Süddeutsche Zeitung

Gescheiterte Republikflucht:"Im Zuchthaus wurde ich erwachsen"

Er versuchte, aus der DDR abzuhauen - und wurde gefasst. Die Strafe: 22 Monate Haft für Republikflucht. Wie Christian J. Th. Koch Einzel-, Dunkelhaft und sadistische Stasi-Wärter überlebte.

"Ich kenne Ostdeutsche, die einfach nur raus wollten aus dem SED-Staat. Einfach nur weg! Und genau das war der Antrieb von uns drei Brüdern. Ein Großteil der Westdeutschen wird wohl nie verstehen, dass es eben nicht darum ging, in den 'goldenen Westen' zu kommen, sondern nur weg aus dem SED-Staat. Als Ziel hatten wir Westdeutschland. Es hätte auch Frankreich sein können oder irgendwas. Aber schön war eben, dass meine Verwandtschaft von Eisenach nur 20 Kilometer entfernt auf der anderen Seite lebte. Und so wurde es ein Weg von Deutschland nach Deutschland. Schluss aus.

Das Aufwachsen hinter dem Stacheldraht, das ging für mich nicht. Es wunderte mich immer, dass manche in Ostdeutschland den Stacheldraht nicht als Begrenzung empfunden haben. Für mich jedenfalls war es unerträglich, wenn ich oben auf der Wartburg stand und rüber nach Westdeutschland schaute. Wissend, dass man da machen kann, was man will und gehen, wohin man will, aber dass ich da nicht hindurfte. Ich habe mich als Mensch zweiter Klasse empfunden, aber meine Klassenkameraden hat das nicht tangiert.

Dem ostdeutschen Typus Mensch wurde das Kuschen und Untertanentum anerzogen. Er wurde belobigt, wenn er sich unterordnete. Ich weiß nicht, ob die Verantwortlichen noch einen Restsinn für den Weg zum Sozialismus hatten oder ob sie einfach nur noch Macht und Unterdrückung ausüben wollten. Jedenfalls haben sie zielsicher jede Eigeninitiative zerstört sowie überall den Kadavergehorsam gefordert und belobigt. Warum gab es denn nie eine ehrliche Antwort darauf, warum die Minen beim 'antifaschistischen Schutzwall' innen liegen?

Irgendwann musst du ins Gefängnis

Für mich jedenfalls war es unbegreiflich, dass man sich ohne eigenen Willen durchs Leben schubsen lässt. Allerdings ist mir das erst im Alter von 22 Jahren im Zuchthaus klargeworden, dass mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt gelenkt wurde: Schule, Lehre, Armee. Überall bin ich hingeschickt worden.

Und im Prinzip auch in den Knast. Es war mir wohl vorherbestimmt, dass ich in ihm mal lande. Das wusste ich schon meine ganze Jugend: Irgendwann musst du ins Gefängnis. Deshalb war das für mich auch zunächst gar nicht so schlimm, als es nach dem Versuch meiner 'Republikflucht' passierte. Schließlich hatte ich nun einen Termin und das unvorstellbar Schwere war nicht mehr so schwer. Eben weil es angefangen hatte und nicht mehr über mir schwebte.

95 Prozent der Fluchtversuche scheiterten

1974 hatte ich mich erstmals zur Flucht entschlossen. Ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, sehr gering war: 95 Prozent der Republikflüchtlinge wurden gefasst und ins Zuchthaus gesteckt. Meine zwei Brüder und ich gehörten zu den 95 Prozent.

Den Zeitpunkt für unsere 'Republikflucht' hatten wir sorgfältig gewählt. Mein älterer Bruder hatte gerade sein Abitur, ich meine Lehre beendet. Wir standen beide kurz davor, gemustert zu werden. Hätten wir den Bescheid schon bekommen und wären dann erst geflohen, hätten uns drakonische Strafen gedroht, weil wir dann schon unter Armeerecht gefallen und quasi desertiert wären. Man war dann kein einfacher Republikflüchtling mehr. Aber Unvorstellbares passierte: Mein großer Bruder ließ mich sitzen und unternahm den Fluchtversuch allein. Er sagte nicht mal Bescheid. Während ich noch auf ein Startsignal von ihm wartete, bekam ich den befürchteten Einberufungsbefehl.

Damit war mein erster Fluchtplan zunächst gescheitert. Mein großer Bruder wurde auf der Flucht festgenommen und zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Und ich wurde zur NVA eingezogen.

Grausame U-Haft

Als ich 18 Monaten später aus der Armee entlassen wurde, entschloss ich mich ein Jahr später zu einem neuen Fluchtversuch. Diesmal mit meinem jüngeren, gerade 18 Jahre alten Bruder. Wir schafften es 1977 bis nach Ungarn. Doch auf den Feldern nahe der Grenze haben uns Bauern an die ungarischen Grenzer verraten. Wir kamen via Budapest und Ost-Berlin nach Erfurt in Untersuchungshaft der Staatssicherheit. Bis auf die letzten zwei Wochen vor dem Freikauf waren wir die komplette Zeit der Haft getrennt.

