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Interview mit Salomon Korn:"Ich begrüße die Debatte über deutschen Patriotismus"

sueddeutsche.de: Eine Folge der Nazi-Diktatur ist das Ausbleiben von Normalität im Umgang mit Juden in Deutschland. Salomon Korn stehe für diese fehlende Normalität, sagte einmal Marcel Reich-Ranicki. Beginnt nun, da die letzten Zeitzeugen aussterben, diese Normalität?

WM 2010 - Fans in Hamburg

"Es ist normal und natürlich, dass sich ein Volk mit seiner Identität und seiner Geschichte beschäftigt und jene Gemeinsamkeiten sucht, die es als besondere Schicksalsgemeinschaft definiert." - Enthusiastische Hamburger Fans während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010.

(Foto: dpa)

Korn: In dem Augenblick, in dem wir uns über Normalität unterhalten, zeigt sich, dass noch keine existiert. Nach allem, was 1933-1945 geschehen ist, befinden wir uns in einer anormalen Normalität oder normalen Anormalität, was angesichts der jüngsten Geschichte normal ist.

sueddeutsche.de: Eine Normalität würde einen Verlust an Einfluss für den Zentralrat bedeuten.

Korn: Das wäre der Preis dafür, ja. Die Juden sind nach dem Krieg hierzulande wie rohe Eier behandelt worden. Angesichts des monströsen nationalsozialistischen Menschheitsverbrechens haben vor allem Politiker mit Blick aufs Ausland dieser Minderheit einen Stellenwert eingeräumt, der ihr nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung nicht zukam - wohl aber nach der historischen.

sueddeutsche.de: Finden Sie es gut, wenn die Stimme des Zentralrats aufgrund einer Normalisierung an Gehör verliert?

Korn: Es ist eine Tatsache: Politische Bedeutung nimmt ab, je mehr Zeit vergeht, was auch für den Aufmerksamkeitswert gilt. Aber es wäre an sich kein schlechtes Zeichen, wenn die Umwelt die jüdische Gemeinschaft als völlig normale gesellschaftliche Gruppe wahrnähme, die eine eigene Geschichte, eine eigene Identität und eigene kulturelle Wurzeln hat. Wenn also Normalität darauf hinausliefe, Juden als normale Bevölkerungsgruppe zu empfinden, die selbstverständlicher Teil der Gesellschaft ist, dann wäre ein Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit durchaus begrüßenswert.

sueddeutsche.de: Viele Menschen glauben, der Zentralrat sei der verlängerte Arm der israelischen Botschaft. Was halten Sie diesen Leuten entgegen?

Korn: Das ist schlichtweg falsch. Wir haben eine besondere Beziehung zu Israel, aber wir scheuen uns nicht, uns kritisch zu äußern, wenn wir mit der aktuellen israelischen Politik nicht einverstanden sind.

sueddeutsche.de: Also keine uneingeschränkte Solidarität?

Korn: Eine kritische Solidarität. Wir dürfen nicht den Fehler begehen, an Israel andere Maßstäbe anzulegen als an andere Staaten. Aber wir sollten uns ebenso davor hüten, bei Israel moralische Hürden höher zu setzen. Israel zu kritisieren ist völlig legitim, sofern es sachbezogen und nach allseits anerkannten demokratischen Spielregeln geschieht. Dazu zählt aber auch, die besondere geopolitische Lage Israels zu berücksichtigen.

sueddeutsche.de: Sie meinen die arabischen Nachbarstaaten, von denen einige das Existenzrecht Israels nicht anerkennen.

Korn: So ist es: Wer Israel kritisiert, sollte bei den arabischen Nachbarstaaten die gleichen Maßstäbe anlegen. Es ist auffällig, dass gerade viele derjenigen, die Israel besonders hart angreifen, genau dies versäumen. Manche versuchen, Deutschlands historische Schuld durch den Fingerzeig auf Israel zu kompensieren, nach dem Motto: "Schaut euch die Israelis - in Klammern: die Juden - an, die sind ja auch nicht besser als die Deutschen einst waren: Was diese damals mit den Juden gemacht haben, machen die heute mit den Palästinensern." Auf solche Entlastungsversuche reagieren wir sensibel. Aber es ist wie einst mit den Gänsen auf dem Capitol: Diese haben sich auch bei geringen Anzeichen von Gefahr rechtzeitig lautstark bemerkbar gemacht: Daher lieber einmal zu viel als einmal zu wenig geschnattert.

sueddeutsche.de: Wann immer Rechtsextremisten in Erscheinung treten oder sich Politiker bräunlichen Vokabulars bedienen, richten sich die Blicke zuallererst auf den Zentralrat als moralische Instanz. Ärgert Sie dieser Reflex?

Korn: Es handelt sich hier um eine partielle Selbstentmündigung der Medien und Politiker in moralischen Fragen. Es ist nämlich bequem, in heiklen Situationen nicht selber Stellung beziehen zu müssen. Wenn es um Juden geht, ruft man erst einmal beim Zentralrat an. Nach dem Motto: Selbst, wenn der Zentralrat ins Fettnäpfchen tritt, kann man es ihm nicht übelnehmen. Solange nicht die jeweilige Redaktion, der zuständige Stadtverordnete, Landtags- oder Bundestagsabgeordnete sich selbst eine eigene, öffentlich vertretene Meinung bildet, so lange sind wir von Normalität noch ein gutes Stück entfernt.

sueddeutsche.de: Ihre Prognose: Bleibt das so?

Korn: Es kann sich ändern, soll sich ändern und wird sich ändern. Und es ist völlig in Ordnung, dass noch Sensibilität - manchmal Übersensibilität - in diesen Dingen herrscht. Angesichts der erwähnten anormalen Normalität ist das normal.

sueddeutsche.de: Ist es aus Ihrer Sicht auch normal, dass in Deutschland wieder über Heimat und Patriotismus diskutiert wird?

Korn: Ich begrüße die Debatte darüber und den Versuch, diese Begriffe gedanklich schärfer zu fassen. Ja, es ist normal und natürlich, dass sich ein Volk mit seiner Identität und seiner Geschichte beschäftigt und jene Gemeinsamkeiten sucht, die es als besondere Schicksalsgemeinschaft definiert.

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