Friedensnobelpreis:Russlands letzte unabhängige Stimme

Dmitry Muratov

Dmitrij Muratow, Chefredakteur der "Nowaya Gaseta", erhält den Friedensnobelpreis nur einen Tag nachdem sich der Mord an Anna Politkowskaja zum 15. Mal jährt.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Sechs seiner Mitstreiter bei der "Nowaja Gaseta" wurden ermordet, auch Chefredakteur Dmitrij Muratow lebt gefährlich. Dass seine kritische Zeitung überhaupt noch existiert, grenzt an ein Wunder. Den Friedensnobelpreis widmet er den toten Kollegen.

Von Silke Bigalke, Moskau

Dmitrij Muratow ist erst nicht ans Telefon gegangen, als der Anruf aus Norwegen kam. Der Journalist hielt ihn für Spam, für einen der in Russland so häufigen Werbeanrufe. Als ihn dann doch die Nachricht erreichte, dass er den Friedensnobelpreis gewonnen hat, widmete Muratow ihn sogleich seinen ermordeten Kollegen bei der Nowaja Gaseta, darunter Anna Politkowskaja, Jurij Schtschekotschichin, Igor Domnikow - "diese Leute haben heute den Nobelpreis bekommen", schrieb er in einer ersten Reaktion.

Die Nowaja Gaseta ist seine Zeitung, Dmitrij Muratow hat sie 1993 gemeinsam mit Kollegen gegründet. Dass sie über die Jahrzehnte stets unabhängig geblieben ist, grenzt in Russland an ein kleines Wunder. Fast alle einst kritischen Medien sind inzwischen durch kremlnahe Herausgeber und Chefredakteure ihrer Unabhängigkeit beraubt worden. Oder sie mussten aufgeben, weil sie sich unter dem ständig wachsenden Druck nicht mehr finanzieren konnten.

Die Nowaja Gaseta gilt vielen Lesern daher längst als die einzige unabhängige Zeitung mit landesweitem Einfluss in Russland. Sie ist bekannt für ihre Recherchen über Menschenrechtsverletzungen und Folter, über Korruption, Geldwäsche und Wahlbetrug. Ihre Redakteure waren von Anfang an nicht nur großem politischen Druck ausgesetzt, sondern oft auch mit Gewalt, körperlichen Angriffen, Vergiftungsversuchen konfrontiert. Sechs Redaktionsmitglieder wurden seit Gründung der Zeitung ermordet.

Der Zeitpunkt für Muratows Auszeichnung ist daher sicher kein Zufall: Das norwegische Nobelkomitee verkündete sie nur einen Tag nachdem sich der Mord an Anna Politkowskaja zum 15. Mal jährte. Ein Todeskommando aus Tschetschenien hatte die Journalistin 2006 im Aufzug ihres Wohnhauses erschossen. Politkowskaja hatte Artikel und Bücher über den Tschetschenienkrieg veröffentlicht, die besonders grausame Menschenrechtsverletzungen anprangerten. Ihre Kollegen bei der Nowaja Gaseta versuchten jahrelang vergeblich, die Auftraggeber für den Mord zu finden. Nun verjährt die Tat - es sei denn, ein russisches Gericht verlängert die Frist.

Ob Putin noch persönlich gratuliert, weiß der Kreml-Sprecher nicht

Auch die anderen Redakteure, die Muratow nennt, waren für ihre journalistische Arbeit bekannt: Igor Domnikow, der ebenfalls kritisch über den Tschetschenienkrieg berichtet hatte, wurde 2000 von einem Unbekannten erschlagen. Juri Schtschekotschichin starb 2003 plötzlich mit Vergiftungssymptomen. Er hatte zuvor über den russischen Geheimdienst FSB recherchiert. Die Liste geht weiter.

Chefredakteur Muratow hat häufig kämpfen müssen für das Bestehen seiner Redaktion, die Freiheit seiner Kollegen. Er selbst hat bereits während seines Philologiestudiums in Moskau für lokale Zeitungen und später für die landesweite Komsomolskaja Prawda geschrieben. Als er vor 28 Jahren die Nowaja Gaseta mitgründete, half ausgerechnet ein weiterer Friedensnobelpreisträger aus: Der frühere Präsident der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, spendete der jungen Zeitung damals ihre ersten Computer. Er soll dafür das Preisgeld aus Oslo verwendet haben.

Heute ist die Situation für unabhängige Journalisten noch schwieriger als damals. Kritische Medien werden zu "ausländischen Agenten" erklären, was ihre Arbeit oft unmöglich macht. "Wir werden versuchen, Menschen zu helfen, die jetzt als Agenten gelten, die jetzt gemobbt, aus dem Land ausgewiesen werden ", sagte Muratow am Freitag dem Telegram-Kanal Podjom.

Muratow ist 59 Jahre alt, 2017 wollte er sich nach 22 Jahren als Chefredakteur eigentlich langfristig zurückziehen. Doch schon 2019 holte ihn seine Redaktion per Abstimmung zurück. Der Kreml gratulierte dem Friedensnobelpreisträger mit distanzierter Gelassenheit: Muratow "arbeitet konsequent im Einklang mit seinen Idealen", sagte Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow. "Er ist talentvoll, er ist tapfer." Und Peskow sagte noch: Ob Präsident Wladimir Putin dem Preisträger auch persönlich gratulieren werde, könne er nicht sagen.

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