion, der ständig vorgerechnet wird, dass sie wenig Erfahrung habe. Der aussichtsreichste Konkurrent ist der Christdemokrat Armin Laschet, der das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen regiert. Als klarer Außenseiter gilt der Mann mit der größten Erfahrung: Bundesfinanzminister Scholz.

Der Vizekanzler und Baerbock kämpfen zudem in einem Potsdamer Wahlkreis um ein Direktmandat für den Bundestag. Scholz versucht an diesem Abend all die Stationen seiner Laufbahn, die seine Erfahrung bezeugen, mit einem Gestus größtmöglicher Beiläufigkeit aufzuzählen. Aber er will seine Erfolge aufzählen, etwa das Modell der Kurzarbeit in der Finanzkrise 2008/2009, damals als Arbeitsminister, "eine Erfindung, die ich gemacht habe, die in Deutschland Arbeitsplätze gerettet hat und jetzt in der ganzen Welt kopiert wird".

Baerbock setzt auf Lebenserfahrung

Erfahrung? Baerbock hält dagegen: "Was ist Erfahrung?" Sie spricht davon, dass es in diesen Zeiten wichtig sei, Lebenserfahrung mitzubringen. Etwa zu wissen, wie es sei, ein Jahr lang mit Kindern zu Hause zu verbringen, das ist ihr Beispiel. Und außerdem "heißt Politik nicht nur Regierungserfahrung". In der Demokratie würden Gesetze im Parlament beschlossen, und sie sei jetzt acht Jahre im Deutschen Bundestag. Wäre Scholz, so wird er gefragt, da gern noch mal jung? Er schüttelt den Kopf: "Ich möchte keine Erfahrung missen." Und: "Wir brauchen ganz viel starke politische Führung."

Darauf antwortet Baerbock mit einer eigenen Dauerschleife: Man müsse alles neu denken, sagt sie oft, ohne direkt Lösungen damit zu verbinden. Beim Blick auf die Corona-Pandemie beklagen beide, dass einiges schiefgelaufen sei. Baerbock fordert: "Lernen wir aus dem, was falsch gelaufen ist." Es sei ein großer Fehler gewesen, auf Sicht zu fahren. So hätte die Politik zum Beispiel schon vor einem Jahr einen Plan machen sollen, wie es mit den Schulen weitergehe.

Scholz fordert klare Antworten

Scholz unternimmt Versuche, sie auf konkrete Aussagen festzulegen, so bei der Frage nach der Verteilung der Lasten beim Klimaschutz. Die Grünen-Chefin betont dagegen ihre Entschlossenheit. "Ich geh nicht mit bei diesem Zaudern", sagt sie. "Wenn wir jetzt diese Klimakrise nicht richtig anpacken, dann werden wir am Ende alles verlieren." Sie will mehr Forschungsförderung, auch müsse man über das Ordnungsrecht regeln, "was es in Zukunft noch geben darf, und was es nicht geben darf".

Scholz hätte das gern genauer. "Ich bin dafür, dass man immer ganz genau wird, bei dem was man sagt", sagt er. Als Baerbock für ihre Antwort lange ausholt, wirkt dies wie der Auftakt zum letzten Ballwechsel eines Spiels, das bis zur Wahl viele Neuauflagen erleben wird.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB