Gescheiterte Republikflucht 95 Prozent der Fluchtversuche scheiterten

1974 hatte ich mich erstmals zur Flucht entschlossen. Ich wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, dass das klappt, sehr gering war: 95 Prozent der Republikflüchtlinge wurden gefasst und ins Zuchthaus gesteckt. Meine zwei Brüder und ich gehörten zu den 95 Prozent.

Den Zeitpunkt für unsere 'Republikflucht' hatten wir sorgfältig gewählt. Mein älterer Bruder hatte gerade sein Abitur, ich meine Lehre beendet. Wir standen beide kurz davor, gemustert zu werden. Hätten wir den Bescheid schon bekommen und wären dann erst geflohen, hätten uns drakonische Strafen gedroht, weil wir dann schon unter Armeerecht gefallen und quasi desertiert wären. Man war dann kein einfacher Republikflüchtling mehr. Aber Unvorstellbares passierte: Mein großer Bruder ließ mich sitzen und unternahm den Fluchtversuch allein. Er sagte nicht mal Bescheid. Während ich noch auf ein Startsignal von ihm wartete, bekam ich den befürchteten Einberufungsbefehl.

Damit war mein erster Fluchtplan zunächst gescheitert. Mein großer Bruder wurde auf der Flucht festgenommen und zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt. Und ich wurde zur NVA eingezogen.

Grausame U-Haft

Als ich 18 Monaten später aus der Armee entlassen wurde, entschloss ich mich ein Jahr später zu einem neuen Fluchtversuch. Diesmal mit meinem jüngeren, gerade 18 Jahre alten Bruder. Wir schafften es 1977 bis nach Ungarn. Doch auf den Feldern nahe der Grenze haben uns Bauern an die ungarischen Grenzer verraten. Wir kamen via Budapest und Ost-Berlin nach Erfurt in Untersuchungshaft der Staatssicherheit. Bis auf die letzten zwei Wochen vor dem Freikauf waren wir die komplette Zeit der Haft getrennt.

Die U-Haft war grausam. In Budapest vier Wochen Einzelhaft, dann weitere acht Wochen Einzelhaft in Erfurt bei der Grundvernehmung. Zellen ohne richtige Fenster, dann drei Mann in einer Zelle von der Größe meines heutigen Badezimmers, Eisenbetten wie die von der Armee. Doch ich hatte die NVA überstanden, dann würde ich auch das hier überstehen. Bei meinem jüngeren Bruder war ich mir da später nicht mehr so sicher.

Zwar war uns klar, dass die uns irgendwann aus dem Gefängnis und aus diesem Staat entlassen mussten. Schließlich wussten sie, dass wir ein Bazillus sind, wenn wir je wieder zurück in unsere Heimatstadt kommen würden. Wir würden so viel Unfrieden stiften, dass es besser ist, uns ausreisen zu lassen. Deswegen beschränkte sich das Drohpotenzial der Stasi auf Haftverlängerung und dass wir nicht mehr als politische, sondern als kriminelle Häftlinge beurteilt und behandelt würden. Doch die Zeit in der U-Haft war lang. Sehr lang.