Die U-Haft war grausam. In Budapest vier Wochen Einzelhaft, dann weitere acht Wochen Einzelhaft in Erfurt bei der Grundvernehmung. Zellen ohne richtige Fenster, dann drei Mann in einer Zelle von der Größe meines heutigen Badezimmers, Eisenbetten wie die von der Armee. Doch ich hatte die NVA überstanden, dann würde ich auch das hier überstehen. Bei meinem jüngeren Bruder war ich mir da später nicht mehr so sicher.

Zwar war uns klar, dass die uns irgendwann aus dem Gefängnis und aus diesem Staat entlassen mussten. Schließlich wussten sie, dass wir ein Bazillus sind, wenn wir je wieder zurück in unsere Heimatstadt kommen würden. Wir würden so viel Unfrieden stiften, dass es besser ist, uns ausreisen zu lassen. Deswegen beschränkte sich das Drohpotenzial der Stasi auf Haftverlängerung und dass wir nicht mehr als politische, sondern als kriminelle Häftlinge beurteilt und behandelt würden. Doch die Zeit in der U-Haft war lang. Sehr lang.

Zäher Zeitbrei

Ich erlebte die Einzelhaft anfangs sogar positiv, denn wenn man sich eine Toilette, die in einer Ecke, nach allen Seiten offen, teilen muss, wie später in der Drei-Mann-Zelle, dann ist das furchtbar. Wir wollten ja unsere Würde bewahren. Schließlich lässt sich die Scham nie überwinden. Manchmal bin ich drei Tage nicht aufs Klo gegangen. Andere bekamen einen Koller und hauten unentwegt mit dem Kopf gegen die Wand, um wenigstens den Schmerz noch spüren zu können.

Die Uhr tickt in der Einzelhaft in Zeitlupe, alles wird zu einem zähen Zeitbrei. Je mehr man über die Zeit, die verlorene Zeit nachdachte, umso langsamer verging sie. In der Monotonie vergaß man sich selbst, wie und wer man einmal gewesen war. Unweigerlich gerät man ins Grübeln und das löst Angst aus. Manchmal habe ich damals mein Spiegelbild nicht mehr erkannt, weil ich so voller Unwohlsein und Angst war. Ich fühlte mich nur noch wie ein Haufen Biomasse mit einem blubbernden Kürbis oben drauf.

Mein Denken und Empfinden veränderte sich: Einen Tag war meine Zelle ganz groß, den nächsten ganz eng und ich konnte daran verzweifeln. Wenn es einem verboten ist, Blumen zu riechen, die Wolken zu sehen, den Regen zu spüren, durch den Park zu laufen, dann bleibt einem nur eins: Sie können dir deine Gedanken nicht nehmen.

Das Riechen konnten sie mir auch nicht nehmen, also habe ich den ganzen Tag an der Zelle rumgeschnüffelt. Es war ein Akt des Widerstandes. Und dann sind da natürlich auch noch die anderen Sinne - und die Bewusstwerdung dessen führte bei mir zu einem Gefühl der Überlegenheit. Ich habe den Wärtern und mir damit gezeigt, dass mir das Rumgeschubse reicht und ich jetzt wirklich selbstbestimmt lebe.

Ich teilte die Zeit in überstehbare Abschnitte ein, dachte mir Spiele aus, machte mir aus Brotkrumen ein Mühlespiel, das ich dann gegen mich selbst spielte. Außerdem gab es jede Woche zwei Bücher. Ich verschlang alles. Wenn ich langsam las, dann hatte ich nach zwei Tagen beide ausgelesen. Blieben noch fünf Tage ohne Bücher. Um Himmels Willen! Das war kaum auszuhalten. Dann fiel mir ein, dass ich als Pfarrerssohn Anspruch auf eine Bibel hatte. 800 Seiten Buch! Das war eine Erleichterung - und mein Bollwerk gegen den Zeitbrei.

Laufen in der Zelle

Als ich in der U-Haft dann aus der Einzelhaft in eine Dreier-Zelle verlegt wurde, wurde es etwas besser. Wir konnten Schach spielen. Aber sie versuchten es immer wieder mit Erpressung: Hafterleichterung oder gar Entlassung, wenn ich die Namen meiner Freunde aufschreiben würde. Ich schrieb alle meine Klassenkameraden auf, danach alle meine Armeekameraden. Der Stasi-Mann wurde nervös und versuchte erneut mich zu erpressen: Wenn ich nicht kooperieren würde, dann würde er mir meine Zigaretten entziehen. Also hörte ich sogar selbständig auf zu rauchen, als Gegenwehr. Ohne Entzugserscheinungen, weil das Glücksgefühl überwog, mich durchgesetzt zu haben.

Und als mir dann ein Mitgefangener eine spezielle Art des Laufens beibrachte, wurde das zur Erlösung: Eins, zwei, drei, vier Schritte auf dem Gang zwischen den Betten, dann umdrehen und wieder eins, zwei, drei, vier Schritte zur Zellentür. Irgendwann brachte es mich in eine Art Trance, mit der ich mir einbildete, durch einen Wald zu laufen. Gedanklich war ich jedenfalls nicht mehr in der Zelle. Auch meine beiden Mitgefangenen in der Zelle praktizierten dieses meditative Laufen. Während dieses Laufs sprach niemand den anderen an. Bis man sich wieder an den Tisch setzte und sagte: 'Ich bin wieder da.' So haben wir unbewusst eine uralte Art der Meditation praktiziert.

