Sohn von Willy Brandt Wieso die SPD in Ostdeutschland bis heute chancenlos ist

Wieso hat die SPD in weiten Teilen Ostdeutschlands niemals Fuß fassen können?

Erstens waren die sozialdemokratische Tradition trotz oder wegen der SED-Diktatur 1990 viel schwächer als in den 50er und 60er Jahren. Zweitens sträubte sich die neugegründete SDP/SPD gegen die Aufnahme früherer SED-Mitglieder, die zu einem hohen Anteil hätten gewonnen werden können. CDU und FDP waren da mit der Aufnahme früherer Blockparteien weniger wählerisch. Drittens hatte, wie gesagt, Lafontaine kein Gespür für die Empfindungen der ostdeutschen Landsleute. Die Diskrepanz zum Agieren Willy Brandts war unübersehbar.

Viertens ...

... hatte sich die SPD zu lange versagt, die Status-quo-überwindende Zielsetzung ihrer Entspannungspolitik öffentlich zu benennen, als dass sie 1989/90 imstande gewesen wäre, massenwirksam mit einem eigenen Deutschlandplan hervorzutreten. Inzwischen geht es, angesichts der meist schwachen Parteienbindung in den östlichen Bundesländern, eher um die Frage, was das Alleinstellungsmerkmal der SPD ist: zwischen CDU und Linkspartei.

In Bayern gab es zur Bundestagswahl ein Plakat mit dem Slogan: "Strauß würde heute AfD wählen." Was würden Sie unternehmen, wenn rechte Gruppierungen Ihren Vater in dieser Richtung vereinnahmen wollten?

Das gab es schon: Im Rahmen eines Landtagswahlkampfs feierte die inzwischen aufgelöste DVU in Sachsen-Anhalt vor etlichen Jahren Ebert, Schumacher und Brandt als große Sozialisten und Patrioten. Tote Indianer sind bekanntlich gute Indianer. Höchstwahrscheinlich hätte ich nichts gemacht, aber die SPD bat mich, als Familienmitglied dagegen zu klagen. Als ich das tat, hat es die DVU freiwillig zurückgezogen.

Sind Sie stolz auf den Vater?

Stolz ist ein schwieriges Wort in diesem Zusammenhang. Man kann eher auf seine Kinder stolz sein, weil man an denen irgendwie einen Anteil hat. Bei seinen Vorfahren hat man das definitiv nicht.

Als Ihr Vater Regierender Bürgermeister von Berlin war, haben Sie demonstriert und wurden in seiner Außenministerzeit sogar einmal festgenommen.

Eigentlich bin ich überhaupt kein Mensch, der provozieren will, niemand, der um der Opposition willen opponieren will. Ich war Teil einer Bewegung, die gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg demonstrierte - und gegen Autoritäten rebellierte. Allerdings habe ich mich dann auch bemüht, nicht fotografiert zu werden, und darum, dass man mich in der breiten Öffentlichkeit nicht übermäßig zur Kenntnis nahm.

Trotzdem drohte Ihr Vater sogar mit Rücktritt, eben weil Sie ein so renitenter Demonstrant waren ...

Als er 1965 zum zweiten Mal als Kanzlerkandidat antrat, hatte ich einen Aufruf zur Beendigung der US-Intervention in Vietnam unterschrieben. Ich zog infolge großer öffentlicher Empörung die Unterschrift auf Rat meiner Freunde im SDS formell zurück, aber mit dem Hinweis, dass ich trotzdem zu 100 Prozent dahinterstehen würde. Später dann habe ich im Anschluss an eine Veranstaltung in Berlin an einer nicht genehmigten Demo mit ein paar Hundert Leuten teilgenommen. Als Willy davon erfuhr, sagte er mir sinngemäß: Wenn du damit nicht aufhörst, muss ich als Bürgermeister zurücktreten. Ich glaube nicht, dass er das ernsthaft in Erwägung zog, aber er war sichtlich erbost und aufgebracht.

68er Bewegung "Verrohung ist eine falsche Vorstellung von Freiheit" Bilder
68er-Bewegung

"Verrohung ist eine falsche Vorstellung von Freiheit"

Sozialphilosoph Oskar Negt im Gespräch über den Tod von Benno Ohnesorg, die Studentenbewegung von 1968 - und ob ihm die AfD und Trump den Optimismus ausgetrieben haben.   Interview von Lars Langenau, Hannover

Warum hat sich Ihr Vater nicht öffentlich gegen den Vietnam-Krieg gestellt?

Weil seine Optik damals ganz vom Ost-West-Konflikt bestimmt war: Berlin als Frontstadt des Kalten Krieges, deren Schutz nur die Amerikaner garantieren konnten. Er hätte jede eigene Kritik an den USA als unzulässig empfunden.

Was hat "1968" mit Ihrem Bild von Deutschland zu tun?

Eine Zeit, in der sich die gesellschaftlichen Werte verschoben. Für viele war es auch ein Generationenkonflikt, weil sie sich mit ihren Vätern auseinandersetzten. Ich hatte es da natürlich leichter mit Eltern, die Antifaschisten waren. Man kann niemandem vorhalten, dass er aus einer Nazifamilie stammt, aber da hat man es natürlich schwerer mit dem Verhältnis zu Deutschland. Ich bin mit einer positiven Identifikation mit Deutschland aufgewachsen. Mein Vater verwahrte sich Zeit seines Lebens gegen die Gleichsetzung von Deutschland und Nazismus. Obwohl es keine Woche in meinem Leben gibt, in der ich nicht an die Massenverbrechen der Nazis gedacht habe, würde ich nie so abwegige Begriffe wie "Tätervolk" benutzen.