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Türkischer Nationalismus:Hass in Wort und Tat

Ein Anhänger der "Grauen Wölfe" demonstriert in Frankfurt. Laut Verfassungsschutz sind etwa 11000 türkische Rechtsextremisten in Deutschland aktiv.

Ein Anhänger der "Grauen Wölfe" demonstriert in Frankfurt. Laut Verfassungsschutz sind etwa 11 000 türkische Rechtsextremisten in Deutschland aktiv.

(Foto: Boris Roessler/DPA)

Der türkische Erdoğan-Kritiker Erk Acarer ist in Berlin geschlagen und getreten worden. Ermittler vermuten rechtsextreme Anhänger des AKP-Regimes dahinter. Diese sind in Deutschland zu Tausenden aktiv.

Von Gökalp Babayiğit und Ronen Steinke, Berlin

Spott und Häme haben sich am Freitag über den regierungskritischen türkischen Journalisten ergossen, der mitten in der deutschen Hauptstadt zum Opfer einer gewaltsamen Attacke geworden war. "Alle Verräter bekommen, was sie verdienen", kommentierte ein türkischsprachiger Nutzer auf Twitter. "Lügner und Betrüger", giftete ein anderer. Den großen türkischen Zeitungen ist der Vorfall kaum eine Meldung wert. Auf den Accounts türkischer Nationalisten aber tobt der Hass. "Um in die Nachrichten zu kommen, wird er sich selbst verprügelt haben lassen", schreibt ein Nutzer.

Der im Berliner Exil lebende türkische Journalist und Erdoğan-Kritiker Erk Acarer wurde am Mittwochabend vor seinem Haus von drei Unbekannten angegriffen und am Kopf verletzt. Viel deutet darauf hin, dass Anhänger des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner Regierung aus nationalkonservativer AKP und rechtsextremer MHP die Tat begangen haben. Die Berliner Polizei bestätigte am Donnerstag den Angriff im Stadtteil Rudow. Acarer lebt seit 2017 in Deutschland, nachdem er in der Türkei wiederholt bedroht worden ist.

So wie Acarer haben inzwischen zahlreiche türkische Intellektuelle in Deutschland Zuflucht gefunden. Nach dem Putschversuch gegen Erdoğan im Juli 2016 und den anschließenden Wellen der Repression ist etwa auch der ehemalige Chefredakteur der Zeitung Cumhuriyet, Can Dündar, in Berlin untergekommen, ebenso der Journalist Hayko Bağdat und der Filmregisseur Mustafa Altıoklar. Deutschland gibt ihnen Asyl. Die Attacke von Mittwochabend aber zeigt, wie prekär auch hierzulande ihre Lage ist.

So sollen Zeugen gegen 21.50 Uhr beobachtet haben, wie Erk Acarer auf dem Hof des Wohnhauses von drei unbekannten Männern attackiert wurde, heißt es bei der Polizei. Während zwei der Männer auf den 48-Jährigen einschlugen und eintraten, habe der dritte Schmiere gestanden. Als sich die Zeugen bemerkbar machten, sollen sie geflüchtet sein. In Sicherheitskreisen hält man es für denkbar, dass türkische Nationalisten aus Eigeninitiative gehandelt haben. Aber selbst ein staatlicher Auftrag aus Ankara wird nicht ausgeschlossen. In die Ermittlungen sind auch Nachrichtendienste eingebunden.

Er werde sich "dem Faschismus nicht ergeben", schreibt Acarer

Von den ungefähr 2,8 Millionen türkischen oder aus der Türkei stammenden Menschen in Deutschland betätigen sich nach der Zählung des Bundesamts für Verfassungsschutz etwa 11 000 Personen aktiv als türkische Rechtsextremisten, das sind 0,4 Prozent. Bekanntestes Erkennungszeichen der Bewegung, die sich selbst als Ülkücü (Idealisten) bezeichnet, ist der graue Wolf. Daraus leitet sich auch der sogenannte Wolfsgruß ab, bei dem die Finger der rechten Hand am ausgestreckten Arm den Kopf eines Wolfs formen.

In den vergangenen Wochen hatte die Szene auf sich aufmerksam gemacht, als Demonstranten vor Synagogen in mehreren deutschen Städten türkische Flaggen schwenkten. Die drei großen Verbände der Ülkücü in Deutschland - erstens die Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine, zweitens die MHP-nahe Organisation ATIB, drittens die Föderation der Weltordnung in Europa - hatten allerdings nicht offiziell zu diesen Protesten aufgerufen. Nach außen hin sind sie um ein gemäßigtes Auftreten bemüht.

Der Journalist Erk Acarer arbeitet für die linke Tageszeitung Birgün sowie den in Köln ansässigen oppositionellen Fernsehsender Arti TV. In jüngster Zeit hatte er über Verbindungen der Erdoğan-Regierung zum organisierten Verbrechen recherchiert. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu hatte ihn deswegen bereits im April über Twitter als "Clown" bezeichnet, zuletzt hatte Acarer in Berlin auch Drohanrufe erhalten. In seiner Heimat ist er angeklagt, "geheime Informationen zur staatlichen Sicherheit und Geheimdienstaktivitäten veröffentlicht" zu haben. Das bedeutet: Heimkehr ausgeschlossen.

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dağdelen sprach am Donnerstag von einem islamistisch-nationalistischen Erdoğan-Netzwerk, das eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit in Deutschland darstelle und unverzüglich zerschlagen werden müsse. "Die Bundesregierung muss hier klare Kante gegenüber Erdoğan und seinem AKP-Regime zeigen", forderte sie. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir erklärte auf Twitter, dass Exilanten aus der Türkei hierzulande Angst haben müssten, sei ungeheuerlich. Er sei auf die Reaktion der Bundesregierung gespannt.

Erk Acarer selbst schrieb auf Twitter, er werde sich "dem Faschismus nicht ergeben". Und: "Ich kenne die Täter." Allerdings meinte er damit, wie inzwischen geklärt ist, nicht die einzelnen Personen, sondern deren mutmaßliches Milieu.

© SZ/skle
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