Fall Khashoggi Der perfekte Sündenbock für den Prinzen

Laut Medienberichten erwägt das Königshaus einzugestehen, dass Mohammed bin Salman Asiri mündlich die Genehmigung erteilt habe, Khashoggi für ein Verhör nach Saudi-Arabien zu verschleppen.

(Foto: dpa)
  • Saudi-Arabien hat Vize-Geheimdienstchef Ahmed al-Asiri entlassen.
  • Er könnte für den Tod Jamal Khashoggis verantwortlich gemacht werden.
  • Ziel des Königshauses ist es, Prinz Mohammed bin Salman von jeder direkten Verantwortung freizusprechen.
Von Paul-Anton Krüger und Christiane Schlötzer

Generalmajor Ahmed al-Asiri ist ein jovialer Mann, er kann witzig sein, gewinnend und schlagfertig, er parliert fließend in Englisch und Französisch. So freundlich sein rundes Gesicht ihn wirken lässt, in der Sache ist er unerbittlich, skrupellos. Zu eintausend Prozent loyal gegenüber seinem Chef.

Al-Asiri wurde der Welt bekannt als Sprecher der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition in Jemen und des Verteidigungsministeriums in Riad. Da erklärte er schon mal ganze Städte zu legitimen militärischen Zielen oder die zivilen Opfer der saudischen Bombenkampagne zu Propagandageschichten der Huthis und der Iraner. Er wurde in diesen Tagen auch zu einem der wichtigsten Berater des Ministers, Prinz Mohammed bin Salman. Als dieser 2017 zum Thronfolger aufstieg, beförderte er al-Asiri zum stellvertretenden Geheimdienstchef. Er war bis Freitag der Adjutant des Königssohns im Sicherheitsapparat.

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Nun ist al-Asiri seinen Job los: Im Zuge der offiziellen Bestätigung von Jamal Khashoggis Tötung hat die saudische Regierung al-Asiri entlassen. Bereits vorher hatten anonyme Quellen US-Medien durchgestochen, dass er für den Tod des Journalisten verantwortlich gemacht werden soll. Saudi-Arabien hat Aufklärung darüber versprochen, was im Generalkonsulat des Landes in Istanbul geschehen ist, nachdem Khashoggi es am 2. Oktober um 13.14 Uhr betrat und nicht wieder verließ. König Salman sicherte US-Außenminister Mike Pompeo eine transparente Untersuchung zu, der Kronprinz telefonierte in Pompeos Beisein gar mit Präsident Donald Trump.

Asiri ist als Sündenbock und Bauernopfer für die saudische Führung zumindest auf den ersten Blick attraktiv: Er hätte genug Macht im straff hierarchisch organisierten Sicherheitsapparat, um die Entführung eines Dissidenten anzuordnen oder ein Killerkommando loszuschicken - womöglich auch ohne Wissen seines Herrn.

Eine eigenmächtige Mission, um sich zu beweisen - genau diese Theorie hatte Trump nach einem ersten Telefonat mit König Salman am Montag in Umlauf gebracht. Das neue Leak könnte ein Testballon sein, ob diese Version durchzuhalten ist. Ziel muss aus Sicht des saudischen Hofes ja sein, den Thronfolger von jeder direkten Verantwortung freizusprechen.

Asiri habe dem Kronprinzen mehrmals vorgeschlagen, gegen Khashoggi und andere Dissidenten vorzugehen, berichtet die Washington Post unter Berufung auf US-Geheimdienstquellen. Für die Zeitung hatte Khashoggi eine viel beachtete Kolumne geschrieben, nachdem er 2017 aus Angst vor einer Verhaftung ins Exil in die USA gegangen war. Den US-Geheimdiensten liegen demnach aber auch Informationen vor, dass der Kronprinz angeordnet habe, Khashoggi zurück nach Saudi-Arabien zu bringen. Und dass Asiri eine Spezialeinheit für solche Geheimmissionen aufbauen sollte.

