Sohn von Willy Brandt Wie man als Linker stolz auf Deutschland sein kann

Nationalismus ist einer Erfindung des 19. Jahrhunderts. Wie kann man in dieser Logik stolz auf sein Land sein?

Wir sollten zwischen der Nation als einer historisch gewachsenen Kommunikations- und Bewusstseinsgemeinschaft beziehungsweise dem Nationalstaat einerseits, dem Nationalismus in der pejorativen Bedeutung der Alltagssprache andererseits unterscheiden. Nations- und Nationalstaatsbildung, in der Regel verbunden mit den liberal-demokratischen Emanzipationsbewegungen, waren Prozesse hauptsächlich des späten 18. und des 19. Jahrhunderts. Um "Stolz" geht es mir nicht, sondern um die im Zeitalter der Globalisierung gewiss reduzierte, aber nicht beendete Bedeutung des Nationalen in der gesellschaftlichen Realität. Das ist keine Frage der individuellen Entscheidung oder des Geschmacks.

Sind Sie denn stolz, Deutscher zu sein?

Ich denke nicht in den Kategorien des "Stolzes" oder - auf der extrem anderen Seite - des nationalen Selbsthasses. Wenn ich mich aber darauf einlassen soll, dann empfinde ich - neben dem Stolz auf die herausragenden Leistungen der Deutschen in den vergangenen tausend Jahren - ein hohes Maß an Scham für das, was in der NS-Zeit im deutschen Namen von Deutschen, allerdings nicht den Deutschen, angerichtet worden ist. Die Voraussetzung für das eine wie das andere ist die Identifikation mit dem eigenen Land - natürlich nicht im Sinne von "right or wrong - my country" - und Volk. Man kann auch von einem Sozialisationszwang sprechen. Diese Nähe, nennen wir sie ruhig Patriotismus, muss nicht im Gegensatz stehen zu dem in der Arbeiterbewegung tradierten Internationalismus und zu einer speziellen Verbundenheit mit Europa, zu dessen Reichtum übrigens auch die Vielfalt der Nationen und Ethnien gehört, mit seinen kulturellen, zivilisatorischen und politisch-emanzipatorischen Überlieferungen.

Trotzkisten verstehen sich gemeinhin als strikte Internationalisten. Sie haben aber schon 1981 ein Buch über "Die Linke und die nationale Frage" veröffentlicht. Warum hat es Ihnen die Nation so angetan?

1981 war ich sicherlich kein Trotzkist mehr, aber davon abgesehen: International ist etwas anderes als anational oder gar antinational. Deutschland war ein geteiltes Land - mit negativen Konsequenzen für die innere Entwicklung beider Fragmente. Die klassische Sozialdemokratie des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und die nach dem Zweiten Weltkrieg unter Kurt Schumacher kannte nicht die negative Besetzung des Begriffs Nation. Das ist eine neue Entwicklung seit den 1960er Jahren. Auch die DDR versuchte sich bis 1970 an einer positiven Identifikation mit der deutschen Gesamtnation. Sie steckte ihre Soldaten in die "Nationale Volksarmee", erfand die "Nationale Front des demokratischen Deutschlands" und so weiter. Ich trete heute übrigens für ein vereintes, supranationales Europa ein, dessen Bausteine realistischerweise nur die Nationalstaaten sein können.

Zurück in die Gegenwart: Warum ist die Sozialdemokratie überall auf dem Rückzug?

