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Shida Bazyars Roman "Drei Kameradinnen":Dich schützen sie nicht

Der Roman spielt am Stadtrand, genauer wird der Ort nie benannt, er könnte überall sein: hier ein Hochhaus im Münchner Stadtteil Neuperlach.

(Foto: Karlheinz Egginger/Imago)

Gerade kommt beeindruckende Literatur von Autorinnen, die Erfahrungen mit Rassismus und Sexismus eint. Shida Bazyars Roman "Drei Kameradinnen" erzählt von Frauen in Alarmbereitschaft rund um den NSU-Prozess.

Von Meike Feßmann

Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen, Köln, Halle, Hanau, die rechtsterroristische Mordserie des NSU ist eine traurige Reihe und ein unzweifelhaftes Signal: Deutschland hat ein Rassismusproblem. Niemand, der sich damit beschäftigt, kann das leugnen. Trotzdem hat man es lange getan. Paradoxerweise sorgte die Aufarbeitung von Nationalsozialsozialismus und Antisemitismus in Ost und West gleichermaßen für ein gutes Gewissen. Mit Rassismus, so glaubte das wiedervereinigte Deutschland, habe es nichts mehr zu tun. Trotz Pegida, trotz AfD, trotz Thilo Sarrazins Beschwörung vermeintlicher Überfremdung und trotz all der Anschläge, die gezielt Menschen treffen sollten, die zu Fremden erklärt wurden.

Wie unterschiedlich die Wahrnehmung der weißen Durchschnittsbevölkerung und der People of Color mit und ohne deutschen Pass ist, kommt nicht nur in den Debatten um die sogenannte Identitätspolitik zum Ausdruck. Auch die Literatur erzählt davon. Sie kann das vielleicht sogar besonders gut, weil sie nicht nur Daten und zeithistorische Fakten erschließt, sondern Innenwelten, Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste. Sie weckt Empathie, zumindest, wenn sie nicht nur reines Sprachspiel oder avantgardistisches Experiment sein will.

Eine ganze Phalanx deutscher Autorinnen hat in jüngster Zeit dieses Feld neu vermessen. Sie bringt die beiden Debatten rund um gender und race zusammen, ohne sich abgesprochen zu haben. Plötzlich stehen sie gemeinsam da: Sharon Dodua Otoo, Hengameh Yaghoobifarah, Olivia Wenzel, Deniz Ohde, Mithu Sanyal, die jüngst mit "Adas Raum", "Ministerium der Träume", "1000 Serpentinen Angst", "Streulicht" und "Identitti" ihre Romandebüts publizierten. Sie haben unterschiedliche Biografien und Herkunftsgeschichten, völlig verschiedene Temperamente und Schreibstile. Doch es eint sie die Erfahrung von Rassismus und Sexismus, ein feinmaschiges und grobschlächtiges Muster von Abwertung und Ausschluss. Auch Shida Bazyars neuer Roman, ihr zweiter, profitiert vom weiblichen Schulterschluss - und trägt ihn sogar im Titel: "Drei Kameradinnen".

"Hört einfach zu!", ist der Appell an die Leser, denkt nicht in den üblichen Rastern

Er erzählt von drei Freundinnen, die in Wohnblocks am Rand einer deutschen Kleinstadt aufgewachsen sind. Der Name der Stadt tut nichts zur Sache, betont die Erzählerin, so wenig wie die Namen der Länder, aus denen ihre Eltern stammen. Saya, Hani und Kasih, die Ich-Erzählerin, sind mehr als Freundinnen. "Drei Kameradinnen" werden sie genannt, als befänden sie sich in einem Kampfeinsatz. Und in gewisser Weise ist das auch so. Sie fühlen sich bedroht und sie halten zusammen. Dabei geht es eigentlich um ein freudiges Wiedersehen: Shaghayegh, in der gleichen Siedlung aufgewachsen, hat sie zu ihrer Hochzeit eingeladen. Eine gute Gelegenheit, ein paar Tage miteinander zu verbringen.

Aber es sind keine gewöhnlichen Tage. Es sind die Tage, als der NSU-Prozess beginnt, auch wenn weder der Nationalsozialistische Untergrund beim Namen genannt wird noch die Angeklagten. Und das hat weniger rechtliche als ästhetische Gründe. Shida Bazyar setzt alles daran, die Position der Leser zu verunsichern. Sie soll haltlos sein, ohne schnelles Urteil, ohne routiniertes Anwerfen der Suchmaschine. "Hört einfach zu!", ist gewissermaßen der Appell, ihr bekommt alle nötigen Informationen, nicht aber die Raster, die euch helfen, euch zu orientieren.

Und so schlittern wir hinein in diese Geschichte, lauschen der Atemlosigkeit, mit der Saya auf dem Dach eines - ziemlich sicher: Berliner - Mietshauses von ihrer Anreise (aus einer fernen Metropole) erzählt. Vom widerlichen Typen, der im Flugzeug neben ihr saß und sie auf - schlechtem - Englisch ansprach, von der Frau mit dem Kopftuch, der man den Sitzplatz streitig gemacht hatte und die sich schließlich fügte, am Gang und nicht wie gebucht am Fenster zu sitzen. Lauter Anlässe für Wut und zugleich für Gelächter, Gegröle, Solidarität und noch mehr Alkohol.

