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Gescheiterte Republikflucht:Laufen in der Zelle

Als ich in der U-Haft dann aus der Einzelhaft in eine Dreier-Zelle verlegt wurde, wurde es etwas besser. Wir konnten Schach spielen. Aber sie versuchten es immer wieder mit Erpressung: Hafterleichterung oder gar Entlassung, wenn ich die Namen meiner Freunde aufschreiben würde. Ich schrieb alle meine Klassenkameraden auf, danach alle meine Armeekameraden. Der Stasi-Mann wurde nervös und versuchte erneut mich zu erpressen: Wenn ich nicht kooperieren würde, dann würde er mir meine Zigaretten entziehen. Also hörte ich sogar selbständig auf zu rauchen, als Gegenwehr. Ohne Entzugserscheinungen, weil das Glücksgefühl überwog, mich durchgesetzt zu haben.

Und als mir dann ein Mitgefangener eine spezielle Art des Laufens beibrachte, wurde das zur Erlösung: Eins, zwei, drei, vier Schritte auf dem Gang zwischen den Betten, dann umdrehen und wieder eins, zwei, drei, vier Schritte zur Zellentür. Irgendwann brachte es mich in eine Art Trance, mit der ich mir einbildete, durch einen Wald zu laufen. Gedanklich war ich jedenfalls nicht mehr in der Zelle. Auch meine beiden Mitgefangenen in der Zelle praktizierten dieses meditative Laufen. Während dieses Laufs sprach niemand den anderen an. Bis man sich wieder an den Tisch setzte und sagte: 'Ich bin wieder da.' So haben wir unbewusst eine uralte Art der Meditation praktiziert.

Dann wurde ich zu 22 Monaten verurteilt und ins Zuchthaus nach Cottbus verlegt. Das Zuchthaus war gegen die Stasi-U-Haft in Erfurt in manchen Dingen fast eine Erleichterung: Endlich konnte man arbeiten, hatte mit mehreren Leuten Kontakt und konnte auch die Bücher der Zellengenossen lesen. Trotzdem bedeutete ein Zuchthaus im Osten: Gefängnis plus unmenschliche Behandlung, abermals Wochen der Dunkelhaft und eineinhalb Jahre nur Kraut mit Kartoffeln. Aus heutiger Sicht war das Folter.

Ikarus und Daedalus

Ich sah uns drei Brüder wie berühmte Figuren aus der griechischen Mythologie: Ich war erst Ikarus, mein älterer Bruder Daedalus. Und der ließ mich im Stich. Dann wurde ich meinem kleinen Bruder gegenüber zum Daedalus. Er zum Ikarus. Und als Daedalus war ich in Verantwortung. Die habe ich immer für ihn gespürt und getragen. Nie hätte ich mir verzeihen können, wenn er zu hoch geflogen und deshalb abgestürzt wäre. Doch dann eine Krise; war es zu schwer für ihn, ist er zu hoch geflogen?

Das befürchtete ich, als er sich das Leben nehmen wollte. RT, der Rote Terror, so nannten wir einen Aufpasser, hatte meinen Bruder wegen Renitenz und Aufmüpfigkeit auf dem Kieker und drangsalierte ihn, wo er konnte. Er war ein unberechenbarer Sadist, der uns Gefangene unvermittelt mit seinem Schlüsselbund quer durchs Gesicht schlug.

Mein Bruder wurde von diesem Menschen acht Wochen allein in eine kalte, feuchte Kellerzelle ohne Licht gesperrt, die unter den Häftlingen auch Tigerkäfig genannt wurde. Da gab es kein Bett, kein Stuhl, die Pritsche wurde tagsüber hochgeschlossen und abends einen Teller Suppe und nur eine Scheibe Brot, für die Nacht eine dünne Decke. Er war weg von den anderen. Abgesondert, weil er zu RT 'Du dumme Sau' gesagt hatte.

RT und die Stasi-Leute wussten, was sie tun: Sie versuchten, uns zu entmenschlichen. Ich glaube, dass man Einzelhaft nur ein paar Wochen durchsteht. Und das auch nur, wenn man psychisch einigermaßen kräftig ist. Dann ist spürbare Solidarität gefragt. Wir politischen Gefangenen fanden einen Weg, meinem Bruder zu helfen: Über einen Kalfaktor, also einer Hilfskraft der Wärter, der sich aus den Reihen der Gefangenen rekrutierte, verschafften wir ihm ausreichend Essen. Mehr als die Scheibe Brot und den Teller Suppe, die er als heranwachsender 18-Jähriger lediglich bekam. Obwohl er allein in der Zelle schmorte, fühlte er sich mit dieser Geste nicht mehr einsam. Als er wieder hochkam, sagte er zu dem Schließer RT: 'Du kriegst mich nicht klein.' Daraufhin wanderte er wieder runter. Aber er ließ sich nicht brechen.

Für mich waren die Leute der Staatssicherheit handverlesen schlechte Menschen. Deshalb ist der Film 'Das Leben der Anderen' auch so falsch, wo sich ein Stasi-Mann zu einem guten Menschen wandelte. Mein Bruder und ich haben die Stasi als das abgrundtief Böse erlebt.

Ohne Lüge leben

Wie verändert einen die Zelle? Man bekommt einen Schaden, aber man kann damit leben. Ich explodiere heute noch, wenn eine Tür vor mir geschlossen wird oder ich schroff zurückgewiesen werde. Ich muss mir dann sagen, dass ich das jetzt nicht persönlich nehmen darf und dass das jetzt auch kein Knast mehr ist. Dann geht das. Damals in der Zelle schwor ich mir Wahrhaftigkeit: ohne Lüge leben. Das nervt meine Umwelt oft noch heute, aber das war nun einmal mein Schwur.

Dieser Unrechtsstaat hatte mir einen Großteil meiner Jugend geklaut. Im Zuchthaus wurde ich erwachsen. Vom Kind zum Mann. Ich weiß nicht, wie andere ihre Zeit in der Haft und speziell die Einzelhaft empfunden haben. Ich rede nicht gerne über diese Zeit. Ich musste lernen, mit dieser Kerbe in meiner Seele zu leben."

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Christian J. Th. Koch, lebt heute als EDV-Spezialist in München und hat ein Buch über seine Erlebnisse im Zuchthaus verfasst: "Ohne Lüge leben." Verlag Komplett-Media. 19,95 Euro

Überleben

Wir veröffentlichen an dieser Stelle in loser Folge Gesprächsprotokolle unter dem Label "ÜberLeben". Sie handeln von Brüchen, Schicksalen, tiefen Erlebnissen. Menschen erzählen von einschneidenden Erlebnissen. Wieso brechen die einen zusammen, während andere mit schweren Problemen klarkommen? Wie geht Überlebenskunst? Alle Geschichten finden Sie hier. Wenn Sie selbst Ihre erzählen wollen, dann schreiben Sie eine E-Mail an: ueberleben@sz.de

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