Orangene Revolution "Er hat alles falsch gemacht"

Der Schriftsteller Andrej Kurkow über zerplatzte Illusionen, die vielen Fehler des Präsidenten und das Erbe der Orangenen Revolution. Mit Audio-Slideshow.

Interview: Matthias Kolb

Vor fünf Jahren begannen in Kiew die Massenproteste gegen die Fälschungen bei der Präsidentschaftswahl, die in der Orangenen Revolution gipfelten. Die Hoffnung, Präsident Viktor Juschtschenko werde für Demokratie und Wohlstand sorgen, wurde enttäuscht. Niemand beschreibt das Chaos des ukrainischen Alltags pointierter als der 48-jährige Schriftsteller Andrej Kurkow. Sein neuer Roman "Der Milchmann in der Nacht" (Diogenes-Verlag) ist soeben erschienen. Ein Gespräch über Korruption, Schönheitswahn und Anarchie.

sueddeutsche.de: Herr Kurkow, in Ihrem neuen Buch vergleichen Sie die Ukraine mit einer alleinstehenden Mutter: "Alle wollen mit ihr schlafen, aber geheiratet wird nicht!" Wer umwirbt die Ukraine?

Andrej Kurkow: Noch vor zwanzig Jahren herrschte bei uns eine sowjetische Polygamie: Es gab einen Vater und 14 Mütter. Russland war natürlich der Mann, um dessen Aufmerksamkeit die 14 anderen Republiken konkurrierten. Die beliebteste Gattin war immer die Ukraine, weil sie groß und schön ist. Außerdem liegt der Ursprung des Russischen Reiches in Kiew.

sueddeutsche.de: Und in den letzten Jahren buhlen auch die Europäer und Amerikaner mit.

Kurkow: Ja, sie versprechen uns viel. Die Leute aus dem Westen kamen und sagten uns, was wir tun müssen, um dazuzugehören. Aber schnell waren sie verschwunden und seit George W. Bush nicht mehr Präsident ist, ändern sich auch die Beziehungen zu den USA. Und keiner hat geglaubt, dass die Europäische Union uns bald als Mitglied akzeptieren würde.

sueddeutsche.de: Sind die Menschen enttäuscht von Europa?

Kurkow: Nein, die Leute sind nicht böse oder unzufrieden. Sie akzeptieren das und beschäftigen sich mit ihren Sachen. Die Jungen setzen weiter auf Europa und gerade in der Westukraine hat sich einiges verbessert: In vielen kleinen Städten regieren Leute, die 35 Jahre alt sind und im Westen studiert haben. Dort gibt es weniger Korruption, die Verwaltung funktioniert und alles läuft zivilisierter als in den großen Städten.

sueddeutsche.de: Wie ist das Verhältnis zu Russland? Wird sich Moskau bei den Wahlen am 10. Januar 2010 wieder einmischen?

Kurkow: Moskau wird alles aufmerksam beobachten, aber nicht so direkt eingreifen wie im November 2004, als der damalige Präsident Putin voreilig Herrn Janukowitsch zum Sieg gratulierte. Es gibt auch keinen Grund, aktiv zu werden: Der antirussische Juschtschenko hat keine Chance und sowohl mit Premierministerin Julia Timoschenko als auch mit Oppositionsführer Viktor Janukowitsch lässt sich verhandeln.

sueddeutsche.de: Amtsinhaber Juschtschenko liegt in Umfragen bei drei Prozent. Was hat er falsch gemacht?

Kurkow: Praktisch alles. Okay, er hat dafür gesorgt, dass Amerikaner und Europäer ohne Visum einreisen können, aber ansonsten hat er sich mehr mit der Vergangenheit beschäftigt als mit der Zukunft des Landes. Die russischsprachige Bevölkerung hat ihn nie akzeptiert, aber er hat auch die Unterstützung in der West- und Zentralukraine verloren, weil er die Korruption trotz seiner Versprechen nicht bekämpft hatte. Stattdessen nimmt die Bestechlichkeit zu. Nicht mal seine Anhänger verstehen, was er macht.

sueddeutsche.de: Sie spielen auf seine Geschichtspolitik an. Welche Projekte sind denn so umstritten?

Kurkow: In vielen Städten stehen nun Denkmäler, die an den Holodomor erinnern - also an die erzwungene Hungersnot 1932/33, bei der etwa drei Millionen Menschen starben. Der Präsident will, dass dies den Ukrainern bei ihrer Nationsbildung hilft. Gleichzeitig fehlt es in den Krankenhäusern an allen Ecken und Enden. In der Kiewer U-Bahn kleben überall Zettel und Plakate mit Kindergesichtern. Darunter stehen Konto- und Telefonnummern, weil ihre Eltern und Stiftungen versuchen, Geld für die Behandlung der Kleinen zusammenzukriegen. Und in der Zeitung steht dann, dass das Holodomor-Hauptdenkmal in Kiew, ein Komplex mit Museum, fast zehn Millionen Euro kosten wird - das ist sehr viel für die Ukraine.