"Fire and Fury" von Michael Wolff:Trump vertraut der eigenen Expertise - egal, wie dürftig sie ist

Es kam bekanntermaßen anders. Wolff beschreibt das vielleicht größte Defizit des aktuell mächtigsten Mannes der USA so: "Er las nicht nur nicht, er hörte auch nicht zu. Er bevorzugte es, die Person zu sein, die redete. Und er vertraute seiner eigenen Expertise - egal, wie dürftig oder irrelevant sie war - mehr als der jeder anderen Person." Es sei nahezu unmöglich, dem Präsidenten Informationen zu vermitteln, Daten, Details, Optionen, Analysen. "Er war stolz darauf, (...) sich niemals Notizen zu machen - er stand einfach auf und verließ den Raum." Trump wolle nicht belehrt, sondern unterhalten werden, so Wolff.

Man kann sich am Ende des Buchs des Gefühls nicht erwehren, dass auch Autor Michael Wolff einen gewissen Gefallen gefunden hat an der Reality-Show im Weißen Haus. Am politischen Ränkespiel, am Power-Schach mit echten Personen.

Das öffentliche Zerwürfnis zwischen Trump und seinem ehemaligen Chef-Strategen Bannon, nachdem bekannt geworden war, wie offen und schonungslos dieser seine Zeit im Weißen Haus gegenüber Wolff reflektiert hatte, kommentierte der Journalist in einem Interview mit dem Nachrichtenradio NPR so: "Ich würde mein Geld gerade auf Steve Bannon setzen, nicht auf Donald Trump." Bannon habe noch mehrere politische Leben in sich. Wolff sagte dies bereits in dem Wissen, dass sich Bannons langjährige Förderin und Geldgeberin Rebekah Mercer kurz zuvor öffentlich von ihm losgesagt hatte.

Wie nahe der Reporter dem rechten Vordenker Bannon wirklich kam, welches Wissen er den Lesern seines Buches möglicherweise vorenthält, sei dahingestellt. Sicher ist: Wer in einer Welt, in der Trump Präsident ist, mit einem Buch für eine mediale Hysterie sorgt, der hat nicht nur beobachtet, sondern auch gelernt. Dank der brisanten Vorab-Veröffentlichungen führt das Buch nicht einmal 24 Stunden nach Erscheinen die Amazon-Kindle-Charts an. In einem Washingtoner Buchladen war "Fire and Fury" nach zwanzig Minuten ausverkauft - und das, obwohl das Geschäft erst um Mitternacht mit dem Verkauf begonnen hatte und die amerikanische Ostküste seit Tagen von einer Kältewelle mit zweistelligen Minusgraden geplagt wird.

Wie Bannon vom Scaramucci-Interview erfuhr

Mancher Leser könnte am Ende enttäuscht sein, dass die Bannon-Zitate über das Treffen von Trump-Sohn Donald Jr. und Trump-Schwiegersohn Jared Kushner mit einer russischen Anwältin während des Wahlkampfs tatsächlich das Highlight sind. Zumindest wenn es um die Relevanz der berichteten Einblicke ins Oval Office geht. An unterhaltsamen Anekdoten mangelt es "Fire and Fury" dagegen nicht.

So beschreibt Wolff unter anderem, wie Bannon seinerzeit von jenem verhängnisvollen Interview des damaligen Kommunikationsdirektors Anthony Scaramucci Wind bekam. Scaramucci lästerte gegenüber einem Reporter des New Yorker über Bannon und sorgte ausnahmsweise selbst dafür, dass seine Karriere im Weißen Hauses die (bisher) kürzeste war. "Bannon erfuhr von dem Artikel, als die Fakten-Checker des Magazins ihn anriefen und um eine Stellungnahme zu Scaramuccis Anschuldigung baten, Bannon lutsche an seinem eigenen Schwanz."

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