Mein Vater hat sich mit dem "Brandt-Bericht" von 1980 um gerechte Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Norden und Süden bemüht, aber der Faden wurde nicht weitergesponnen. Zusammenhänge zwischen Armut, Kriegsgefahr und Umweltzerstörung waren schon bald nicht mehr im Bewusstsein - auch nicht bei der SPD. Und gerade holt uns das mit den Wanderungsbewegungen aus dem Nahen Osten und Afrika ein. Selbst im reichen Norwegen habe ich 2011 zum ersten Mal Bettler gesehen. Dass es mit dem "Volksheim" in dieser einst homogenen und relativ egalitären Gesellschaft nicht mehr so läuft wie früher, ist spürbar. Die Sozialdemokraten sind Opfer des neoliberalen Globalisierungskonzeptes geworden, dem sie sich selbst weitgehend ergeben haben. Von den US-Demokraten bis zur SPD haben die Mitte-links-Parteien vor mehr als zwei Jahrzehnten diesen Weg betreten. So war Bill Clinton in gewisser Weise Vorbild von Tony Blair und der wiederum für Gerhard Schröder. Interessant ist aber, dass eine dezidiert linke Labour Party mit Jeremy Corbyn an der Spitze bei den jüngsten Wahlen in Großbritannien gut abgeschnitten hat - und auch ein Bernie Sanders hätte bei den Präsidentschaftswahlen in den USA womöglich gegen Donald Trump besser abgeschnitten als die mit der Finanzoligarchie liierte Frau Clinton.

Weltweit gewinnen Rechtspopulisten Macht. Wie bewerten Sie die Entwicklung und was muss die Linke dagegensetzen?

Es ist eine fehlgeleitete Reaktion auf die mit der Marktentgrenzung in der Epoche des vom Finanzmarkt getriebenen Kapitalismus einhergehenden Verunsicherungen. Allerdings ist es aber auch eine Reaktion, die sehr ernst zu nehmen ist. Die Parteien der linken Mitte und auch die der entschiedenen Linken müssen sich fragen, warum sie von großen Teilen ihrer "natürlichen" Klientel heute als Bestandteil der Eliten angesehen werden.

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68er-Bewegung

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Was kann die Antwort darauf sein?

Man muss die Interessen der breiten Schichten des arbeitenden Volkes wieder in den Mittelpunkt stellen. Zunächst aber muss man die kulturelle Kluft zwischen der Mehrheit und dem urbanen, liberal-kosmopolitischen Milieu erkennen, das heutzutage den Ton angibt und für das andere Fragen als das Soziale essenziell sind.

Zunächst beharrten die deutschen Sozialdemokraten auf ihre Rolle in der Opposition. Gerade ist in dieser Position Entwicklung. Erst das Land, dann die Partei?

Direkt nach einem solchen Wahlergebnis war keine andere Entscheidung als möglich, ohne dass die Mitgliedschaft rebelliert hätte. Nach dem Scheitern von Jamaika bin ich für die Tolerierung einer Minderheitsregierung. Es ist also keine Entscheidung zwischen Land und Partei, sondern ich sage: das Land braucht eine wiedererstarkte und erneuerte SPD.

Was antworten Sie, wenn Sie gefragt werden, was Willy Brandts zu Problemen der heutigen Zeit sagen würde?

"Das weiß ich genauso wenig wie Sie" und "auch ich könnte nur vermuten". Das mögen andere tun.

In welchen Lebenssituationen hätten Sie sich gewünscht, Ihren Vater um Rat fragen zu können?

Ich habe ihn gelegentlich um Rat gefragt in sehr persönlichen und privaten Dingen, die nicht in die Öffentlichkeit gehören. Beruflich konnte ich naturgemäß keinen Rat in Anspruch nehmen, politisch ging es eher um Austausch als um Ratsuche.

In welchen Situationen spüren Sie, dass Sie der Sohn von Willy Brandt sind?

Wenn ich auf gelegentliche, mit dem Alter offenbar zunehmende Ähnlichkeiten im Äußeren, in der Körpersprache oder der Sprechweise hingewiesen werde. Und dann gibt es - ungehemmt eher auf den unteren Hierarchieebenen - bei nicht wenigen Sozialdemokraten eine gewissermaßen dynastische Verehrung. Damit kann ich inzwischen - eingedenk eigener Lebensleistung - freundlich-ironisch umgehen.

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