Protestbewegung gegen Donald Trump:Wieso Rassismus nicht als Erklärung für Trumps Wahlsieg hilft

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Taylor, die an der Elite-Uni Princeton lehrt, möchte aufrütteln, damit es sich die Linke nicht zu leicht macht. Es sei gefährlich, das Wahlergebnis damit zu erklären, dass sich weiße Wähler an den Schwarzen für Obamas Präsidentschaft rächen wollten. Diese "Whitelash"-These verbreite den Irrglauben, dass Schwarze von Obama profitiert hätten. Aber 38 Prozent ihrer Kinder lebten weiter in Armut, die Arbeitslosigkeit sei doppelt so hoch. Die Enttäuschung sei zentral für die Geburt der "Black Lives Matter"-Bewegung, über die Taylor ein Buch verfasst hat.

Rassismus sei keine hinreichende Erklärung für Präsident Trump, wenn mehr als 40 Prozent der Wahlberechtigten zu Hause blieben, weil das Zweiparteiensystem keine echte Alternative biete. Taylor betont, dass nur jeder vierte Wähler Trump gewählt habe: "Es ist falsch, dass alle Weißen auf einen Marschbefehl von ihm warten." Umfragen zeigen, dass jeder zweite Weiße Rassismus als drängendes Problem identifiziert. Und sie dokumentieren die Prioritäten der Bürger. 58 Prozent wollten Obamacare durch eine staatlich finanzierte Krankenversicherung ersetzen, und 61 Prozent sind überzeugt, dass die Reichen zu wenig Steuern zahlen. Die Demokraten würden diese Fakten ignorieren, klagt sie: "Sie geben die Schuld an Clintons Niederlage lieber dem FBI, Fox News oder Russland."

Auch Taylor ist begeistert vom Erfolg des "demokratischen Sozialisten" Bernie Sanders. Der Senator habe gezeigt, dass Millionen nach "mehr Gerechtigkeit" gierten. Doch "Bernie" mache einen Fehler. Indem er sich an die Demokraten binde, "kastriere" er seine "politische Revolution". Für die Afroamerikanerin besteht kein Zweifel: Umverteilung des Wohlstands, gute öffentliche Schulen und ein Gesundheitssystem für alle sind auch mit den Demokraten nicht zu erreichen. Sie beschreibt die Stimmung aus dem Wahlkampf 2016: Das Argument, einen Sieg der gefährlichen Republikaner verhindern zu müssen, reicht nicht mehr. Die Demokraten nennen sich noch "Party of the People", Partei des Volkes, doch die Interessen der Arbeiter vertreten sie nicht mehr.

Klimaschutz, Rassismus, Drogen: Es muss um alles gehen

Für Taylor steht fest: "Wir brauchen neue, unabhängige Organisationen, die alle Rassen und Hautfarben umfassen und solidarisch sind." Die Latinos, die gegen Trumps Mauer protestieren, müssen sich mit Klimaschützern und Gewerkschaften zusammentun. Es liege auch an den Medien, dass viele Probleme als singulär präsentiert würden.

Die Schießereien in Chicago seien ohne die hohe Armut und enorme Segregation nicht zu erklären. Gleichzeitig führe die gleiche Armut dazu, dass die Lebenserwartung weißer Frauen über fünfzig sinke: "Die Gründe sind Suizid, Armut, Drogen - und das im angeblich großartigsten Land der Welt." Für Taylor sind diese Entwicklungen verbunden mit der Heroin- und Schmerzmittel-Epidemie, durch die mehr Amerikaner sterben als durch Verkehrsunfälle. Gepaart mit der Abstiegsangst der Mittelschicht entstehe ein umfassendes Narrativ: Immer mehr Arbeiter verlieren die Perspektive, brauchen mehrere Jobs zum Überleben.

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