Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie: Was ist Heimat?:Ein linker Biobauer fordert die Heimatliebe zurück

Der Grüne Sepp Dürr will der AfD nicht die Deutungshoheit überlassen, wenn es um den Begriff der Heimat geht. Wie viele linke Politiker stößt er dabei auf Widerstand in den eigenen Reihen.

Von Leila Al-Serori, Germering

Wenn Sepp Dürr auf seinem Acker tief einatmet, riecht er den nassen Boden, die hölzernen Wurzeln. Er hört die Autos auf der Landstraße, deren leises Rauschen der Westwind wegträgt. "Achtung, batzig", ruft er und steigt mit seinen schwarzen Trachtenschuhen über die schlammigen Pfützen. Der abgeerntete Kartoffelacker von Dürrs Biobauernhof in Germering, am Rande Münchens, mag unscheinbar sein, aber für den 64-jährigen Landtagsabgeordneten bedeutet er Vertrautheit und Sicherheit. Hier wuchs er auf, hier verbrachte er Kindheit und den Großteil seines Erwachsenenlebens.

Es sind diese wohligen Gefühle, die Dürr in den 90er Jahren dazu veranlassten, sich mit dem Begriff "Heimat" auseinanderzusetzen, Kongresse zu veranstalten und Filmabende. Dabei hatte er oft gegen Widerstand aus der eigenen Partei zu kämpfen. Denn Heimat, das klingt für viele nach Heino und Kitschfilmen, nach Lederhosen und Rechtspopulisten. Und es klingt so gar nicht nach den Grünen, für die Dürr im Bayerischen Landtag sitzt.

Was ist Heimat?

Jeder Mensch hat eine Heimat. Oder nicht? Oder auch zwei? Eine Artikelreihe untersucht die Ver- und Entwurzelung in bewegten Zeiten. Alle Texte lesen.

Er glaubt, dass sich beim Thema Heimat etwas verändern muss. "Die Rechte hat sich den Begriff angeeignet - aber wir können ihn zurückgewinnen", sagt Dürr, blaue Strickjacke, oberbayerischer Zungenschlag.

Mit seiner Heimatliebe galt er lange als Exot bei den Grünen, manche beäugten ihn skeptisch, andere schmähten ihn als "gestrig". Spätestens seit der Bundestagswahl aber ist Dürr nicht mehr allein. Immer mehr Grüne und SPD-Politiker fordern ein Ende der Tabuisierung. Die AfD als selbsternannte "Heimatpartei" soll nicht mehr die Deutungshoheit über einen so emotionalen Begriff haben.

"'Heimat' ist vorbelastet, gilt oft als Naziwort - aber dafür können die Gefühle ja nichts", sagt Dürr. Er führt jetzt durch die dunkle Scheune seines Hofes, vorbei an hellblauen Fensterläden, Holzkisten mit Kartoffeln aus der eigenen Produktion. "Durch die Globalisierung haben viele Menschen ein wachsendes Bedürfnis nach einer regionalen Verortung, nach einem Daheim", glaubt er. "Wer bin ich? Wo komm ich her?" Die Menschen bei solchen Fragen abzuholen, das dürfe man nicht den Rechtspopulisten überlassen.

AfD inszeniert das Land als bedroht - und holt damit Stimmen

Die AfD erreichte mit Slogans wie "Unser Land, unsere Heimat" oder "Hol dir dein Land zurück" 12,6 Prozent bei der Bundestagswahl und zog erstmals ins Parlament ein. Die rechtsextreme Gruppierung "Identitäre Bewegung" zählt zwar nur 400 Mitglieder bundesweit, dem Verfassungsschutz zufolge festigen sich aber ihre Strukturen - vor allem in Bayern. Zentrale Botschaft der Aktivisten in ihren Videos vor blühenden Wiesen und Berglandschaften: Unsere Heimat ist bedroht. Ähnlich arbeiten die österreichische FPÖ oder der französische Front National. Sie inszenieren Land und Volk als gefährdet - und gewinnen im durch die Flüchtlingskrise aufgeheizten Klima damit Stimmen.

