US-Wahlkampf 2016 Sanders: "Die Gier der herrschenden Klasse zerstört unser Land"

Kämpferisch und voller Überzeugung erläutert Bernie Sanders seine Philosophie des "demokratischen Sozialismus" an der Georgetown University in Washington DC.

(Foto: AFP)

Bernie Sanders erklärt den "demokratischen Sozialismus": Der Hillary-Rivale kämpft für Mindestlöhne, Mutterschutz und kostenlose Unis. Dies sei nicht "radikal", sondern folge Ideen von Martin Luther King.

Von Matthias Kolb, Washington

Wo immer Bernie Sanders auftaucht, da erwartet den Präsidentschaftskandidaten das "S"-Wort. Der unabhängige Senator aus Vermont bezeichnet sich als "demokratischen Sozialisten", was viele Amerikaner traditionell verstört. Sozialismus klingt in ihren Ohren nach Kommunismus und Verstaatlichung. Für das konservative Amerika ist schon liberal eine Art Schimpfwort und beschreibt einen grenzenlos naiven Vegetarier, der an einer der beiden Küsten lebt und ignoriert, was die USA bedroht (Migranten, die Regierung in Washington, IS-Dschihadisten).

In einer lange erwarteten Rede hat Sanders, der einzige ernsthafte Konkurrent von Hillary Clinton, nun versucht den Wählern die Angst vor ihm persönlich und dem "demokratischen Sozialismus" zu nehmen. Der 74-Jährige stellt sich dabei in eine Reihe mit US-Präsident Franklin Delano Roosevelt (FDR), der von 1933 bis 1945 regierte und nach der Weltwirtschaftskrise die US-Gesellschaft unter dem Schlagwort "New Deal" umbaute.

"Fast alles, was Roosevelt vorschlug, wurde als 'sozialistisch' abgetan", ruft Sanders seinen Zuhörern an der Georgetown University zu. FDR setzte unter anderem durch: Mindestlohn, Arbeitslosenversicherung, das Ende von Kinderarbeit, Sozialversicherung, die 40-Stunden-Arbeitswoche, Bankenaufsicht und staatliche Programme, die Millionen Amerikanern Arbeit gaben. Was damals als radikal galt, ist heute akzeptiert, so Sanders' Argument.

Natürlich gehe es den US-Bürgern heute besser als in den Dreißigern, gibt Sanders zu, doch noch immer lebten Millionen in Armut oder bräuchten mehrere Jobs, um ihre Familien zu versorgen. Dann zitiert er Martin Luther King, der 1968 sagte: "In diesem Land gibt es Sozialismus für die Reichen und rauen Individualismus für die Armen." Der Beifall ist enorm, als Sanders ruft: Wer mit Marihuana erwischt wird, kriegt eine Vorstrafe, die ihn lebenslang stigmatisiert. Die Banker, die die Welt 2007/2008 an den Rand des Abgrunds geführt hätten, erhielten keine Vorstrafen - sondern einen Bonus.

Warum so viele Amerikaner wütend sind

Danach folgen viele Zahlen, die seit der Occupy-Wall-Street-Bewegung bekannt sind und die Sanders im Wahlkampf ständig wiederholt: 58 Prozent des neu entstehenden Wirtschaftswachstums in den USA fließen auf die Konten des reichsten Prozent. Jene superreichen Amerikaner, die zu den obersten "0,1 Prozent" gehörten, besäßen genauso viel wie die unteren 90 Prozent.

Viele Amerikaner seien wütend, weil sie "wie verrückt" arbeiten und trotzdem weniger verdienen würden. Jeder zweite Arbeitnehmer habe keine Rentenersparnisse, klagt Sanders. Es sei beschämend, dass das reichste Land in der Geschichte der Welt seinen Bürgern Dinge vorenthalte, die anderswo selbstverständlich seien.