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SZ-Serie: Was ist Heimat?:Ist der Begriff "Heimat" ausgrenzend?

"Heimat", so empörte sich die Grüne Jugend auf Twitter, "ist ein Begriff der Gegenaufklärung und Irrationalität. Es ist kein Zufall, dass er in der Romantik entstand und im NS gebraucht wurde." Heimat sei ein "ausgrenzender Begriff". Auch der Berliner Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch schreibt in der taz, er könne mit dem Begriff nicht so viel anfangen. "Wird Heimat zu einem politischen Begriff, wird es gefährlich, denn dann wird Heimat etwas, das durch die bedroht ist, die ein Zuhause suchen." Und er folgert: "Wenn der politische Heimatbegriff von einem konkreten Ort auf ein ganzes Land ausgedehnt wird, entsteht eine Nation, deren Mitgliedschaft durch Abstammung bestimmt ist. Die für niemanden ein Zuhause sein kann, für den sie nicht Heimat ist und die für niemanden Heimat werden kann, für den sie es nicht schon immer war."

Weg von "Mia san mia"

Sepp Dürr, der bayerische Landtagsabgeordnete aus Germering, kennt diese Argumente. Sein Heimatbegriff ist deshalb anders, er plädiert für einen offenen Zugang zu dem Thema - weg von der Verknüpfung mit Herkunft. Das in Bayern bekannte "Mia san mia" lehnt er ab, die CSU entscheide damit ohne klare Definition, wer dazugehöre - und wer nicht. Mit diesem geschlossenen "Wir", das auch die Rechtspopulisten der AfD nutzen, würden Menschen ausgegrenzt und Macht ausgeübt. Heimat soll vielmehr für jeden zugänglich und erschaffbar sein, sagt der Grüne.

"Als ich jung war, wollte ich hier immer weg", erzählt er grinsend und zeigt auf den Bauernhof, den er von seinen Eltern übernommen hat. Dürr nimmt ein bisschen Erde in die Hand und zerreibt sie zwischen seinen Fingern. "Erst als ich diesen Acker angefangen habe zu bearbeiten, ist er zu meinem Boden, meiner Heimat geworden."

Für Dürr zählt nicht unbedingt der Geburtsort, er ist vielmehr überzeugt: "Da wo ich einen Wert habe, wo ich mich einbringen kann und wohlfühle, ist Heimat." Dazu gehöre aber auch, dass die Menschen jedem anderen Menschen die Chance ermöglichen, sich einzubringen und verankern zu können. Das sei keine so einfache Definition von Heimat, räumt der Grüne ein, wie sie die Rechte oft gibt - deshalb sei sie vielen auch schwerer zu vermitteln.

Viele, die sich vor der sogenannten Überfremdung fürchten, seien verunsichert und daher anfällig für einfache Antworten. Aber genau diese Menschen gelte es abzuholen: "Wer sich in seiner Umgebung vertraut und sicher fühlt, hat auch nicht mehr so viel Angst, dass ihm etwas weggenommen wird."

© SZ.de/bepe/ghe/cat

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