Aus der Vertauschung von Täter und Opfer macht Bazyar ihr Erzählprinzip

Ein Freundinnensoziotop. Man kennt sich schon so lange. Und man erinnert sich, wie Saya früher immer ihre Geschichten frisierte, um die anderen zu etwas zu bewegen. Etwa zum gemeinsamen Putzen eines am Straßenrand abgestellten Schrottautos, für das sie einen armen alten Mann erfand, der seit Jahren im Krankenhaus liege - nur damit es danach ein wenig besser aussah in der heruntergekommenen Umgebung. Man denkt an Tom Sawyer und Tante Pollys Gartenzaun. Wie überhaupt der Roman immer wieder einen Mark-Twain-und-Enid-Blyton-Unterton hat, was ihm nicht schadet. Denn er soll beides beschreiben: eine auf die gemeinsame Jugend zurückgehende Freundinnengruppe, wie es viele gibt, und eine Freundschaft unter den Bedingungen sozialer Deklassierung und permanenter Ausschlussdrohung.

Doch dieser Ton ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist etwas beängstigend Dramatisches. Man weiß von Anfang an, dass etwas Schlimmes geschehen wird und dass Saya "im Knast" sitzt, wie die Erzählerin das nennen will, weil sie "lässige" Formulierungen liebt. Offenbar unterstellt man Saya, so der als Prolog vorausgeschickte (fingierte) Zeitungsartikel, dass sie ein islamistisch motiviertes Attentat begangen habe. Der Roman ist als eine Art Showdown inszeniert, gewissermaßen als umgekehrte Sheherazade-Geschichte: Nur eine einzige Nacht braucht Kasih, um alles aufzuschreiben, und sie verwischt dabei ständig Erfindung, Wirklichkeit und Fiktion, Vergangenheit und Gegenwart.

Während Saya Workshops für Schüler gibt und immer bereit ist, für die gerechte Sache zu kämpfen, ist Hanis Einstellung umgekehrt. Sie ist erst später in die Siedlung gezogen, direkt aus einem Kriegsgebiet. Sie mag Sex, egal, mit welchem Geschlecht, und sie findet, solange man ein Problem übersehen kann, solle man genau das tun. Sie beschwichtigt und deeskaliert, wo es nur möglich ist. Dass sie als Bürokauffrau in einer Firma mit flachen Hierarchien, die sich um Tierschutz kümmert, die ganze Arbeit macht, nimmt sie klaglos hin.

Shida Bazyar: Drei Kameradinnen. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 350 Seiten, 22 Euro.

Kasih, die Erzählerin, hat ein abgeschlossenes Soziologiestudium mit Bestnote, findet aber keinen Job und lebt von Hartz IV. Sie trauert ihrem Ex-Freund Lukas nach, weil sie an seiner Seite ein "normales" Leben führten konnte. Plötzlich fiel sie nicht mehr auf und gehörte einfach dazu. Dass auch er ihr am Ende denselben Job im "Migrationsdienst" irgendwo in Bayern vermitteln will, den schon die Beraterin im Jobcenter für passend hielt, stürzt sie noch tiefer in Verzweiflung.

Der Umgang mit der Mordserie des NSU, bei dem Ermittlungsbehörden und Medien die Opfer über Jahre zu Verdächtigen machten, ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans. Er ist gewissermaßen der gesellschaftliche Sündenfall, der alle potenziell Betroffenen in Alarmbereitschaft versetzt, die bei jedem Attentat reaktiviert wird. Der deutsche Staat wird dich nicht schützen, kann man diese Angst zusammenfassen, weil er deine Schutzbedürftigkeit so wenig anerkennt wie deine Zugehörigkeit. Aus der Struktur dieser Vertauschung von Opfer und Täter macht die 1988 in Hermeskeil geborene Schriftstellerin das Erzählprinzip ihres Romans.

Ihr Debütroman von 2016, "Nachts ist es leise in Teheran", war aus vier Perspektiven einer Familie erzählt, in der die Eltern als politische Flüchtlinge aus Iran exilierten und die Kinder in Deutschland aufwuchsen. "Drei Kameradinnen" ist komplexer, ohne an Deutlichkeit und Anschaulichkeit zu verlieren. Shida Bazyar verwickelt die Perspektiven der Hauptfiguren zu einem Möbiusband. Wir wissen nicht, wo oben und unten ist, innen und außen, wir wissen nicht einmal, ob es wirklich drei Personen sind, von denen sie erzählt. "Drei Kameradinnen" schickt uns auf eine Erkundungsreise, mitten hinein in den Abgrund deutscher Identitätspolitik - ein furioses zweites Buch.

© SZ/masc
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