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Terrormeldungen:Mittel gegen die Hysterie

Durch Smartphones verbreiten sich Hsyteriemeldungen schnell.

(Foto: Collage SZ.de)

Immer mehr Push-Benachrichtigungen vermitteln Unruhe und Unsicherheit. Wir sollten die Hysterie als Chance begreifen.

Erst wechselt Leroy Sané zu Manchester City, dann verklagt der Freistaat Bayern Volkswagen wegen des Abgasskandals. Die beiden Push-Benachrichtigungen erschienen am Dienstagvormittag im Abstand von einer Stunde auf dem Smartphone-Display. Zwei Meldungen in einer Stunde, das wirkt entspannt, denkt man an die vergangenen Wochen zurück, als das Handy fast im Dauerton piepste. Als abwechselnd die News aus Nizza, Istanbul, Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach die Kanäle durchjagten.

Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski rief die Eilmeldung bereits zum Medium dieses Sommers aus. Trauriger, peinlicher Höhepunkt dieser sommerlichen Newsmaschinerie war die Meldung von vor sechs Tagen, im bayerischen Zirndorf (fränkische Kreisstadt, nicht mal 25 000 Einwohner) sei ein verdächtiger Koffer vor einer Flüchtlingsunterkunft explodiert. Innerlich wappnete sich jeder für das Schlimmste: wieder ein Anschlag in der bayerischen Provinz? Es war eine Spraydose, die verpufft war.

Trotzdem, oder gerade deswegen stellen sich Fragen: Verbreiten die Medien Panik, indem sie ihre Leser per Push-Benachrichtigung fast in Echtzeit an den Ereignissen teilhaben lassen? Werden wir immer hysterischer?

Mit einem Wort: Nein.

Was bedeutet Hysterie überhaupt? Ursprünglich, also Anfang des 19. Jahrhunderts, wurde Hysterie ausschließlich Frauen zugeschrieben, die mit ihrer Sexualität nicht klarkamen. "Hystera" bedeutet im Griechischen "Gebärmutter" und hysterische Reaktionen wurden damals als Hilferufe des weiblichen Körpers verstanden. Im engeren Sinne geht es um sexuelles Unbefriedigtsein, das sich in Lähmungserscheinungen, Hyperventilieren oder einer Art epileptischem Anfall äußert.

Frühe Zeichnungen zeigen Betroffene, die auf dem Rücken liegen und sich aufbäumen. Weiter gefasst bezeichnet Hysterie eine Persönlichkeitsstörung, durch die man die Realität kaum annehmen kann, durch die man einen Schein wahrhaben will, der den realen Verhältnissen nicht entspricht. Hysteriker wirken meist theatralisch, unecht, Hysterie nennen manche auch den "Clown unter den Neurosen".

Wenn man diese Vorstellung auf die Medien überträgt, die oft die ersten sind, denen Hysterie unterstellt wird, bedeutet das, sie zeichneten ein falsches Bild der Realität, würden die Welt also mit all den Eilmeldungen und Breaking News schwärzer malen als sie ist. Hysterisch bedeutet, nicht das Echte zu erkennen, sondern sich in ein falsches Bild hineinzusteigern. Eine Gefahr, die für Journalisten zweifellos besteht. Wenn sie ihre Quellen nicht überprüfen oder, wie in der Nacht des Amoklaufs in München, nicht offenlegen, wie viel noch unklar ist. Oder wenn sie, wie im Falle des Koffers von Zirndorf, sich keiner zweiten Quelle bedienen. Auf der anderen Seite sind auch Leser nicht vor Hysterie und daraus resultierender Schwarzmalerei gefeit: Im schlimmsten Fall bäumen sie sich im übertragenen Sinn auf anstatt ruhig zu bleiben, hören Schüsse, wo gar keine fallen, äußern Sätze wie "Jetzt kann es überall passieren", auch wenn die Wahrscheinlichkeiten statistisch gesehen immer noch verschwindend niedrig sind.