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Gauck-Nachfolge:So platzte Merkels Coup mit Marianne Birthler

German Chancellor Merkel looks on during a joint news conference with Spain's Prime Minister Rajoy at the chancellery in Berlin

Die Absage von Marianne Birthler dürfte einer der unangenehmsten Anrufe in Angela Merkels politischem Leben gewesen sein.

(Foto: REUTERS)

Die frühere Leiterin der Stasi-Unterlagenbehörde war der letzte Trumpf der Kanzlerin. Das Protokoll der gescheiterten Suche nach einem schwarz-grünen Bundespräsidenten.

Angela Merkel ist das elfte Jahr Kanzlerin, die Frau hat einige Enttäuschungen erlebt. Aber dieser Anruf dürfte einer der unangenehmsten in ihrem gesamten politischen Leben sein.

Es ist Sonntag, der 13. November. Für 15 Uhr ist das entscheidende Treffen Merkels mit den Chefs von SPD und CSU zur Nachfolge von Joachim Gauck vereinbart. SPD-Chef Sigmar Gabriel ist mit seinem Vorstoß für Frank-Walter Steinmeier in der Offensive. Die Kanzlerin hat nur noch einen Trumpf in der Hand, mit dem sie die Wahl Steinmeiers zum Bundespräsidenten verhindern kann: eine Überraschungskandidatin, mit der sie die Wende im Poker um das höchste Staatsamt erzwingen will.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt hat sich Merkel bereits der Unterstützung der Grünen versichert, zusammen mit ihnen hat die Union die Mehrheit in der Bundesversammlung. Doch dann ruft die Frau kurz vor dem Beginn des Parteivorsitzenden-Gesprächs bei der Kanzlerin an - und sagt ab. Merkel steht plötzlich ohne Bewerber da und muss Steinmeier akzeptieren. Schlimmer hätte es für die CDU-Chefin kaum laufen können.

Wie konnte das passieren? Und wer ist die Frau, die in den vielen Wochen der Berichterstattung über mögliche Gauck-Nachfolger nie im Rampenlicht stand?

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Schon einmal folgte Birthler Gauck nach

In dieser erstaunlichen Geschichte geht es um Marianne Birthler. Die heute 68-Jährige wurde als Bürgerrechtlerin in der DDR bekannt. Nach der Wende landete sie schnell bei Bündnis 90/Die Grünen. Von 1990 bis 1992 war sie Bildungsministerin in Brandenburg, von 2000 bis 2011 leitete sie als Nachfolgerin Gaucks die Stasi-Unterlagenbehörde. Danach wurde es eher still um Birthler - sie ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt. Wie kann so jemand der letzte Trumpf der Kanzlerin werden?

In der CDU haben sie lange gehofft, Norbert Lammert würde sich doch noch zu einer Kandidatur für die Gauck-Nachfolge überreden lassen. Doch spätestens am 6. November ist Merkel und Seehofer klar, dass sich der Bundestagspräsident nicht mehr umstimmen lassen wird. Am 7. November nimmt Lammert an der morgendlichen Sitzung des CDU-Präsidiums teil und kann sich dort das allgemeine Bedauern über seine Absage anhören.

Bereits in dieser Sitzung sagen einige CDU-Granden, unter ihnen die stellvertretenden Parteichefs Volker Bouffier und Armin Laschet, die CDU solle nicht um jeden Preis einen Unionskandidaten aufstellen; das Risiko, gegen Steinmeier zu verlieren, sei zu groß. Die beiden letzten möglichen CDU-Kandidaten in der politischen Liga Steinmeiers, Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen, scheint Merkel nicht zu einer Kandidatur drängen zu wollen. Sie braucht beide als Führungsreserve. Außerdem hätte zumindest Schäuble kaum eine Chance, Steinmeier in der Bundesversammlung zu bezwingen.