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Holocaust-Gedenken im Bundestag:Die Tränen des Norbert Lammert

Getötet, weil die Nazis sie nicht für lebenswert gehalten haben. Vier Schicksale, die am Holocaust-Gedenktag im Bundestag die Abgeordneten bewegen.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Bundestagspräsident Norbert Lammert setzt sich. Er zieht ein Taschentuch aus der Hosentasche, wischt sich ein paar Tränen aus den Augenwinkeln. Er hat gerade gesprochen. Es ist der 27. Januar, Holocaust-Gedenktag. Der Tag, an dem vor 72 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Seit 1996 wird an diesen Tag und den mit ihm verbundenem Schrecken auch im Bundestag erinnert. Seit 2005 unter dem Vorsitz von Norbert Lammert. Der 27. Januar ist kein x-beliebiger Tag im Gedenkkalender der Bundesrepublik.

Die Geschichte habe gezeigt: "Die Würde des Menschen ist antastbar", sagt Lammert am Ende seiner Rede. "Nirgendwo wurde dieser Nachweis gründlicher geführt als in Deutschland." Gerade deshalb müsse der Artikel 1 des Grundgesetzes die "kompromisslose Richtschnur unseres Handels sein und bleiben, kategorischer Imperativ." Um nie wieder zuzulassen, dass Menschen in ihrem Lebensrecht beschnitten werden.

Die Tränen kommen Lammert, als er die Namen derer aufzählt, um die es heute hier beispielhaft gehen wird. "Das schulden wir Ernst Putzki, Norbert von Hannenheim, Anna Lehnkering, Benjamin Traub. Das schulden wir allen Opfern, derer wir heute gedenken."

Mit dem Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses fing es 1933 an. Mit diesem Gesetz haben die Nationalsozialisten die massenhafte Tötung von Menschen vorbereitet, die in ihren Augen nicht lebenswert waren - vor allem geistig Behinderte und psychisch Kranke. Zuerst kam die Zwangssterilisierung, dann die Ermordung Hunderttausender Menschen bis in die letzten Kriegstage hinein. Und darüber hinaus.

Bis Sommer 1945, berichtet Lammert, haben Ärzte und Pflegekräfte ihre Schutzbefohlenen umgebracht. Die alliierten Siegermächte wurden etwa in den Heil- und Pflegeanstalten Kaufbeuren und Irsee mit Typhus-Warnschildern davon abgehalten nachzusehen, was dort passierte. Das Morden ging einfach weiter.

Getötet, weil er nicht dem Nazi-Ideal entsprach

Es sind Ereignisse, die verdrängt wurden, die lange nicht in das kollektive Gedächtnis eindrangen, sagt Lammert. "Ebenso wie die Tatsache, dass die Verbrechen mitten in Deutschland verübt wurden."

Es ist das erste Mal, dass im Bundestag am Holocaust-Gedenktag auch der Opfer des sogenannten T4-Mordprogramms der Nazis gedacht wird. Es war ein Programm, das zum Ziel hatte, alles in den Augen der Nationalsozialisten "lebensunwerte Leben" zu vernichten. Und das in seiner perfiden wie zugleich hocheffizienten Art des Tötens vorbildhaft war für den millionenfachen Mord an Juden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern.

In den als Heil- und Pflegeanstalten getarnten Tötungsanstalten wie jener auf dem Mönchberg im hessischen Hadamar kamen Hunderttausende Menschen um, weil sie nicht dem nationalsozialistischen Ideal entsprachen.

Benjamin Traub wurde dort getötet. Ihm wurde im Alter von 15 Jahren kindliche Schizophrenie attestiert. Er hatte den Verlust eines Fingers nicht überwinden können, den er sich mit einer Axt versehentlich abgehackt hatte. Er hatte Anfälle. Ab da lebte er in psychiatrischen Anstalten. Sein Neffe Hartmut Traub berichtet im Bundestag vom letzten Tag im Leben seines Onkels. Der 13. März 1941. Traub war da 27 Jahre alt. "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland", zitiert sein Neffe aus dem Gedicht "Todesfuge" von Paul Celan. Und "dieser Tod ist ein besonderer".

Hartmut Traub hat den letzten Tag seines Onkels penibel genau recherchiert. Wie die grauen Busse der Gemeinnützigen Krankentransportgesellschaft seinen Onkel und eine Gruppe von Bewohnern der "Zwischenanstalt Weilmünster" zu einem angeblichen Ausflug abholten. Wie sie nach Hadamar gebracht wurden, dorthin, wo das tägliche Töten von bis zu 60 Menschen zur Arbeitsroutine gehörte. Wie sie ins Hauptgebäude gebracht wurden, zur Aufnahmeuntersuchung. Sich entkleiden mussten vor den Ärzten, Beruhigungsmittel bekamen.

Das Grauen in den Vermerken

Es wurden Vermerke geschrieben, in denen sich heute ein Teil des Grauens zeigt. Die Feststellung einer tödlichen Krankheit für den Totenschein. Die Registrierung von Goldzähnen im Gebiss der Insassen.