Saud al-Qahtani, Medienberater und ein enger Vertrauter des Kronprinzen, habe Khashoggi einen hohen Posten angeboten, wenn er heimkehre, berichten Freunde. Khashoggis Reaktion: "Willst du mich verarschen? Ich traue denen kein bisschen!"

Das alles spricht eher für ein geplantes, systematisches Vorgehen, bei dem Gewaltanwendung zur Option wurde, nachdem andere Methoden keinen Erfolg erbrachten. Es spricht aber zugleich dafür, dass der Kronprinz sehr wohl wusste und gebilligt hat, dass seine Leute gegen Khashoggi vorgehen. Laut der New York Times erwägt der Palast sogar einzugestehen, dass Mohammed bin Salman Asiri mündlich die Genehmigung erteilt habe, Khashoggi für ein Verhör nach Saudi-Arabien zu verschleppen. In der nun veröffentlichten Version des Tathergangs beharren saudische Ermittler allerdings darauf, dass Khashoggi nach einem Streit bei einem Faustkampf ums Leben gekommen sei.

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Streng genommen könnte Mohammed bin Salman so an der Version festhalten, die er Trump präsentierte. Er habe "kategorisch jedes Wissen darüber abgestritten, was in ihrem Konsulat geschehen ist", twitterte der Präsident. Asiri hätte, so diese Logik weiter, seine Order falsch verstanden oder wäre schlicht zu weit gegangen. Schon ein solches Eingeständnis jedoch würde den Thronfolger wohl unmöglich machen.

Überdies haben türkische Ermittler neue Details durchgestochen: Die Ermordung soll nur sieben Minuten gedauert haben, ohne Verhör oder den Versuch einer Entführung. Die Polizei suche ein Waldgebiet bei Istanbul und einen Bauernhof in Yalova am Marmarameer auf Überreste Khashoggis ab, schreibt die regierungsnahe Yeni Şafak. Sicherheitskameras hätten Fahrzeuge gefilmt, die am Tag seines Verschwindens vom Konsulat oder der Residenz kommend in jene Richtungen fuhren.

Kongress könnte eine Untersuchung zu US-Geheimdiensten einleiten

Der Generalkonsul, der am Dienstag unter dem Schutz diplomatischer Immunität ausgereist war, kehrte nicht nach Istanbul zurück. Er hätte ein wichtiger Zeuge sein können, seine Stimme soll auf den Aufnahmen zu hören sein, die laut türkischen Ermittlern das Gemetzel im Konsulat dokumentieren. Jetzt werden 15 Mitarbeiter vernommen. Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu versichert indes, die Aufnahmen, die Trump von Ankara fordert, habe man weder den USA übergeben noch anderen ausländischen Stellen. Man wolle erst die Untersuchungen abschließen, dann werde alles bekannt gegeben, sagte er - und womöglich jener Bluff zum Platzen gebracht, den Ankara nicht bereit ist mitzutragen.

Jede Legende, die nicht wasserdicht ist, birgt Risiken für Trump: Der Kongress könnte eine Untersuchung einleiten, was die US-Geheimdienste wann wussten und was sie dem Weißen Haus vorgelegt haben. Sie könnten etwa fragen, was über die Absetzung von Asiris Vorgänger Youssuf bin Ali al-Idrissi bekannt ist. Er soll laut Washington Post 2016 die Entführung eines saudischen Geschäftsmannes im Ausland vermasselt haben, der vor Investoren die Wirtschaftsreformen des Kronprinzen kritisiert hatte. Der Mann entkam, aber es gibt einige zwangsweise Rückführungen von Regimekritikern.

Der Fall Khashoggi passt in ein Muster. Einflussreiche Senatoren beider Parteien sehen Trumps Nähe zu MbS, wie der Kronprinz genannt wird, mit wachsendem Unbehagen, ebenso die Unterstützung für den saudischen Bombenkrieg in Jemen. Sie könnten den Moment gekommen sehen, den Druck für einen Kurswechsel zu erhöhen

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