Rechter Sektor in der Ukraine Wölfe im Schafspelz

Nationalistenführer Dmitrij Jarosch (mitte, während des Umsturzes auf dem Maidan in Kiew) schwört Rache

(Foto: REUTERS)

Mit Unbehagen beobachtet der Westen die ultranationalistischen Kräfte in der Ukraine. Nachdem ein rechter Milizenführer getötet wurde, schäumt der Rechte Sektor. Die Rechtsradikalen, die maßgeblich an der Revolution in Kiew beteiligt waren, schwören Rache.

Von Cathrin Kahlweit

Es gibt im Wesentlichen zwei Versionen, wie Alexander Musytschko, auch genannt der "weiße Sascha", gestorben sein soll: Der ukrainische Innenminister habe befohlen, ihn ermorden zu lassen, sagt der Prawij Sektor, ein Zusammenschluss ultranationalistischer Gruppen, der Musytschko als Helden der nationalen Sache betrachtet. Das Ministerium stellt es anders dar: Der bewaffnete Aktivist habe sich einer Polizeikontrolle widersetzt und sei bei einem von ihm selbst eröffneten Schusswechsel umgekommen.

Der Rechte Sektor schäumt. Man könne "die konterrevolutionäre Tätigkeit des Innenministers nicht stillschweigend beobachten", lässt deren Anführer, Dimitrij Jarosch wissen, und fordert den Rücktritt von Minister Arsenij Awakow wegen "Mordes". Der wiederum hat am Mittwoch angekündigt, dass alle "Banden", die ihre Waffen bisher nicht freiwillig abgegeben hätten, von jetzt an als "illegal" gälten. Man werde "hart durchgreifen".

Das ist eine Kriegserklärung an die Nationalisten - denn gerade der getötete frühere Tschetschenienkämpfer Alexander Musytschko hatte bis zuletzt ostentativ darauf bestanden, seine Kalaschnikow überall tragen zu dürfen. Die Regierung hatte dem weißen Sascha - einem gewalttätigen Kleinkriminellen mit Allmachtsphantasien, der in der Westukraine die Aktivitäten des Prawij Sektor organisierte - kürzlich mit Festnahme gedroht. Woraufhin der gekontert hatte, er werde Awakow "aufhängen wie einen Hund".

Der Prawij Sektor spielte eine wesentliche Rolle auf dem Maidan

Der Anführer der Nationalisten, Dmitrij Jarosch, hat die Kriegserklärung der Gegenseite angenommen und Rache geschworen. Das erschwert indes seine Bemühungen, sich im Parteienspektrum vor der Präsidentschaftswahl als rechte, aber nicht rechtsradikale Kraft zu positionieren. All jene, die Jarosch und seine erst kürzlich von einer paramilitärischen Miliz zu einer offiziellen Partei mutierte Truppe schon lange für Wölfe im Schafspelz gehalten haben, fühlen sich bestätigt.

Der Prawij Sektor hatte eine wesentliche Rolle auf dem Maidan gespielt und die Barrikaden mit Waffen gegen die Polizeieinheiten von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch verteidigt. Weil ihm das Triumvirat der drei Oppositionspolitiker - Vitali Klitschko, dem mittlerweile zum Premier aufgestiegenen Arsenij Jazenjuk und dem ebenfalls stramm rechten Swoboda-Chef Oleg Tjahnybok - zu kompromisslerisch war, lehnte Jarosch den Deal mit Janukowitsch öffentlich ab. Der Rest ist Geschichte: Janukowitsch floh nach Russland, nun ist eine neue Regierung an der Macht.

In der hätte Jarosch gern gesessen, aber man ließ ihn nicht: zu undurchsichtig, zu gefährlich. Der 42-Jährige, der seit 20 Jahren Milizen für den Kampf gegen Russland trainiert und von Moskau per Haftbefehl gesucht wird, gab nach der Erklärung seiner Kandidatur für das Präsidentenamt - für das ihm keinerlei Chancen eingeräumt werden, weil die extreme Rechte selbst in der Westukraine nicht viele Anhänger hat - dem Magazin Newsweek eines seiner seltenen Interviews.

Nationalismus mit rassistischen Untertönen

Er sei kein Faschist und schon gar kein Antisemit, betonte er, nur "Nationalist". Sein Credo sei eine unabhängige, einige Ukraine. Der wahre Faschist sei Wladimir Putin, der die Verfassung und die Meinungsfreiheit mit Füßen trete. Wenn man genau hinhört, hat der Nationalismus des Prawij Sektor allerdings durchaus rassistische Untertöne: Man verteidige die Werte des "weißen, christlichen Europas gegen den Verlust von Nation und Heimat", heißt es in einer Erklärung.

Beunruhigend findet die amtierende Regierung allerdings weniger die krude Ideologie der Truppe als vielmehr ihren Hang zu Waffen und ihre Ablehnung des staatlichen Gewaltmonopols. Zwar muss sich Innenminister Awakow derzeit auch mit entsetzten internationalen Reaktionen auf die Gewaltphantasien der Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko und ihrem Hass auf Putin herumschlagen. Aber der Imageschaden durch Dimitrij Jarosch, der zum Partisanenkampf gegen Russland ruft und einen toten Kämpfer wie Alexander Musytschko zum Märtyrer erklärt, ist ungleich größer.

Und der Prawij Sektor ist nur eine der Formationen, die im Westen mit wachsendem Unwohlsein beobachtet wird: Auch die Swoboda-Partei von Oleg Tjahnybok, die zwei Minister stellt, macht unschöne Schlagzeilen. Tjahnybok selbst, einer der Anführer des politischen Maidan, war einst bekennender Antisemit. Wegen antijüdischer Hetzreden wurde er 2004 sogar aus dem Parlament ausgeschlossen. Seit der Wahl 2012 ist er wieder da, scheinbar geläutert - jedenfalls hat sich der Westukrainer in den vergangenen Monaten gehütet, alte Fehler zu wiederholen.

Ukrainer sehnen sich nach politischen Machern

Die Partei gibt sich jetzt eher systemkritisch und zielt auf Wähler, die das politische Establishment ersetzt sehen wollen. Politikwissenschaftler halten den harten Kern der Demokratiefeinde bei Swoboda für sehr begrenzt. Le Monde Diplomatique beschreibt die Partei in einer ausführlichen Analyse als antisowjetisch und proeuropäisch, radikalkonservativ und fremdenfeindlich.

Die Partei sei in den vergangenen Monaten sehr sichtbar gewesen, habe aber faktisch wenig Einfluss auf die politische Entwicklung gehabt. Genau das könnte ihr jetzt schaden. Denn viele Ukrainer, die mit der Übergangsregierung unzufrieden sind und die Annexion der Krim wie die russische Truppenpräsenz an der Ostgrenze als reale Bedrohung betrachten, suchen jetzt nach radikalen Ansätzen und Machern.

Zwar hatte vergangene Woche ein Swoboda-Abgeordneter einen ukrainischen Senderchef mit Prügel zum Rücktritt gezwungen, weil der die Rede Putins vor der Duma ausgestrahlt hatte; der Swoboda-Mann bezeichnete das als prorussische Propaganda. Darüber aber kann einer wie Jarosch nur lachen. Der wahre Feind, sagt er, stehe 450 Kilometer entfernt, östlich von Donezk.