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60 Jahre Zentralrat der Juden:Raus aus der "Dauermeckerecke"

Die Stimme der Juden in Deutschland: Vor 60 Jahren gründeten 25 Männer den Zentralrat - Stationen der Institution in Bildern.

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Eberhard Diepgen, Woflgang Schäuble, Heinz Galinski und Peter Kirchner, 1988

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Hebelstraße 17, Frankfurt am Main, 19. Juli 1950 um 14 Uhr: Fünfundzwanzig Vertreter jüdischer Gemeinden kamen zusammen, um eine Dachorganisation zu gründen - den Zentralrat der Juden. Schon damals ganz vorne dabei als erster Vorsitzender: Heinz Galinski (Mitte), der bis zu seinem Tod Anfang der neunziger Jahre eine der prägenden Figuren der Organisation bleiben sollte. Auf dem Bild gedenkt er 1988 auf dem jüdischen Friedhof in Ostberlin zusammen mit Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen (rechts) und Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble (Zweiter von links) an das Pogrom vom 9. November 1938.

TRANSPARENT VOR DÜSSELDORFER SYNAGOGE

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Nach Ende des Zweiten Weltkriegs lebten kaum mehr als 15.000 Juden in den Besatzungszonen der Westmächte. Der Zentralrat galt bei seiner Gründung als Provisorium: Er sollte das Auswandern der Juden organisieren. Tausende aber blieben - und in der Bundesrepublik entstand alsbald wieder ein reges jüdisches Gemeindeleben. Der Zentralrat wuchs in eine Wächterrolle und wurde so, wie CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe jetzt zum Jubiläum sagte, "zu einer gewichtigen Stimme beim Aufbau eines demokratischen Staates und einer offenen, toleranten Gesellschaft in Deutschland". Leider musste das Gremium allzu oft bei antisemitischen Vorfällen seine Stimme erheben: Zum Beispiel bei einem Anschlag auf die jüdische Gemeinde in Düsseldorf im Jahr 2000, der auf dem Bild betrauert wird.

nachmann ap

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Doch manchmal musste der Zentralrat auch mit internen Problemen zu Rande kommen. Werner Nachmann (Dritter von links) führte den Zentralrat als Vorsitzender von 1969 bis zu seinem Tod 1988. Er erhielt unter anderem den Theodor-Heuss-Preis für seine Verdienste um die "jüdisch-deutsche Aussöhnung und das friedliche Zusammenleben von Juden und Christen in der Bundesrepublik Deutschland". Nach seinem Tod kam der Verdacht auf, er habe von 1981 bis 1987 etwa 33 Millionen DM an Zinserträgen von Wiedergutmachungsgeldern der Bundesregierung veruntreut. Der Verbleib des Geldes ist bis heute nicht geklärt.

NRW-LANDESSTELLE FUER AUSSIEDLER

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Nach der Wende trat der Zentralrat in die zweite Phase seines Wirkens ein: Es galt nun auch, die sogenannten Kontingentflüchtlinge, die nach 1990 in die Bundesrepublik Deutschland eingereisten russischen Juden, zu integrieren. Heute stellen die Zuwanderer aus Osteuropa das Gros der derzeit etwa 110.000 jüdischen Bürger in Deutschland - vor der Wende lebten konstant nur etwa 25.000 Juden in der BRD. Der Zuzug führte allerdings auch intern zu Konflikten: Liberale streiten mit Orthodoxen, Zugewanderte mit Alteingesessenen.

WALSER BUBIS

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Viel Arbeit also für Ignatz Bubis (rechts), der 1992 das Präsidentenamt des Zentralrats übernahm. Von Bubis stammt der berühmte Satz: "Ich bin deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Das FDP-Mitglied setzte sich bis zu seinem Tod 1999 stets streitbar gegen seiner Ansicht nach antisemitische Tendenzen ein. Noch immer in Erinnerung ist sein Streit mit Schriftsteller Martin Walser (links), der bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 ein Ende der Holocaust-Debatte forderte und von der "Moralkeule Auschwitz" sprach. Bubis warf Walser vor, "geistige Brandstiftung" zu betreiben und für eine "Kultur des Wegschauens und Wegdenkens" zu plädieren.

Gedenken an Münchner Holocaust-Opfer

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Nach Paul Spiegel übernahm 2006 Charlotte Knobloch als erste Frau das Präsidentenamt. Mit ihrem Einsatz erreichte sie, dass am 9. November 2006 das neue jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge in München eröffnet wurde. Auch ist es ihr zu verdanken, dass "das Wort des Zentralrats gehört wird und Gewicht hat", wie der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer jetzt zum 60-jährigen Bestehen sagte. Doch wurde ihr auch vorgeworfen, den Generationenwechsel in der Führung des Zentralrats und eine angemessene Beteiligung der Einwanderer zu behindern. Nach internen Querelen erklärte Knobloch, im November nicht mehr für eine zweite Amtszeit kandidieren zu wollen. Mit Knoblochs Abtritt wird eine Ära enden: Ihr Nachfolger wird der erste Vorsitzende des Zentralrats sein, der den Holocaust nicht selbst erlebt hat.

Charlotte Knobloch tritt nicht erneut an

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Als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge gilt Vizepräsident Dieter Graumann, ein Kind von Holocaust-Überlebenden. FDP-Generalsekretär Christian Lindner sagt zwar, dass das "Wächteramt" des Zentralrats unverzichtbar sei "für eine stabile Demokratie". Graumann aber will das Bild des Zentralrats ändern: Er kündigt an, das Gremium herausführen zu wollen aus der "bleischweren Rolle des Moralwächters". "Die Öffentlichkeit nimmt uns oft nur in zwei Rollen wahr; als traurige Opfer von früher oder als lästige Dauermahner von heute", sagt Graumann. Raus aus der "Dauermeckerecke" also, wie er sagt. Die Erinnerung an die Ermordung von sechs Millionen Juden solle aber natürlich dennoch wichtiger Bestandteil der Arbeit des Zentralrats bleiben.

© (sueddeutsche.de/ffu)
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