Japan und China:Wahre und falsche Helden

Lesezeit: 3 min

Japan und China: Japans langjähriger Premier Shinzo Abe bei einem seiner seltenen Besuche in China, mit Präsident Xi Jinping im Dezember 2019 in Peking.

Japans langjähriger Premier Shinzo Abe bei einem seiner seltenen Besuche in China, mit Präsident Xi Jinping im Dezember 2019 in Peking.

(Foto: Noel Celis/Getty Images)

Chinesische Nationalisten reagieren mit Freude und Häme auf die Tötung von Japans Ex-Premier Shinzo Abe. Die Regierung in Peking versucht, den Ton zu mäßigen - aber das Verhältnis beider Länder bleibt ein schwieriger Balanceakt.

Von Lea Sahay, Peking

Kommentare wie "Lasst die Feierlichkeiten beginnen" und Beiträge, die den Attentäter des japanischen Ex-Premiers Shinzo Abe als einen "wahren Helden" bezeichneten, waren nur zwei der zahlreichen hässlichen Bemerkungen, die in den sozialen Medien in China am Freitag Millionen Gefällt-mir-Daumen erhielten. Eine chinesische Journalistin, die in einer Sendung zum Tod Abes mit den Tränen kämpfte, zog die Wut vieler Nutzer auf sich - ihr Mitgefühl für den getöteten Politiker sei "unpatriotisch". In einem Kommentar hieß es da: "Bist du überhaupt Chinesin?"

Auch wenn viele Chinesen als Zeichen der Trauer Emoji-Kerzen veröffentlichten oder ihr Beileid aussprachen, sahen sich führende nationalistische Blogger schnell gezwungen, die Jubelstürme einiger ihrer Follower etwas einzudämmen, die auf den Tod Abes "anstoßen" wollten. Der bekannte Blogger und frühere Chefredakteur der nationalistischen Global Times, Hu Xijin, erklärte, dies sei eine Zeit, politische Streitigkeiten hintanzustellen.

Shinzo Abe, der am Dienstag im privaten Kreis in Tokio beigesetzt wurde, war eine umstrittene politische Persönlichkeit in dem großen Nachbarland Japans. Viele Chinesen sahen nicht nur die militärische Stärkung Japans unter Abes Führung kritisch - die dem Land auch Auslandseinsätze erlaubte. Sie warfen ihm vor allem vor, die Gräueltaten Japans im Zweiten Weltkrieg zu verharmlosen. Als Abe im Jahr 2013 den Yasukuni-Schrein in Tokio besuchte, sprach das Außenministerium in Peking von einem "absolut inakzeptablen Vorgehen für die chinesische Bevölkerung".

Bei dem Yasukuni-Schrein werden nicht nur japanische Tote geehrt, die seit 1868 in Kriegen umgekommen sind, sondern auch einige verurteilte Kriegsverbrecher. In China ist die Erinnerung an die japanische Besatzung im Zweiten Weltkrieg immer noch sehr lebendig. 80 Millionen Chinesen wurden im Krieg vertrieben, zwischen 14 und 20 Millionen starben. Nach Schätzungen von Historikern versklavte Japan 200 000 Frauen vor allem aus Korea und China und zwang sie zur Prostitution.

Viele Hass-Kommentare werden nicht gelöscht - trotz sehr aktiver Zensur

Nach Abes Tod verwiesen viele Kommentare auf den Jahrestag des Gefechts an der Marco-Polo-Brücke am vergangenen Donnerstag. Der japanische Überfall am 7. Juli 1937 löste den Zweiten Weltkrieg in Asien aus. Einige sprachen von "Karma".

Offiziell bemühte sich Peking um einen sachlichen Ton. Das Außenministerium erklärte unmittelbar nach der Nachricht von dem Attentat, China sei "geschockt", und fügte später hinzu, der frühere Premier habe zur Verbesserung und zum Ausbau der chinesisch-japanischen Beziehungen beigetragen.

Ein großer Teil der hasserfüllten Kommentare wurde jedoch nicht gelöscht - anders als bei für Peking sensiblen Themen, die Chinas Zensoren sofort aus sozialen Netzwerken entfernen. Dies zeigte zumindest eine gewisse Toleranz für den geschürten Hass - und die geschmacklosen Äußerungen vieler Nationalisten, die als Unterstützer Xi Jinpings gelten.

Immer wieder kommt es zwischen den beiden Ländern zu politischen Spannungen, so wie 2012, als aufgebrachte Chinesen japanische Supermärkte und Firmen plünderten. Kurz zuvor hatte Japan die umstrittenen Senkaku-Inseln oder Diaoyu-Inseln, wie China sie nennt, gekauft.

Unter Abes Führung näherten sich beide Staaten trotz der historischen Streitigkeiten wieder einander an. Wirtschaftlich hoben sie die Beziehungen auf eine "neue Stufe", wie Abe bei einem seltenen Besuch in Peking erklärte. Dem japanischen Nationalisten gelang mit seinem Kurs eine beachtenswerte Gratwanderung, während er zur gleichen Zeit an einer Neupositionierung des Landes im Pazifik arbeitete.

Verschärfung angesichts der Taiwan-Frage

Diese machte ihn zum Architekten einer indopazifischen Strategie als Antwort auf Chinas neues Machtstreben - damit war er seiner Zeit weit voraus. Unter Abes Führung wurde auch die Quad-Gruppe wiederbelebt, zu der Japan, Australien, die USA und Indien gehören.

Seit dem Ende seiner letzten Amtszeit im Herbst 2020 verschärfte Abe seinen Ton gegenüber Peking jedoch deutlich. Er setzte sich nun offensiv für eine Verteidigung Taiwans ein, sollte die chinesische Führung den Inselstaat vor seiner Küste angreifen. Bisher setzen die USA auf eine Politik der "strategischen Ambiguität", die nicht festlegt, ob Washington im Falle eines Angriffs Taiwan zur Hilfe kommen würde. Abe forderte hingegen "alle demokratischen Staaten" dazu auf, Parteichef Xi Jinping und die KP-Führung davon abzuhalten, "auf den falschen Weg" zu geraten.

An anderer Stelle bezeichnete er einen Notfall Taiwans auch als einen Notfall für Japan - und damit für die japanisch-amerikanische Allianz. "Die Leute in Peking, besonders Präsident Xi Jinping, sollten das nicht falsch einschätzen", sagte er.

In Taiwan bedankte sich Präsidentin Tsai Ing-wen am Samstag für Abes "lebenslangen Beitrag", sie ordnete an, die Flaggen auf halbmast zu setzen. Vize-Präsident William Lai reiste nach Japan, offiziell als Privatperson, um seine Beileidsbekundungen persönlich zu überbringen. Er ist damit der ranghöchste Vertreter zu Besuch in Japan seit dem Abbruch der offiziellen Beziehungen 1972. In Taiwans Hauptstadt erstrahlte der Wolkenkratzer Taipei 101 mit wohlwollenden Worten für den Getöteten: "Danke, Premier Abe" und "Taiwans Freund für immer".

Zur SZ-Startseite

SZ PlusJapan
:Der Rebell zwischen den Rollfeldern

Mehr als eine Million Euro wurde ihm geboten, aber der Bauer Takao Shito denkt nicht daran, sein Land herzugeben. Darum musste der Flughafen in Tokio um seine Äcker herumgebaut werden. Über einen Mann, der den Kampf seines Vaters geerbt hat.

Lesen Sie mehr zum Thema