Olympia-Attentat 1972:Hinterbliebene fordern 110 Millionen Euro Schadenersatz

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Olympia-Attentat 1972: Ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist: ein Geiselnehmer auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf.

Ein Bild, das in Erinnerung geblieben ist: ein Geiselnehmer auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf.

(Foto: dpa)

Elf israelische Spitzensportler verloren durch das Olympia-Attentat 1972 ihr Leben. Nun verlangen Hinterbliebene Schadenersatz von der UN - auch weil Muammar al-Gaddafi die arabischen Terroristen unterstützt haben soll.

Von Roman Deininger und Uwe Ritzer

Sie wurden als Helden gefeiert. Hunderte begeisterte Menschen versammelten sich am Abend des 29. Oktober 1972 am Flughafen der libyschen Hauptstadt Tripolis, um drei Männer willkommen zu heißen, die Stunden vorher aus deutschen Gefängnissen freigepresst worden waren. Im Austausch gegen Besatzung und Passagiere der Lufthansa-Maschine Kiel, die ein palästinensisches Terrorkommando am Morgen auf dem Weg von Beirut nach Ankara entführt hatte.

Die drei Männer waren die überlebenden Attentäter des palästinensischen Überfalls auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1972 in München, bei dem elf Israelis und ein deutscher Polizist getötet worden waren. Bei der missglückten Befreiungsaktion der Polizei am Flugplatz Fürstenfeldbruck waren auch fünf Attentäter ums Leben gekommen.

Nur 54 Tage hatten die drei Palästinenser in bayerischen Haftanstalten eingesessen. Als die Flugzeugentführer ihre Freilassung forderten, erfüllten die deutschen Behörden diesen Wunsch auffallend schnell; fast schien es, als wäre man froh, die Terroristen der Bewegung "Schwarzer September" los zu werden.

Sie wurden von München nach Zagreb geflogen, wo die entführte Kiel gelandet war. Von dort ging es nach Tripolis, wo die drei Terroristen noch am Flughafen eine Pressekonferenz gaben. "Wir haben dafür gesorgt, dass unsere Stimmen gehört wurden", prahlte einer von ihnen. Danach tauchte das Trio unter - mit Hilfe des damaligen libyschen Staatschefs Muammar al-Gaddafi. Er bejubelte den Anschlag auf die Israelis in München ähnlich enthusiastisch wie die arabischen Massenmedien.

Das Geld soll von Gaddafis eingefrorenen Konten kommen

Fünf Jahrzehnte später sind diese Ereignisse und die Verbindungen Gaddafis zu den palästinensischen Terroristen die Grundlage für eine Schadenersatzforderung in Höhe von 110 Millionen Euro. 21 Hinterbliebene der elf beim Anschlag in München ermordeten israelischen Olympioniken fordern diesen Betrag von der UN, zehn Millionen Euro pro Opfer. Ankie Spitzer, die in den Niederlanden geborene Witwe des israelischen Fechttrainers Andrei Spitzer, der in München ermordet wurde, bestätigte der Süddeutschen Zeitung die Schadenersatz-Initiative.

Das Geld soll demnach nicht aus UN-Kassen kommen, sondern von Konten, die nach dem Tod Gaddafis 2011 weltweit eingefroren wurden und seither von einem UN-Gremium verwaltet werden. Gaddafi und einige Günstlinge hatten hauptsächlich bei libyschen Ölgeschäften schätzungsweise bis zu 200 Milliarden Euro veruntreut und über ein undurchsichtiges Konglomerat an verschachtelten Briefkastenfirmen ins Ausland geschafft, wie nicht zuletzt die "Panama Papers" bewiesen. Angeblich sollen davon sieben Milliarden Euro auch in Deutschland liegen.

Um die Forderung der Hinterbliebenen des Anschlags zu untermauern, legte der israelische UN-Botschafter Gilad Erdan dem zuständigen UN-Ausschuss Unterlagen vor, die Gaddafis Unterstützung des Olympia-Attentats belegen sollen. "Als Anerkennung für die Massenhinrichtung olympischer Sportler" habe dieser an den damaligen Palästinenserführer Yasser Arafat fünf Millionen US-Dollar überwiesen, so Erdan gegenüber dem niederländischen Nachrichtenportal NOS. Zudem seien einige der Kommandomitglieder mit gefälschten, libyschen Pässen nach Deutschland eingereist.

Die Hinterbliebenen machen weitere Belege geltend: die große Willkommens-Show in Tripolis für die drei freigepressten Terroristen, die Hilfe bei deren Untertauchen im Anschluss sowie Hinweise, wonach zumindest einige der insgesamt acht am Olympia-Anschlag beteiligten Terroristen in Libyen ausgebildet worden waren.

Juristisch ist Gaddafis Mitschuld schwer zu beweisen

Über die Erfolgsaussichten der Schadenersatzinitiative gehen die Expertenmeinungen auseinander. Es werde juristisch schwer zu beweisen sein, dass Gaddafi den Anschlag nicht nur unterstützte, sondern auch konkret einer der Hintermänner gewesen sei, räumte der niederländische Menschenrechtsexperte Tom Zwart ein, der die Initiative unterstützt. Geschichtswissenschaftlich sei die Verwicklung des libyschen Staatschefs jedoch bewiesen.

Als Präzedenzfall verweisen die Hinterbliebenen auf die Zahlung von 2,7 Milliarden US-Dollar an die Angehörigen der Opfer des Lockerbie-Attentats 1988. Libyen hatte damals auf Druck der UN zehn Millionen US-Dollar für jeden Passagier und jedes Besetzungsmitglied gezahlt, das bei dem Abschuss einer PanAm-Maschine über der schottischen Kleinstadt Lockerbie ums Leben gekommen war. Auch diesen Anschlag hatte Gaddafi unterstützt.

Ankie Spitzer und andere Angehörige der Münchner Opfer hatten auch lange um Entschädigung durch die Bundesrepublik, den Freistaat Bayern und die Stadt München kämpfen müssen. Einige Monate nach dem Anschlag hatten sie über den Umweg des Internationalen Roten Kreuzes lediglich eine Million US-Dollar als "humanitäre Hilfe" bekommen. Durch das Konstrukt wollten die deutschen Behörden, deren Sicherheitskräfte 1972 grob versagt hatten, den Eindruck eines Schuldeingeständnisses vermeiden. Erst 2002 überwiesen die Deutschen 34 Hinterbliebenen weitere drei Millionen Euro.

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