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Kommunalwahl in Sachsen:"Es wird Zeit für eine Oberbürgermeisterin"

"VEB Kondensatorenwerk Görlitz" - der rostige Schriftzug an der Fassade der Ruine ist schon von weitem zu sehen. Zu DDR-Zeiten wurden hier Kondensatoren für Radios und Fernseher gefertigt. Ein Wiener hat die Fabrik nach der Wende gekauft in der Hoffnung auf ein gutes Geschäft. Mittlerweile ist ein Teil des Dachs eingestürzt, auf den Mauern wachsen dünne Bäumchen. Schubert streicht mit den Fingern über eine rostige Metallblume, die im Eingangstor eingelassen ist.

Franziska Schubert

Franziska Schubert

(Foto: Antonie Rietzschel)

Zwei Männer machen Fotos mit ihren Handys. Sie kommen aus München und sind auf der Suche nach einem Ort, um den Prototyp eines Elektrofahrzeugs entwickeln zu lassen. Die Aussicht auf unbegrenzten Platz und Fördergelder haben sie nach Görlitz gelockt. Die Renovierung des alten Kondensatorenwerks wäre zwar sehr kostspielig. Doch Schuberts Gäste fangen an zu träumen. "Da unten könnte ein kleines Kaffee rein", sagt einer der Männer und zeigt auf den Durchgang. "Warum nicht auf dem Dach", sagt Schubert.

Die politische Konkurrenz äußert Sympathie

Sie nennt noch weitere potenzielle Objekte, ruft eine Bekannte bei der Wirtschaftsförderung der Stadt an, fragt Quadratmeterpreise für Industrieflächen ab. Die Münchner lächeln, als sie die Zahlen hören. Am Ende des Tages schreibt Schubert auf ihrer Facebookseite, sie sei mit "Vielleicht-in-Görlitz-Investoren" unterwegs gewesen, lädt ein paar Fotos hoch. Der Post bekommt 94 Likes. "Ein fantastischer, unermüdlicher Einsatz für Görlitz", schreibt ein Kommentator.

Doch wird er sich am Ende auszahlen?

Vorhersagen sind vor Kommunalwahlen schwierig. Anders als bei Landtagswahlen gibt es keine verlässlichen Prognosen. Doch wer sich in Görlitz umhört, der spürt besonders bei den Jungen Aufbruchstimmung. Viele Frauen unterstützen Schubert: "Es wird Zeit für eine Oberbürgermeisterin", finden sie.

Die politische Konkurrenz äußert Sympathie oder zumindest Respekt: "Sie hat Ideen", sagen Konservative. "Sie ist keine typische Grüne", sagt ein AfD-Anhänger. "Ich führe keinen ideologischen Kreuzzug", sagt Franziska Schubert. Sie ist erst 2014 in die Partei eingetreten. Fragt sie jemand nach dem Veggie-Day, sagt sie: "Ich bin die Tochter eines Fleischermeisters."

In Görlitz tritt Schubert nicht allein für ihre Partei an. Sie wird von einem breiten Bündnis aus Parteilosen unterstützt, die sich ebenfalls für die Stadtratswahl bewerben: Ingenieure, Ärztinnen, ein Polizist, Studenten, Rentner. Der Verein "Bürger für Görlitz" wurde 2014 zweitstärkste Kraft - damals noch mit einem Mann an der Spitze. 2019 ist der Wahlkampf auf die junge Politikerin zugeschnitten.

Wippel will Polizisten patroullieren lassen

Wenige Tage vor der Kommunalwahl haben ihre Unterstützer ein riesiges Banner aufgehängt. Es zeigt ein Foto von Schubert, hinter ihr eine Gruppe lächelnder Frauen. Schuberts Name steht da. Dazu der Slogan "Unsere Wahl" auf Deutsch und auf Polnisch. Das Banner hängt an der Fassade des Getreidespeichers. Dort wo die Altstadtbrücke Zgorzelec und Görlitz verbindet, Polen und Deutschland. Wo man nur wenige Schritte gehen muss, um auf die andere Seite zu gelangen. Ohne seinen Pass vorzuzeigen.

"Sichere Grenzen statt grenzenloser Kriminalität." So lautet der Wahlspruch von Sebastian Wippel. Ginge es nach ihm, würden auf der Altstadtbrücke künftig Polizisten patrouillieren und stichprobenartig Ausweise kontrollieren. Von Touristen, von Einheimischen. "Es kann jeden treffen."