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Gescheiterte Republikflucht:Zäher Zeitbrei

Ich erlebte die Einzelhaft anfangs sogar positiv, denn wenn man sich eine Toilette, die in einer Ecke, nach allen Seiten offen, teilen muss, wie später in der Drei-Mann-Zelle, dann ist das furchtbar. Wir wollten ja unsere Würde bewahren. Schließlich lässt sich die Scham nie überwinden. Manchmal bin ich drei Tage nicht aufs Klo gegangen. Andere bekamen einen Koller und hauten unentwegt mit dem Kopf gegen die Wand, um wenigstens den Schmerz noch spüren zu können.

Die Uhr tickt in der Einzelhaft in Zeitlupe, alles wird zu einem zähen Zeitbrei. Je mehr man über die Zeit, die verlorene Zeit nachdachte, umso langsamer verging sie. In der Monotonie vergaß man sich selbst, wie und wer man einmal gewesen war. Unweigerlich gerät man ins Grübeln und das löst Angst aus. Manchmal habe ich damals mein Spiegelbild nicht mehr erkannt, weil ich so voller Unwohlsein und Angst war. Ich fühlte mich nur noch wie ein Haufen Biomasse mit einem blubbernden Kürbis oben drauf.

Christian J.Th. Koch

Tür zu Christian J. Th. Kochs Einzelzelle in Erfurt: Die Uhr tickt in der Einzelhaft in Zeitlupe, alles wird zu einem zähen Zeitbrei

(Foto: Christian J.Th. Koch)

Mein Denken und Empfinden veränderte sich: Einen Tag war meine Zelle ganz groß, den nächsten ganz eng und ich konnte daran verzweifeln. Wenn es einem verboten ist, Blumen zu riechen, die Wolken zu sehen, den Regen zu spüren, durch den Park zu laufen, dann bleibt einem nur eins: Sie können dir deine Gedanken nicht nehmen.

Das Riechen konnten sie mir auch nicht nehmen, also habe ich den ganzen Tag an der Zelle rumgeschnüffelt. Es war ein Akt des Widerstandes. Und dann sind da natürlich auch noch die anderen Sinne - und die Bewusstwerdung dessen führte bei mir zu einem Gefühl der Überlegenheit. Ich habe den Wärtern und mir damit gezeigt, dass mir das Rumgeschubse reicht und ich jetzt wirklich selbstbestimmt lebe.

Ich teilte die Zeit in überstehbare Abschnitte ein, dachte mir Spiele aus, machte mir aus Brotkrumen ein Mühlespiel, das ich dann gegen mich selbst spielte. Außerdem gab es jede Woche zwei Bücher. Ich verschlang alles. Wenn ich langsam las, dann hatte ich nach zwei Tagen beide ausgelesen. Blieben noch fünf Tage ohne Bücher. Um Himmels Willen! Das war kaum auszuhalten. Dann fiel mir ein, dass ich als Pfarrerssohn Anspruch auf eine Bibel hatte. 800 Seiten Buch! Das war eine Erleichterung - und mein Bollwerk gegen den Zeitbrei.