Dann wurde ich zu 22 Monaten verurteilt und ins Zuchthaus nach Cottbus verlegt. Das Zuchthaus war gegen die Stasi-U-Haft in Erfurt in manchen Dingen fast eine Erleichterung: Endlich konnte man arbeiten, hatte mit mehreren Leuten Kontakt und konnte auch die Bücher der Zellengenossen lesen. Trotzdem bedeutete ein Zuchthaus im Osten: Gefängnis plus unmenschliche Behandlung, abermals Wochen der Dunkelhaft und eineinhalb Jahre nur Kraut mit Kartoffeln. Aus heutiger Sicht war das Folter.

Ikarus und Daedalus

Ich sah uns drei Brüder wie berühmte Figuren aus der griechischen Mythologie: Ich war erst Ikarus, mein älterer Bruder Daedalus. Und der ließ mich im Stich. Dann wurde ich meinem kleinen Bruder gegenüber zum Daedalus. Er zum Ikarus. Und als Daedalus war ich in Verantwortung. Die habe ich immer für ihn gespürt und getragen. Nie hätte ich mir verzeihen können, wenn er zu hoch geflogen und deshalb abgestürzt wäre. Doch dann eine Krise; war es zu schwer für ihn, ist er zu hoch geflogen?

Das befürchtete ich, als er sich das Leben nehmen wollte. RT, der Rote Terror, so nannten wir einen Aufpasser, hatte meinen Bruder wegen Renitenz und Aufmüpfigkeit auf dem Kieker und drangsalierte ihn, wo er konnte. Er war ein unberechenbarer Sadist, der uns Gefangene unvermittelt mit seinem Schlüsselbund quer durchs Gesicht schlug.

Mein Bruder wurde von diesem Menschen acht Wochen allein in eine kalte, feuchte Kellerzelle ohne Licht gesperrt, die unter den Häftlingen auch Tigerkäfig genannt wurde. Da gab es kein Bett, kein Stuhl, die Pritsche wurde tagsüber hochgeschlossen und abends einen Teller Suppe und nur eine Scheibe Brot, für die Nacht eine dünne Decke. Er war weg von den anderen. Abgesondert, weil er zu RT 'Du dumme Sau' gesagt hatte.

RT und die Stasi-Leute wussten, was sie tun: Sie versuchten, uns zu entmenschlichen. Ich glaube, dass man Einzelhaft nur ein paar Wochen durchsteht. Und das auch nur, wenn man psychisch einigermaßen kräftig ist. Dann ist spürbare Solidarität gefragt. Wir politischen Gefangenen fanden einen Weg, meinem Bruder zu helfen: Über einen Kalfaktor, also einer Hilfskraft der Wärter, der sich aus den Reihen der Gefangenen rekrutierte, verschafften wir ihm ausreichend Essen. Mehr als die Scheibe Brot und den Teller Suppe, die er als heranwachsender 18-Jähriger lediglich bekam. Obwohl er allein in der Zelle schmorte, fühlte er sich mit dieser Geste nicht mehr einsam. Als er wieder hochkam, sagte er zu dem Schließer RT: 'Du kriegst mich nicht klein.' Daraufhin wanderte er wieder runter. Aber er ließ sich nicht brechen.

Für mich waren die Leute der Staatssicherheit handverlesen schlechte Menschen. Deshalb ist der Film 'Das Leben der Anderen' auch so falsch, wo sich ein Stasi-Mann zu einem guten Menschen wandelte. Mein Bruder und ich haben die Stasi als das abgrundtief Böse erlebt.

Ohne Lüge leben

Wie verändert einen die Zelle? Man bekommt einen Schaden, aber man kann damit leben. Ich explodiere heute noch, wenn eine Tür vor mir geschlossen wird oder ich schroff zurückgewiesen werde. Ich muss mir dann sagen, dass ich das jetzt nicht persönlich nehmen darf und dass das jetzt auch kein Knast mehr ist. Dann geht das. Damals in der Zelle schwor ich mir Wahrhaftigkeit: ohne Lüge leben. Das nervt meine Umwelt oft noch heute, aber das war nun einmal mein Schwur.

Dieser Unrechtsstaat hatte mir einen Großteil meiner Jugend geklaut. Im Zuchthaus wurde ich erwachsen. Vom Kind zum Mann. Ich weiß nicht, wie andere ihre Zeit in der Haft und speziell die Einzelhaft empfunden haben. Ich rede nicht gerne über diese Zeit. Ich musste lernen, mit dieser Kerbe in meiner Seele zu leben."

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Christian J. Th. Koch, lebt heute als EDV-Spezialist in München und hat ein Buch über seine Erlebnisse im Zuchthaus verfasst: "Ohne Lüge leben." Verlag Komplett-Media. 19,95 Euro

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