Vor dem Ankleiden sollten alle duschen. 63 nackte Männer in einem weiß gekachelten Kellerraum. Drei mal fünf Meter. "Die Türe wird geschlossen. Was mag in ihnen vor sich gehen? Angst? Panik? Was hören sie? Was riechen sie?"

Es ist still, vollkommen still im Plenum des Bundestags. Hartmut Traub spricht weiter. "Dr. Hennecke öffnet den Gashebel." Über die alten Wasserleitungen strömt das Gas in die Duschkammer: Kohlenmonoxid. "Benjamin wird übel. Er verliert das Bewusstsein." Nach wenigen Minuten sind er und seine Leidensgenossen erstickt.

Der Raum wird entlüftet, das technische Personal schleift die Toten hinaus. Goldzähne werden gezogen, manchen wird zu wissenschaftlichen Zwecken das Gehirn entnommen. Die Leichen werden in den beiden Öfen des hauseigenen Krematoriums verbrannt. 30 bis 40 Minuten brennt jede Leiche.

Von Januar bis August 1941 haben Ärzte und Pflegepersonal in Hadamar 10 113 Männer, Frauen und Kinder auf diese Art umgebracht. "Über der Stadt Hadamar stand über sechs Monate lang - gut sichtbar - die dunkle Rauchsäule des Krematoriums der Tötungsanstalt auf dem Mönchberg." Hartmut Traub blickt vom Pult auf zu den Abgeordneten im Bundestag, wartet einige Sekunden. Dann geht er zurück zu seinem Platz.

Vor Hartmut Traub liest der Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski den "Opferbrief" von Ernst Putzki vor. Urbanski hätte die Nazi-Zeit wohl genauso wenig überlebt wie Benjamin Traub und Putzki oder Anna Lehnkering und Norbert von Hannenheim. Urbanski hat das Down-Syndrom.

Urbanski liest vor, was Putzki am 3. September 1943 an seine Mutter schrieb. Putzki bedankt sich für ein Paket. "Der Inhalt, zwei Pfund Äpfel und eine faule matschige Masse von stinkenden Birnenmus wurde mit Heißhunger überfallen. Um eine Hand voll zu faulem Zeug rissen sich andere Todeskandidaten drum."

Putzki, angeblich geisteskrank, war sechs Wochen zuvor in die Anstalt Weilmünster verlegt worden. "Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt, sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen. Man beerdigt die hautüberzogenen Knochen ohne Sarg", schrieb Putzki. Auch er kam nach Hadamar. Am 9. Januar 1945 wurde er dort getötet. Er war 41 Jahre alt.

Zwischendurch ertönt im Bundestag Musik von Norbert von Hannenheim. Klavier-Musik mit Dissonanzen, verstörend. Hannenheim wurde 1944 nach einem schizophrenen Anfall in eine Berliner Heilanstalt eingewiesen. Später wird er in eine Anstalt nach Meseritz-Obrawalde im heutigen Polen gebracht. Die dortige Massentötung geistig Kranker überlebte er. Er starb kurz nach Kriegsende am 19. September 1945 im Alter von 47 Jahren.

Sigrid Falkenstein tritt an das Pult, sie ist die Nichte von Anna Lehnkering. Sie war geschockt, als sie 2003 den Namen ihrer Tante zufällig auf einer Euthanasie-Opferliste entdeckte. Niemand in ihrer Familie hatte je über die Tante gesprochen, auch ihr Vater nicht. "Angeborener Schwachsinn" wurde Anna attestiert. 1934 wurde sie mit 19 Jahren als "schädlich für den gesunden Volkskörper" zwangssterilisiert und zwei Jahre später in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau eingewiesen.

Tod in der Duschkammer

Am 6. März 1940 wird sie ins 600 Kilometer entfernte Grafeneck gebracht. Einen Tag später steht sie mit vielen anderen in einem weiß gekachelten Raum. Gas kommt aus den Duschköpfen. Kohlenmonoxid, wie in Hadamar.

Aus heutiger Sicht würde ihre Tante wohl als lernbehindert gelten, sagt Sigrid Falkenstein. Anna Lehnkering war verständig, aber eben überhaupt nicht gut in Mathe. Den Nazis hat das gereicht, um sie umzubringen.

Die Musik hat an Norbert von Hannenheim erinnert, Sebastian Urbanski mit seiner Lesung an Ernst Putzki. Hartmut Traub hat die Geschichte seines Onkels erzäht. Sigrid Falkenstein die Geschichte ihrer Tante. Die Abgeordneten im Bundestag, Bundespräsident Joachim Gauck, Bundesratspräsidentin Malu Deyer, Kanzlerin Angela Merkel und der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßuhle, sie alle stehen auf und zollen dem Gehörten ihren Beifall. Viele von ihnen mit Tränen in den Augen. Tränen, die zeigen, wie wichtig, wie besonders dieser Tag ist.

© SZ.de/lalse/stein

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