Treffen in Hanoi Bitte nicht mit echter Politik verwechseln

Kim und Trump haben schon einmal das Illusionstheater bemüht - im vergangenen Juni in Singapur. Einen ernstzunehmenden Plan zur Denuklarisierung Nordkoreas aber gibt es nicht.

(Foto: AP)

Kim Jong-un und Donald Trump spielen in dieser Woche wieder Gipfel, aber wirklichen politischen Fortschritt sollte niemand erwarten. Hier zählt nur der Reiz des Dramas.

Kommentar von Stefan Kornelius

Donald Trumps Präsidentschaft beruht in weiten Teilen auf einem gewaltigen Betrug. Der Mann ist ein Illusionskünstler, der seiner Wählerschaft zwei Botschaften vermittelt: Ihr seid Opfer, aber ihr werdet Sieger sein, wenn ihr mir folgt. Wie ein Trickbetrüger redet er seinen Gefolgsleuten ein, dass sie sich ihm anvertrauen müssen, weil gewaltige Gefahren auf sie lauern. Nur er könne sie beschützen.

Mehr als diese simple Kausalität hat Trump nicht zu bieten. Weil er aber den versprochenen Schutz nicht liefern kann, muss er die Gefahr immer gruseliger beschreiben: Terroristen an der Grenze, nur durch Mauern aufhaltbare Flüchtlinge, Zölle gegen die Bedrohung der nationalen Sicherheit, ein Regierungsstillstand und am Ende gar ein nationaler Notstand zur Umgehung der Gewaltenteilung und zum Schutz vor dem politischen Gegner.

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Über den nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un ist vergleichsweise wenig bekannt. Anders als bei Trump gibt es keine Durchstechereien aus der Regierungszentrale in Pjöngjang, anders als die USA ist Nordkorea immer noch ein verschlossenes und zumindest nach außen hin homogen wirkendes System.

Zwei Herrscher-Typen spielen Gipfel, aber politische Substanz sollte niemand erwarten

Und doch lebt auch Kim von der Illusion und dem Bluff. Auch er ist ein Scheinriese, der mit seinem Nukleararsenal und seinen Cyberkriegern eine Art Schneeballsystem betreibt. Sein Geschäft ist die politische Erpressung im internationalen Format. Die scheinbare Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit der Kim-Dynastie ist in Wahrheit exakt kalkuliert und hat Nordkorea über viele Jahre unantastbar und damit stabil gemacht.

Trump und Kim sind sich also sehr ähnlich. Überhaupt ist es ja augenfällig, wie sehr der US-Präsident mit einem Herrschertypus sympathisiert, der seinem eigenen Charakter und seiner Vorstellung von Autorität und Unberechenbarkeit nahekommt. Aus der Begegnung mit diesem Typus verspricht sich Trump politischen Gewinn. Hier funktioniert sein Spielernaturell: zwei Männer am Tisch, hoher Einsatz, wenig Berechenbarkeit. Auch Kim scheint in Trump eine Figur erkannt zu haben, mit der sich sein Konzept von Illusion und Täuschung auf eine neue Ebene heben lässt. Allein die Begegnung mit dem mächtigsten Mann wertet ihn auf. Der Bluff kann ewig funktionieren, solange er sein Blatt nicht ausspielen muss.

Exakt das ist die Spielanordnung, mit der in dieser Woche der nächste amerikanisch-nordkoreanische Gipfel in Hanoi beginnt. Denn nichts anderes findet zwischen den beiden Ländern, oder besser zwischen diesen beiden Figuren statt: ein Spiel mit Illusionen. Längst haben es die Unterhändler aufgegeben, einen tatsächlichen politischen Prozess mit dem Gipfeltheater zu verbinden, das vergangenen Juni in Singapur begann.

Zwar wurde eifrig gereist und verhandelt, aber weder zeigt Nordkorea eine glaubwürdige Bereitschaft zur Denuklearisierung, noch werden die USA das Sanktionsregime in einem Zug-um-Zug-Verfahren lockern. Das Misstrauen der Apparate ist prinzipiell, weil die Beamten bis hin zum Nationalen Sicherheitsberater im Weißen Haus die Spielernatur der Symbolfiguren an der Spitze richtig einschätzen. Es geht um die Illusion, nicht um die Substanz.

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Zu dieser Illusion könnte gehören, dass Kim und Trump den Beginn von Verhandlungen ankündigen, um den Waffenstillstand von 1953 in einen Friedensvertrag umzuwandeln. Das würde einen gewaltigen Mediendonner auslösen und den Trickbetrügern den nicht ganz unberechtigten Eindruck vermitteln, dass ihr Plan aufgeht. In Wahrheit aber wird nichts erreicht sein: Weder kann eine US-Regierung mit einem totalitären, stalinistischen Verbrecherregime eine Normalität im Umgang erreichen, noch kann dieses Regime seine Nuklearwaffen und damit seine Überlebensgarantie aus der Hand geben, ohne den eigenen Untergang befürchten zu müssen.

Nach dem Singapur-Gipfel wurde Trump von vielen in Südkorea bis Europa für seinen unkonventionellen Umgang und die Geradlinigkeit gelobt. Japans Premier Shinzo Abe schlug den Präsidenten (aus sehr eigenen, taktischen Motiven) gar für den Friedensnobelpreis vor. Und so wird es auch diesmal sein, dass der Kim-Trump-Gipfel mit großer Politik verwechselt wird. Dabei handelt es sich um einen ganz großen Trick aus dem Illusionstheater: Gegeben wird eine große Szene, aber hinter der Kulisse herrscht eine andere Realität.

Wenn es die USA tatsächlich ernst meinen mit dem politischen Fortschritt, dann müsste ein konkreter Plan verabredet werden, in dem Schritt um Schritt durch konkrete Zugeständnisse beider Seiten Kapital auf das Vertrauenskonto fließt. Das wäre ein mühsamer, sehr langwieriger Prozess, der Trump und Kim das Spektakel nimmt und den Spielern ihre wichtigste Währung: die Unberechenbarkeit. Aber warum sollte sich Trump darauf einlassen? Er bekommt doch jetzt schon, was er braucht: pures Drama.

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