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Europa-Recherche in der Ukraine:Dann kamen die Toten und der Krieg

Europa-Recherche Sie glauben an Europa, aber nicht an seine Regeln
Die Recherche

Interview über junge Ukrainer

Sie glauben an Europa, aber nicht an seine Regeln

Junge Ukrainer sind bereit, für Europa zu sterben - nicht jedoch, nach seinen Regeln zu leben, sagt der ukrainische Philosoph Volodymyr Yermolenko im Interview. Trotzdem könne die Europäische Union viel von ihnen lernen.   Von Hannah Beitzer, Kiew

Die Utopie von der Mini-Republik währte drei Monate, in denen mehr und mehr Ukrainer - alte, junge, aus allen Teilen des Landes, Menschen verschiedenster, auch fragwürdiger politischer Strömungen - sich den Studenten anschlossen. Dann kamen die Zusammenstöße mit der Polizei, die Toten, schließlich die Revolution, die das Land an den Rand eines Bürgerkriegs trieb. Und die Gewissheit: Der Maidan ist nicht die Ukraine. Er ist schlicht ein Platz, auf dem sich eine Zeitlang Gleichgesinnte versammelten.

Heute fühlt es sich seltsam an, im relativ ruhigen Kiew über die europäische Idee zu reden, während im Osten der Ukraine prorussische Demonstranten und Separatisten gegen jene Übergangsregierung kämpfen, der die Aktivisten vom Euromaidan zur Macht verhalfen. Für die Maidan-Anhänger sind die Ostukrainer Opfer russischer Propaganda. Alya Shandra und andere Aktivisten denken: Das Moskauer Staatsfernsehen sei schuld, dass viele von ihnen glaubten, Europa sei ein dekadenter, verweichlichter Kontinent, auf dem - Gott bewahre! - Schwule und Arbeitslose das Sagen hätten.

Aber es ist mehr als das. Die Menschen, die im Osten die prorussischen Separatisten unterstützen, wollen das sowjetische Erbe gar nicht unbedingt loswerden. Zu Sowjetzeiten war die Ostukraine immerhin eine stolze Region, ein wirtschaftliches Zentrum. Viele dort fühlen sich Russland mehr verbunden als Europa, die Wirtschaftsbeziehungen sind eng. Sie fürchten, dass die prowestliche Regierung in Kiew ihrer Heimat, die bereits viel von ihrem einstigen Glanz eingebüßt hat, schaden wird. Außerdem glauben viele der von russischen Medien verbreiteten Behauptung, die Maidan-Bewegung und die Übergangsregierung seien faschistisch.

Die wenigsten Ostukrainer sind tatsächlich für eine Spaltung der Ukraine, jedenfalls legen diesen Schluss Umfragen kurz vor dem umstrittenen Referendum nahe. (Mehr zu der Volksabstimmung in der Ostukraine erfahren Sie hier.) Sie gehen auch nicht so zahlreich auf die Straße wie die Anhänger des Maidan. Sie wollen vor allem, dass wieder Ruhe einkehrt. Die Vorstellung von einem "starken Mann" aus Moskau, der diese Ruhe schafft, mag für die Kiewer Studentin Julia Kolotniuk befremdlich, überholt sein. Aber nicht für alle ihrer Landsleute.

Was in der Ukraine passiert, ist ein Generationenkonflikt, ein Ost-West-Konflikt. Aber auch ein Konflikt zwischen jenen, die eine Chance auf Selbstverwirklichung haben und nutzen wollen und jenen, die Angst haben, dass sie im Veränderungsprozess abgehängt werden. Die Spaltung, die alle Ukrainer fürchten, ist längst da, in den Köpfen.

Odessa Trade Union Building fire

Als das Gewerkschaftshaus in Odessa brennt, sterben Dutzende Menschen.

(Foto: dpa)

Der Krieg ist nah

In Kiew hängen in diesen Tagen Zweifel und Misstrauen wie schlechter Geruch in der Luft. An einem Abend auf dem Maidan zum Beispiel: Plötzlich gibt es ein Gerangel, die Menschen laufen zum Postamt, es knallt, hektisch werfen sich die Männer in Tarnkleidung Reifen und Säcke zu, um die Barrikaden um den Platz wieder hochzuziehen. Ein Kommandeur der Selbstverteidigungskräfte schreit: "Frauen und Kinder sofort in die U-Bahn." Zwei Jungs, die am Abend vorher noch in der Lobby des Hotel Ukraina Helme mit Blümchen bemalt haben, so sorgfältig, als verzierten sie Porzellan, rennen mit selbstgebastelten Schlagstöcke in der Hand auf den Platz. Was ist hier los? "Na, Krieg", sagt der eine.

Es ist kein Krieg, sondern nur eine Schlägerei. Ein paar Dutzend Menschen mit Fackeln und Naziflaggen wollten auf den Maidan marschieren, die Selbstverteidigungskräfte ließen sie nicht durch. Sie haben Angst vor "Provokateuren aus dem Osten", seit Tagen kursieren Gerüchte im Internet, dass russische Spezialkräfte nach Kiew gereist sind, um für Unruhe zu sorgen. Auch Julia Korotniuk kennt die Zweifel und die Angst. Als auf dem Maidan Dutzende Menschen starben, half sie im Postamt, das direkt am Platz steht, Verletzte zu versorgen.

Julia: Überall war Blut. Ich sah einen Jungen, 18 Jahre oder so. Er war tot. Früher habe ich immer im Postamt meine Briefmarken gekauft, jetzt kann ich da nicht mehr hin. Diese Nacht hat sich wie ein Loch in mein Herz gebrannt. Manchmal frage ich mich: Haben wir irgendwas erreicht? Oder ging es nur darum, drei Monate hier zu stehen und dann Leute sterben zu sehen?

Olena: Wenn wir nicht verstehen, dass uns niemand helfen kann, außer wir selbst - dann können wir es auch gleich lassen. Vielleicht sind wir an einem Punkt, wo nur noch Gewalt hilft. Das ist die einzige Sprache, die die Separatisten verstehen.

Wie das aber angesichts der militärischen Übermacht der Russen und dem Misstrauen in der ostukrainischen Bevölkerung aussehen soll, das weiß sie auch nicht besser als jene Politiker, die seit Monaten vergeblich eine Lösung suchen. Dass sich ihr Land verändern könnte, "europäisch werden", scheint gerade nicht wahrscheinlich. Und auf die Hilfe des real existierenden Europa will sich hier auch keiner verlassen. Einige Tage nach dem Gespräch mit Julia Korotniuk und Olena Gordijenko brennt in Odessa das Gewerkschaftshaus, abermals sterben Dutzende Menschen. Und wofür das alles? Darauf wissen die Studentinnen keine Antwort.

Julia: Wir haben nach Europa geschaut und sind dabei über unser eigenes Land gefallen ...

Der Blick nach Europa war Anstoß und Motivation für sie, etwas verändern zu wollen. Doch im Moment sind die Schmerzen größer, die der Blick ins eigene, gespaltene Land ihr bereitet.

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