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Rassistischer Angriff in Erfurt: "So ein feiger Mensch"

Angriff auf Syrer in Erfurt

Der brutale Angriff des Mannes auf den jungen Syrer wurde von einem Fahrgast mit einem Mobiltelefon gefilmt.

(Foto: (Screenshot) © Twitter/@mamjahid)

Nach dem Überfall eines Deutschen auf einen jungen Syrer ist in Erfurt das Entsetzen groß. Der Oberbürgermeister bietet Hilfe an, Opferberater sprechen von einer Kontinuität rechter Gewalt in der Stadt.

Von Ulrike Nimz, Leipzig

Es sind verstörende Szenen, die sich am Freitagabend in einer Straßenbahn in Erfurt zugetragen haben. Ein bulliger Mann ohne Maske baut sich vor einem Fahrgast auf und beginnt, ihn rassistisch zu beschimpfen. "Du Dreckvieh", brüllt er immer wieder. "Du kommst hier in mein Land. Verpiss dich einfach dahin, wo du herkommst." Er bespuckt den jungen Syrer, der mit gesenktem Kopf sitzen bleibt und die Tirade stumm erträgt. Schließlich tritt der Angreifer gegen Kopf und Oberkörper seines Opfers, greift dessen Handy und wirft es mit Wucht zu Boden. Eine Frau kommt hinzu, nicht etwa um einzuschreiten, sondern um den Schläger zu warnen: "Denk an die Kameras."

Die Tat wurde von einem Mitfahrenden dokumentiert, das Handyvideo verbreitete sich am Montag in den sozialen Netzwerken und löste neben Empörung eine Debatte über mangelnde Zivilcourage und rassistische Gewalt im Alltag aus.

Der Täter, ein 40 Jahre alter Deutscher, habe durch Zeugenhinweise identifiziert werden können, teilte die Polizei am Montagnachmittag mit. Gegen ihn sei ein Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung erlassen worden. Beamte hätten ihn schließlich in Erfurt festnehmen können. Der 17-jährige Syrer sei leicht verletzt worden.

Politiker verurteilten die Tat. "So ein feiger Mensch, stark und aggressiv gegen einen Wehrlosen", schrieb Bodo Ramelow (Linke) auf Twitter. "Es macht mich fassungslos und sehr traurig", sagte Thüringens Ministerpräsident. Die Szene, als der Täter dem Jungen ins Gesicht trete, könne er "emotional nur schwer ertragen". Auch die CDU-Landtagsfraktion verurteilte den rassistischen Übergriff in der Straßenbahn "aufs Schärfste".

Rechtsextreme Attacken gibt es in Erfurt häufig

Die Sprecherin für Antirassismus der Linksfraktion im Thüringer Landtag, Katharina König-Preuss, forderte eine konsequente Strafverfolgung: "Den zunehmenden rassistischen Übergriffen in Thüringen, welche auch Resultat eines insbesondere durch die AfD geschürten politischen Klimas in der Gesellschaft sind, muss endlich Einhalt geboten werden."

Es ist nicht der erste Übergriff dieser Art in Thüringens Landeshauptstadt. Im August vergangenen Jahres waren drei Männer aus Guinea vor einem inzwischen geräumten rechtsextremen Szenetreff im Erfurter Viertel Herrenberg angegriffen und teils schwer verletzt worden. Anwohner und Mitarbeiter eines benachbarten Stadtteilzentrums berichteten von "Psychoterror" und einem Klima der Angst. Die Thüringer Lokalgruppe der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) sprach eine Warnung an alle Personen aus, die nicht weiß sind. Der Treffpunkt am Herrenberg galt in den vergangenen Jahren als eine der wichtigsten Neonazi-Immobilien Thüringens mit Konzerten und Veranstaltungen verschiedener rechtsextremer Parteien. Recherchen des MDR zufolge sind die Neonazis noch immer im Viertel aktiv.

Im Juli 2020 wurde eine Gruppe junger Menschen im Hirschgarten vor der Thüringer Staatskanzlei von mehr als einem Dutzend Angreifern überfallen, mehrere Personen wurden verletzt, einige von ihnen schwer. Auch Zivilpolizisten wurden angegriffen. Die Erfurter Staatsanwaltschaft ermittelte, sah entgegen der Einschätzung von Augenzeugen und Opferberatern den Verdacht eines rechtsextremen Tatmotivs aber zunächst nicht bestätigt. Inzwischen hat die Behörde Anklage erhoben, unter anderem wegen Landfriedensbruchs und gefährlicher Körperverletzung.

Laut der Thüringer Opferberatungsstelle Ezra ist Erfurt die Hochburg rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Thüringen. 29 Angriffe zählte die Organisation dort im vergangenen Jahr. Das ist knapp ein Drittel aller rechten Gewaltstraftaten im Freistaat. Bei knapp zwei Dritteln der Delikte sei Rassismus das Motiv gewesen, knapp ein Viertel der Angriffe richtete sich gegen politische Gegner.

"Es reicht nicht, diese Taten zu verurteilen."

"Solche Taten werden oft als Einzelfälle verhandelt, dabei gibt es eine Kontinuität rechter Gewalt in der Stadt", sagt Projektkoordinator Franz Zobel. Teile der Stadt seien für von Rassismus betroffene Menschen zu Angsträumen geworden, dazu zählten insbesondere öffentliche Verkehrsmittel und Haltestellen. "Die Angreifer fühlen sich oft sicher. Sie wähnen sich als Vollstrecker eines vermeintlichen Volkswillens", sagt Zobel. "Es reicht nicht, diese Taten zu verurteilen. Die Verantwortlichen müssen das Problem nun endlich angehen."

Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) hat dem Opfer des jüngsten Überfalls Hilfe angeboten. "Wenn er sich psychisch dazu in der Lage fühlt, und er das möchte, werde ich ihn besuchen und ihm persönlich unsere Hilfe und Unterstützung anbieten, um das Erlebte zu verarbeiten", sagte Bausewein am Dienstag.

© SZ/dpa/skle
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