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Terror und Medien:Soziale Medien müssen den Missbrauch durch Terroristen ernst nehmen

Social Networking Sites May Be Monitored By Security Services

Soziale Netzwerke wie Facebook sind Scharnier und Katalysator für Terroristen.

(Foto: Getty Images)

Der Terror wendet die freie Rede gegen ihre Erfinder. Es braucht mehr als Überwachung und Fahndung mit möglichst viel Speicherplatz. Auch Facebook und Co. müssen Verantwortung übernehmen.

Wer es ein wenig zugespitzt mag: Der moderne Terror wäre ohne die modernen Medien nicht möglich. Die brennenden und stürzenden Zwillingstürme ohne Fernsehübertragung - hätten sich längst nicht so ins Gedächtnis eingefräst. Die mit Benzin getränkten Overallträger im IS-Käfig, die Fackel an der Lunte - hätten ihre Schockwirkung ohne die Handyvideos auf den Islamisten-Seiten im Netz nie erzielt. All die Enthauptungen, Kindermorde, Folterszenen, Bombenfilmchen, wackeligen Lkw-Bilder aus ungezählten Telefonkameras: Terror funktioniert vor allem über Bilder.

Ob auf den Kanälen des auslaufenden analogen Zeitalters nach 9/11 oder auf all den digitalen Spielflächen des Jahres 2016 - von Nizza bis Raqqa lebt der Terror vom Schock und vom oft atemberaubenden Gefälle zwischen Tat und Wirkung.

Scharnier und Katalysator ist heute immer das Netz. Dieses Scharnier klappt aber auch nach der anderen Seite auf, wie der Selbstmordanschlag von Ansbach belegt. Das Netz dient nicht nur als Antreiber für Furcht und Schrecken (und als Auslöser für eine Paniklawine wie beim Amokläufer von München). Es ist auch das Bindeglied zwischen Täter und Anstifter, die Kommunikationsader zwischen Befehlsgeber und Empfänger. Der Axt-Angreifer von Würzburg erhielt Weisung über die einzusetzende Waffe per Chat, der Täter von Ansbach lief quasi an einer elektronischen Puppenspielerschnur, gesteuert über das 4-G-Netz. Der Fahrer von Nizza hat sich blitzartig radikalisiert - Dank seines Smartphones.

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Den Bemühungen haftet etwas Dilettantisches an

Im ewigen Wettlauf zwischen Schwert und Schild sind die wehrhaften Demokratien relativ spät zu der Erkenntnis gekommen, dass die große digitale Revolution auch eine große digitale Bedrohung mit sich bringen kann. Natürlich denken Strafverfolger und Militär schon seit vielen Jahren in Cyber-Kategorien, sie antworten mit bürokratischer Trägheit auf den technologischen Fortschritt. Nun bietet gar Saudi-Arabien die Zusammenarbeit bei der Suche nach den Hintermännern von Ansbach an, weil diese Leute auch Riad gefährlich werden können. Wer hätte das gedacht.

Doch haftet all diesen Bemühungen etwas Dilettantisches an, weil der Staat entweder zu hasenherzig ist im Umgang mit den neuen Gefahren, oder weil er unproportional reagiert und in einem technologischen Kontrollwahn Gebilde wie die NSA entwirft, mit deren Hilfe die Nadel im Heuhaufen gefunden werden soll - selbstverständlich ohne Rücksicht auf den Heuhaufen.

Nein, der Terrorismus der vergangenen Monate hat gezeigt, dass es viel mehr braucht als Überwachung und Fahndung mit möglichst viel Speicherplatz. Es geht in dieser grenzenlosen Welt um Kommunikation, um Sprache, Ton und Umgang. Das ist eine zutiefst politische Angelegenheit, weil Kommunikation über den Umgang in einer Gesellschaft entscheidet, weil sie das Klima zwischen Staaten bestimmt, weil sie über die Wahrnehmung, pathetisch gesprochen: über die Wahrheit entscheidet - oder das, was viele Menschen als richtig und wahr empfinden.

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Das deutsche Außenministerium hat jetzt eine Abteilung für Kommunikation eingerichtet, weil die richtigen Worte zur rechten Zeit einmal wichtiger sein könnten als langwierig ausgehandelte Communiqués. Enthemmte Kommunikation radikalisiert, sie befördert den Hass, sie reißt Barrieren von Anstand und Würde ein. Weil die Hemmschwelle sinkt, steigt das Bedürfnis nach immer radikalerem Wahnsinn. Nicht zufällig haben gerade jene Populisten Konjunktur, die es nicht so genau mit der Wahrheit halten, die ihre Macht auf der Lüge aufbauen, die möglichst schrill, apokalyptisch und undifferenziert daherreden.

All diese Enthemmung findet ihre schlimmste Form im Terror. Ansbach oder Nizza zeigen, wie weit diese Parallel-Welt schon entwickelt ist. Der Terror nutzt die Errungenschaften einer freien Gesellschaft und wendet die Werkzeuge der grenzenlosen Kommunikation gegen ihre Erfinder. Das ist eine bittere Lektion gerade für jene Medien, die wie eine gewaltige Umwälzpumpe für Kommunikation funktionieren und sich den Beinamen sozial geben.

Weil es aber nicht sozial sein kann, wenn man als Plattform für Verbrechen und Hass dient, müssen Facebook & Co, müssen all die Chat-Foren und Kommunikationsdienste den Missbrauch ernst nehmen. Datenschutzbestimmungen oder die Rechtslage, gerade bei amerikanischen Firmen mit ihrem speziell ausgeprägten Verständnis von Meinungsfreiheit, sind von höchstem Wert. Ohne Wert ist aber das Argument, man trage als Plattform keine Verantwortung für Inhalte. Verantwortung lässt sich nicht abgeben.

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