Während Rechtspopulisten wie auch die Konservativen von CSU und CDU den Heimatbegriff selbstverständlich nutzen, freundet sich das linke Spektrum erst langsam damit an. Einige Stimmen wollen die sechs Buchstaben weiterhin nicht einmal aussprechen.

Als die Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt auf dem Parteitag nach der Bundestagswahl sagte: "Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat. Und diese Heimat spaltet man nicht", löste sie bei den Grünen einen kleinen Skandal aus. Viel Aufmerksamkeit erregte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmaier, als er am Tag der Deutschen Einheit erklärte: "Diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht denen überlassen, die Heimat konstruieren als ein 'Wir gegen die', als Blödsinn von Blut und Boden." Auch der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel rief in einem Gastbeitrag im Spiegel seine SPD auf, eine offene Debatte über Heimat und Leitkultur zu führen. Er zeichne ein "falsches Bild der SPD", kommentierte anschließend Cicero.

Ist der Begriff "Heimat" ausgrenzend?

"Heimat", so empörte sich die Grüne Jugend auf Twitter, "ist ein Begriff der Gegenaufklärung und Irrationalität. Es ist kein Zufall, dass er in der Romantik entstand und im NS gebraucht wurde." Heimat sei ein "ausgrenzender Begriff". Auch der Berliner Linguistik-Professor Anatol Stefanowitsch schreibt in der taz, er könne mit dem Begriff nicht so viel anfangen. "Wird Heimat zu einem politischen Begriff, wird es gefährlich, denn dann wird Heimat etwas, das durch die bedroht ist, die ein Zuhause suchen." Und er folgert: "Wenn der politische Heimatbegriff von einem konkreten Ort auf ein ganzes Land ausgedehnt wird, entsteht eine Nation, deren Mitgliedschaft durch Abstammung bestimmt ist. Die für niemanden ein Zuhause sein kann, für den sie nicht Heimat ist und die für niemanden Heimat werden kann, für den sie es nicht schon immer war."

Weg von "Mia san mia"

Sepp Dürr, der bayerische Landtagsabgeordnete aus Germering, kennt diese Argumente. Sein Heimatbegriff ist deshalb anders, er plädiert für einen offenen Zugang zu dem Thema - weg von der Verknüpfung mit Herkunft. Das in Bayern bekannte "Mia san mia" lehnt er ab, die CSU entscheide damit ohne klare Definition, wer dazugehöre - und wer nicht. Mit diesem geschlossenen "Wir", das auch die Rechtspopulisten der AfD nutzen, würden Menschen ausgegrenzt und Macht ausgeübt. Heimat soll vielmehr für jeden zugänglich und erschaffbar sein, sagt der Grüne.

"Als ich jung war, wollte ich hier immer weg", erzählt er grinsend und zeigt auf den Bauernhof, den er von seinen Eltern übernommen hat. Dürr nimmt ein bisschen Erde in die Hand und zerreibt sie zwischen seinen Fingern. "Erst als ich diesen Acker angefangen habe zu bearbeiten, ist er zu meinem Boden, meiner Heimat geworden."

Für Dürr zählt nicht unbedingt der Geburtsort, er ist vielmehr überzeugt: "Da wo ich einen Wert habe, wo ich mich einbringen kann und wohlfühle, ist Heimat." Dazu gehöre aber auch, dass die Menschen jedem anderen Menschen die Chance ermöglichen, sich einzubringen und verankern zu können. Das sei keine so einfache Definition von Heimat, räumt der Grüne ein, wie sie die Rechte oft gibt - deshalb sei sie vielen auch schwerer zu vermitteln.

Viele, die sich vor der sogenannten Überfremdung fürchten, seien verunsichert und daher anfällig für einfache Antworten. Aber genau diese Menschen gelte es abzuholen: "Wer sich in seiner Umgebung vertraut und sicher fühlt, hat auch nicht mehr so viel Angst, dass ihm etwas weggenommen wird."

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