Nach dem Tod des emeritierten Papstes:Raum für Reformen

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Erinnerungen an Benedikt: In der Stiftspfarrkirche St. Philippus und Jakobus in Altötting liegt ein Kondolenzbuch aus. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Der emeritierte Papst hatte sich gegen Vorhaben seines Nachfolgers in Stellung gebracht. Nach dem Tod Benedikts XVI. bieten sich Franziskus neue Spielräume - auch für heikle Themen.

Von Oliver Meiler und Annette Zoch

Der Tod von Benedikt XVI. am Silvestertag im Alter von 95 Jahren setzt den Vatikan vor die Herausforderung, sein Protokoll neu zu erfinden. Es ist das erste Mal, dass die katholische Kirche einen emeritierten Papst zu Grabe trägt. Das Zeremoniell ist nicht dasselbe wie das für einen amtierenden Papst, der Verstorbene wünschte es sich "feierlich, aber einfach". Doch auch Joseph Ratzinger wird nun für drei Tage, von Montag bis Mittwoch, im Petersdom aufgebahrt, damit das Volk der Gläubigen jeweils von 7 bis 19 Uhr sich von ihm verabschieden kann. Und wie bei Päpsten, die im Amt gestorben sind, wird er dafür in ein rotes Messgewand gehüllt: Rot ist die Trauerfarbe. Hellebardiere der Schweizergarde bewachen den Leichnam.

Für Donnerstagmorgen ist die Totenmesse auf dem Petersplatz angesetzt, die Papst Franziskus leiten wird. Eingeladen sind nur offizielle Delegationen aus Deutschland und Italien. Zum Vergleich: Zum Requiem von Johannes Paul II. 2005 waren 200 Staats- und Regierungschefs angereist. Rom rechnet damit, dass 50 000 bis 60 000 Menschen der Totenfeier für Benedikt beiwohnen werden. Joseph Ratzinger wird dann nach eigenem Wunsch in der Krypta unter der Basilika bestattet werden, und zwar in der früheren Ruhestätte seines polnischen Amtsvorgängers: Johannes Paul II. war nach seiner Seligsprechung in eine Seitenkapelle der Kirche verlegt worden, gleich neben der Pietà von Michelangelo.

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Nach dem Tod Benedikts XVI. kehrt der Vatikan wieder zum normalen Funktionsmodus zurück - mit Einerspitze. Vielleicht öffnet sich damit aber auch eine neue Zeitrechnung im Pontifikat von Franziskus. Während fast zehn Jahren stand dem amtierenden Papst ein emeritierter zur Seite, ein Unikum in der Geschichte der katholischen Kirche. Nun regiert Jorge Mario Bergoglio erstmals auch symbolisch ganz allein. Und in Rom fragt man sich, ob das den 86-jährigen Argentinier dazu bewegen könnte, hängen gebliebene Reformen doch noch entschiedener voranzutreiben und heikle Themen deutlicher anzusprechen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Präsenz des Emeritierten den Amtierenden in seinem Impetus gebremst hat. Benedikts konservative Entourage brachte sich immer wieder gegen Reformvorhaben von Franziskus in Position.

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Neues Regelwerk erforderlich

Erwartet wird, dass sich die Kirche nun ein neues Regelwerk geben wird, um solche Doppelkonstellationen nach dem Rücktritt eines Papstes in Zukunft zu vermeiden. Benedikt hatte auf dem Titel "Emeritus" bestanden und trat bis zum Schluss im päpstlichen Weiß auf: Er trug so dazu bei, dass viele Gläubige dachten, die zwei Päpste führten die Kirche gemeinsam. Ist es denkbar, dass ein zurückgetretener Papst in den Rang eines Kardinals zurückkehrt? Möglich wäre die Bezeichnung "Altbischof von Rom" - so ließe sich auf elegante Weise jede Verwirrung vermeiden: Einer von vielen Titeln des Papstes ist "Bischof von Rom".

Persönlichkeiten aus aller Welt würdigten den Verstorbenen: US-Präsident Joe Biden, selbst Katholik, sagte, Benedikt werde "als renommierter Theologe in Erinnerung bleiben, der sich ein Leben lang mit Hingabe für die Kirche einsetzte". Benedikt habe sich "mit Seele und Intelligenz für eine brüderlichere Welt eingesetzt", sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte das theologische und akademische Wirken Ratzingers: "Er hat sich dem Suchen und Fragen der Menschen gestellt."

Joseph Ratzinger habe "mit großem Scharfsinn und intellektueller Prägnanz theologische Beiträge geleistet, die weit über die katholische Kirche hinaus die Christenheit beeindruckt haben", sagte die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Annette Kurschus. Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm und der Magdeburger Bischof Gerhard Feige erinnerten auch daran, dass er durch Aussagen zum Protestantismus bei evangelischen Christen Verletzungen ausgelöst hatte.

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Auch der Umgang Benedikts mit sexuellem Missbrauch war Thema in vielen Nachrufen. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Limburger Bischof Georg Bätzing, sagte, Benedikt XVI. habe darauf gedrängt, "das Leid der Opfer wahrzunehmen, ihre Sicht ins Zentrum zu rücken, wenngleich seine Zeit als Erzbischof von München und Freising ein anderes Licht auf ihn wirft". Er sei "langjähriger Verantwortlicher jenes Systems", dem Tausende Missbrauchsbetroffene zum Opfer fielen, sagte der Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch.

Kurz nach dem Tod veröffentlichte der Vatikan das "geistliche Testament" Benedikts. Der deutsche Papst dankt darin allen, die Gott an seine Seite gestellt habe, und schreibt dann, er bete dafür, dass Deutschland ein "Land des Glaubens" bleibe. "Steht fest im Glauben! Lasst euch nicht verwirren." An einer Stelle schreibt er: "Allen, denen ich irgendwie Unrecht getan habe, bitte ich von Herzen um Verzeihung." Und ganz zum Schluss: "Endlich bitte ich demütig: Betet für mich, damit der Herr mich trotz all meiner Sünden und Unzulänglichkeiten in die ewigen Wohnungen einlässt."

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