Krise in der Ukraine Zerfallen in zwei Welten

Polizisten stehen vor dem zerstörten Gewerkschaftshaus in Odessa Wache

(Foto: dpa)

Chaos beherrscht die Ukraine. Viele Menschen finden durch die jüngsten Auseinandersetzungen bestätigt, was ihnen über Wochen eingebläut worden war: Die Junta aus Kiew lässt auf Landsleute schießen. Schafft es die Übergangsregierung nicht, das zu ändern, wird die Spaltung des Landes immer wahrscheinlicher.

Ein Kommentar von Cathrin Kahlweit

Nur ein Wort gibt es für das, was sich in der Ostukraine abspielt: Chaos. Niemand, auch nicht die vorrückenden ukrainischen Truppen oder der Geheimdienst, dürften derzeit genau wissen, wie viele Verletzte und Tote es gibt, wie viele Checkpoints, wie viele besetzte Häuser.

Die bürgerkriegsartigen Zustände in Odessa, wo mehr als 40 Menschen starben, mehr als 200 festgenommen wurden, wo Fußballfans und politische Aktivisten aufeinander losgingen, zeigen das ganze Ausmaß der chaotischen Lage: Die Übergangsregierung in Kiew sagt, prorussische Separatisten hätten angefangen zu schießen, sie seien die Provokateure, auch viele Augenzeugen berichten das.

Die Separatisten wiederum klagen, das Gewerkschaftshaus, in dem Dutzende Menschen starben, sei von proukrainischen Aktivisten angezündet worden. Kiew verspricht eine Untersuchung und beschuldigt die eigene Polizei, bei ihrem Einsatz in Odessa versagt zu haben. Wer soll da noch wissen, wo die konkrete Verantwortung für die Ausschreitungen liegt? Wer muss verhaftet, wer bestraft werden? Und: Ist dies nicht vor allem ein Zeichen dafür, dass mittlerweile beiden Seiten, Separatisten und Unionisten, die Kontrolle über die Ereignisse verloren geht?

Noch lehnt die Mehrheit eine Spaltung des Landes ab

Seitdem die Übergangsregierung versucht, vor der für den 25. Mai geplanten Präsidentschaftswahl Boden gutzumachen, um die Legitimität der Wahl zu sichern und die Durchführung eines regionalen Referendums zu verhindern, wachsen Verunsicherung und Wut in der ostukrainischen Bevölkerung. Viele Menschen finden bestätigt, was ihnen zuvor über Wochen von interessierter Seite eingebläut worden war: Die Junta aus Kiew lässt auf Landsleute schießen.

Zwar will eine Mehrheit noch immer keine Spaltung des Landes. Diese Mehrheit hofft auf Beruhigung, auf bessere Zeiten, auf mehr Lohn und Rente. Nur: Je länger das Chaos im Osten des Landes dauert, desto mehr schrumpft das ohnehin kleine Vertrauen darauf, dass die Zentralregierung die Lage noch in den Griff bekommt.

Ohnehin hatte man im Donbass nie viel Vertrauen in die "Macht" in Kiew; die orangene Revolution und zehn Jahre später der Maidan-Aufstand waren befremdliche Ereignisse, die man aus der Ferne bestaunte und von denen man im Wesentlichen hoffte, sie würden nicht zu viel ökonomischen Schaden anrichten im Zusammenleben mit den russischen Nachbarn und Handelspartnern.

Ex-Präsident Viktor Janukowitsch, ein Mann aus dem Donbass, war einer der ihren gewesen; als er in Kiew regierte, passten die zwei Welten, der russisch geprägte Osten und der europäisch geprägte Westen, in den Augen der Ostukrainer noch zusammen. Doch jetzt regieren dort, und das ist sehr, sehr oft zu hören, "Juden und Handlanger der Amerikaner". Mit denen will man nichts zu tun haben.

Selbst wenn ukrainische Truppen die Ruhe wiederherstellen sollten, was unwahrscheinlich genug ist: Die Entfremdung zwischen den zwei Welten wird nur schwer rückgängig zu machen sein.

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